Interesse versus Mystik, Tabu und Angst

Plötzlich erscheint vieles in einem anderen Licht. Selbst der Zaun zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten verliert für viele das Unfassbare. Jetzt sind hier, im Herzen Europas, plötzlich Verhältnisse, die sonst nur aus der Ferne bekannt waren und die dazu führten, dass sich die besser wissenden Seelchen darüber empören konnten, wie roh doch auf das eine oder andere reagiert wurde und wird. Die Erkenntnis, die sich jetzt Bahn bricht, ist eine andere, auch wenn sie immer noch nicht zum Umdenken führt: Die Welt ist roh, und sie wird es wohl auch bleiben. Dennoch bleiben diejenigen, die sich schon immer einen einwandfreien moralischen Standpunkt gesichert haben, auf der sicheren Seite und diejenigen, die mit einbetoniertem Kompass die Welt erklärten, weiterhin unangefochten im Recht. Mit kritischem Denken, mit einer Analyse, die den Namen verdient, hat das nichts zu tun. Aber das Lavieren zwischen Einsicht, Opportunität und Populismus wird zumindest hierzulande immer noch mit Wiederwahl belohnt.

Alle, die jetzt mit einfachen Erklärungen aufwarten, sollten sich über eines im Klaren sein. So einfach, wie vieles erscheint, ist es dann doch nicht. Eine wesentliche Ursache für die teils desolate, teils moderate, aber auf jeden Fall dramatisch ungleiche Situation auf dem Balkan war die Zerschlagung Jugoslawiens. Und die Staaten, die von der Bundesrepublik Deutschland besonders unterstützt wurden, haben die schlimmste Diskrepanz zwischen superreichen Minderheiten und total pauperisierten Massen. Dennoch existiert eine Wanderungsbewegung Richtung Zentraleuropa aus nahezu allen Staaten des heutigen Balkans.

Natürlich ist die Bundesrepublik ein reiches Land. Und natürlich sind die Zahlen von Flüchtlingen, die das Land erreichen, nichts im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Und dennoch waren weder die Bewohnerinnen und Bewohner noch die Behörden eine derartige akute Anreise nicht gewohnt. Die Verhältnisse polarisieren eine alternde Gesellschaft, die lieber den Besitzstand wahrt als ans Teilen zu denkt. Dabei wird vergessen, dass die Einwanderung ein positiver Impuls sein kann, wenn er als solches erkannt und genutzt wird. Momentan noch herrscht das Diktum des Ungewollten und der Bedrohung. Es ist damit zu rechnen, dass bei einer Justierung der Kapazitäten und der Etablierung der Routinen die Hysterie, die derweilen auf allen Seiten festzustellen ist, nachlassen wird.

Die entscheidende Frage, die darüber entscheidet, inwieweit irgendwann doch die Gesellschaft aufgrund der kommenden Herausforderungen emotional kollabiert, ist die Ausrichtung der Außenpolitik. Der Zusammenhang zwischen eigener Außenpolitik und den Herausforderungen, mit denen jetzt das Inland konfrontiert ist, wird noch nicht in dem Maße wahrgenommen, wie es das verdient hat. So klar es zu sein scheint, dass sowohl Großbritannien als auch Frankreich immer noch und immer wieder Reaktionswellen aus den ehemaligen Kolonien erhalten, so unklar ist, dass eine bestimmte Bündnispolitik, die Destabilisierung von ganzen Regionen und Staaten, der sukzessive Rückzug aus der Entwicklungspolitik und der massive, als Junktim verhandelte Standpunkt wirtschaftsliberalistischer „Reformen“ maßgeblich zu Zuständen geführt haben und führen werden, wie sie momentan als Migrationsbewegung erlebt wird. Jeder, auch Staaten, sind verantwortlich für das, was sie tun und für das, was sie nicht tun.

Es wird darauf ankommen, über eine Einwanderungsdiskussion, die den Namen verdient, Mystik, Tabus und Ängste aus dem Spiel zu nehmen und humorlos immer wieder die Frage zu stellen, was das Land in wessen Interesse international unternimmt und in wessen Interesse bei einer Einwanderungspolitik welche Position eingenommen wird. Das wird nicht lustig sein, aber vieles klären. Eine Nation, ein Staat, kann sich nicht Positionieren durch Andeutungen und dumpfe Gefühle.

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6 Gedanken zu „Interesse versus Mystik, Tabu und Angst

  1. hildegardlewi

    Das ist alles gut und richtig, aber wie willst Du eine dumpfe und hirntote Masse zu wohlüberlegter Reaktion bewegen und eine eingeschlafene, tatenlose, selbstzufriedene, und in vielen Fällen dilettantische leicht durchschaubare Politik mit teilweise Witzfiguren zu effektivem Handeln zwingen? Ich habe nicht den Eindruck, daß sie wissen, was sie tun. Sie denken doch nicht, wie ich schon mal bemerkte, sie lassen denken. Armes Deutschland. Wenn die Flüchtlinge klug sind, lassen sie sich wieder in ihre angestammte Heimat zurückbringen und eine beachtliche Gruppe Europäer und Amis verpflichten sich, ihnen an Ort und Stelle wieder anständige Städte aufzubauen und schaffen ihnen wieder eine angestammte Umwelt, in der sie ihre eigene Geschichte leben können, nicht unsere. Das würde ich vorschlagen. Muß man ja nicht gleich übermorgen damit anfangen. Europa ist reich genug und es finden sich bestimmt viele Freiwillige. Die Amis braucht man um Geld nicht zu bitten – die kommen mit dem drucken nicht so richtig nach.
    Und bei vielen Katastrophen haben wir immer großzügig gespendet – was steht dem im Wege? Dann kann man auch mit ihnen Handel treiben, denn irgendetwas werden sie ja können, wenn sie hier schon unsere ganze Industrie auf den Vordermann bringen sollen (wollen?)

