Vom Skalp zur Öl- und Finanzindustrie

Philipp Meyer. The Son

Der Zugang einer Biographie zum wahren Leben ist oft verschlungen. Es muss nicht das eigene, unmittelbare Erlebnis sein, das das Tor zur Erkenntnis öffnet. Manchmal, für die Feinfühligen, reicht auch nur die Aura, um das Wesen des Seins zu begreifen. Wenn es sich bei dem Begreifenden um eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller handelt, so ist das in unseren Tagen ein Glücksfall. Die amerikanische Literatur scheint mit Philipp Meyer einen weiteren solchen Glücksall zu haben. Sein Debütroman American Rust, der den Niedergang und die Tristesse der einstigen Kohle- und Stahlhochburg Pittsburg PA im Leben von Jugendlichen materialisierte, schöpfte Meyer wohl aus den Erfahrungen, die er als Jugendlicher selbst in Baltimore, einer Stadt mit einem ähnlichen Schicksal, sammelte. Nun, mit seinem zweiten Roman, The Son, verbindet den ehemaligen Derivatenhändler ein Stipendiatenaufenthalt an einer Literaturschule in Austin, Texas. Die heutige, moderne und attraktive texanische Metropole hat ihn inspiriert, in die dortige soziale DNA zu blicken.

The Son ist ein für heutige Zeiten grandioser Roman. Grandios deshalb, weil er die Geschichte einer Familie miteinander korrespondierend über drei Jahrhunderte erzählt. Im Wesentlichen sind es drei Personen, die abwechselnd und fortschreitend ihre Erlebnisse, Gedanken und tragischen Erkenntnisse erzählen. Dabei zeichnet sich ein Bild der texanischen Gesellschaft, wie es in dieser profunden Art noch nicht gezeichnet wurde. Die Figuren, die die Geschichte dominieren, sind nicht durchweg sympathisch, aber sie sind verständlich. Ihre Motivlage ist deutlich und transparent und ihre Handlungen folgerichtig, auch wenn sie zum Teil in ihrer Konsequenz ins Desaster führen.

Da ist zum einen Eli McCullogh, der bei einem Überfall auf die eigene Farm 1849 von den Comanchen entführt und aufgezogen wurde, J.A. Jeannie McCullogh, der letzten Patriarchin eines Öl- und Finanzimperiums, die von der Jetztzeit, dem Ende her in der Stunde ihres Todes das Leben betrachtet und die Tagebücher des Peter McCullogh, die 1915 beginnen und an der Nahtstelle zwischen dem Rinder- und dem Ölimperium sowie des Wandels der USA von der Kontinental- zur Weltmacht entstehen. Die drei Perspektiven für sich sind bereits eine tiefe Bereicherung. Eli McCulloghs Erlebnisse schildern die große Naturverbundenheit, die zivilisatorische Unschuld und damit verbundene Barbarei der amerikanischen Ureinwohner mit ungeheurer Detailkenntnis und Sympathie. Jeannie McCulloghs Betrachtungen sind ein Lehrstück über eine erfolgreiche, mächtige Frau, die nahezu archaisch patriarchalisch erzogen wurde und radikal mit ihren Rollenerwartungen brechen musste, um ihrem Schicksal gerecht und trotzdem unglücklich zu werden. Und Peter McCulloghs Tagebücher gewähren den Einblick in einen Zweifelnden innerhalb eines skrupellosen Machtgefüges, dem klar wird, dass er von innen heraus nichts ändern kann und der mit der Familie brechen muss, um der tödlichen Logik zu entkommen.

In ihrer Kombination sind die drei Perspektiven eine Vivisektion des Staates Texas, der bis heute die über drei Jahrhunderte geschilderten Lebenswelten zumindest in Ansätzen noch in sich vereint. Das Archaische, die patriarchalische, muskulöse Männergesellschaft und die global agierende, mit Formen sozialer Dekadenz kämpfende Öl- und Finanzindustrie. Philipp Meyer ist mit diesem Roman etwas gelungen, das kaum noch gelingen mag in einer Zeit, in der die kurze Zeichnung das zu sein scheint, was das Gros der Leserschaft noch bereit ist zu akzeptieren und in der die schreibende Zunft den Atem verloren hat, die großen Geschichten bis zu Ende zu erzählen. Meyer hat dies getan, und das gar nicht so Überraschende ist die Vielschichtigkeit, die sich hinter der menschlichen Geschichte verbirgt. Ober, wie es Jeannie McCullogh einmal lapidar formuliert, es bedurfte keines Hitlers, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass die Flüsse der Geschichte voller Blut sind.

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5 Gedanken zu „Vom Skalp zur Öl- und Finanzindustrie

  1. gerhard

    Danke für den Hinweis, Gerhard. Die Besprechung macht Lust zum lesen. Deine Beobachtung hinsichtlich langem Atem und „eine Geschichte ausführlich fertig erzählen“ finde ich insofern auch interessant, da ich derzeit ein Buch von Frederick Forsyth lese, ein über dreißig Jahre altes Werk, bei dem ich dahingehend die gleiche Beobachtung im Vergleich zu vielen aktuelleren Werken/Autoren mache.
    Bei dem, was Du über „The Son“ schreibst, drängen sich mir Assoziationen zu „Manchmal ein großes Verlangen“ , dem zweiten Roman von Ken Kesey („Kuckucksnest“) auf.
    Viele Grüße,
    Gerhard

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