  2. Nitya

    „Eine Nation, ein Staat, kann sich nicht Positionieren durch Andeutungen und dumpfe Gefühle.“

    Lieber Gerd,

    ein Staat nicht, der ist ja seine Regierung, eine Nation schon, die bestimmt sich eben u.a. auch durch „Andeutungen und dumpfe Gefühle“ der einzelnen Menschen. Und ich denke, das muss eine Nation aushalten können, dass es Menschen mit diffusen Ängsten gibt. Du kannst sie ja nicht alle auf die Couch legen und vielleicht sind diese Ängste ja auch bis zu einem gewissen Grad durchaus verständlich. Du sagst: „Natürlich ist die Bundesrepublik ein reiches Land.“ Sag das mal einem Hartz IVler, der wird dafür wenig Verständnis aufbringen. Die Schere zwischen Reichtum und Armut geht immer weiter auseinander. Da bringt es wenig, wenn die Menschen, denen es wirtschaftlich nicht so gut geht und die deshalb „dumpfe Ängste“ produzieren, als Pack beschimpft werden. Ich weiß noch, wie nach dem zweiten Weltkrieg die Flüchtlinge aus den Ostgebieten in Bayern, wo ich damals lebte, als „Huraflichtlinge“ beschimpft wurden. Und sie wurden nicht nur beschimpft. Das wurde alles irgendwie verkraftet. Und wenn man davon ausgeht, dass beide Parteien nachvollziehbare Gründe für ihr Verhalten haben, wenn man die Position der jeweils anderen Partei achten kann, dann könnte man auch ein Gespräch miteinander führen, in dem sich vielleicht die Tabus und Ängste verringern würden. Diese können jedenfalls keineswegs „aus dem Spiel genommen werden“. Was die Mystik in dieser Aufzählung verloren hat, ist mir nun allerdings völlig schleierhaft. Ich wäre jedenfalls sehr froh, wenn die Mystik eines Meister Eckhart weite Verbreitung gefunden hätte.

    Herzlichst
    Wilhelm

  3. gerhard

    Das Traurige ist doch letztendlich, dass Globalisierungskritiker bereits vor 20 Jahren nicht nur die maßgebende Führung der Großkonzerne und das gleichzeitige Zurückdrängen der politischen Handlungsfähigkeit der Regierungen prognostiziert haben, auch die Völkerwanderungen, die wir heute erleben, wurden eingehend thematisiert – und ignoriert. Zäune als Ausdruck der Wagenburg-Mentalität Europas waren damals keine Hirngespinste. Man könnte heute durch nüchternes Antizipieren realistischer Entwicklungen wesentlich weiter sein.
    Viele Grüße,
    Gerhard

  4. almabu

    Das sind keine „Flüchtlinge“ sondern Menschen in akuter Not, in Lebensgefahr. Sonst könnte man sie ja auch „Hansel“ oder Schlimmeres nennen, was Einerseits ungerecht wäre und Andererseits am Thema vorbei führen würde. Wenn wir über die eigentlich selbstverständlichen, normalen, zwischenmenschlichen Empathien hinaus Gründe benötigen, warum wir human und fair mit ihnen umgehen sollten, dann wäre da z.B. der gesunde Egoismus. „Unser“ Europa, das der Menschen, nicht das der Wirtschaft, implodiert mit einem verzagenden Furz (Martin Luther?), wenn wir dieses humanitäre Thema nicht im ureigenen Interesse sauber regeln.
    Wir können Europa komplett vergessen, ohne Menschen- und Bürgerrechte, ohne soziale Standards und Rechtssicherheit. Es bleibe eine hässliche Freihandelsszone á la TTIP, nur ohne geheime Schöffengerichte für die jährliche Rendite, die Ernte, wo Steuergelder der Europäer transatlantisch abgegraben werden, wie eine Kuh die gemolken wird…
    Der von David Cameron stets angedrohte EU-Austritt der Briten, wir müssten ihn unter diesen Umständen mit größtem Bedauern zwar, aber eindeutig begrüßen? Ungarns Orban? Raus! Die Balten, die Polen? Eben!
    Wir haben uns – in unterschiedlichem Maße zwar – an der Zerschlagung Jugoslaviens ebenso beteiligt, wie an der Zerstörung des Irak, Lybiens und Syriens. An den Verhältnissen in Zentralafrika sind wir, die EU auch nicht ganz unschuldig. Der Einzige, der überall maßgeblich mit mischt ohne einen entsprechenden Teil der Folgen zu tragen, ist die Oligarchie jenseits des Atlantiks, aus der alles GUTE zu uns zu kommen pflegt und die das Denken für Angela Merkel übernimmt…

      1. almabu

        „Iraqis, Syrians, Palestinians, and Libyans are not running away from their homes because of a natural disaster. The U.S. should see this crisis as partially caused by its own actions in the region.“ 
—Raed Jarrar, American Friends Service Committee
        And then there is the matter of the refugees themselves. The U.S. has admitted roughly 1,500 Syrian refugees since 2011 and says that it will resettle no more than 8,000 by the end of 2016. In 2013, the last year for which Homeland Security statistics are available, the U.S. granted asylum to just 36 people from Syria.

        http://www.commondreams.org/news/2015/09/04/major-culprit-creating-crisis-us-rebuked-failing-refugees

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