Höllenfahrten für die gute Tat

Es scheint, als lasse die Regierung das Volk für jede gute Tat, die es sich selbst leistet, mit einem weiteren Besuch in der Hölle bezahlen. Ob es nun Dilettantismus der Regierenden oder ihr Zynismus ist, für diejenigen, die in das Desaster getrieben werden, ist es gleich. Da kommen Menschen aus dem Nahen Osten, vor allem aus Syrien, auf der Flucht, verzweifelt aufgrund eines Krieges, der schon lange kein Bürgerkrieg mehr ist, sondern ein internationaler Dauerkrieg in der Weltregion, in der Öl fließt und in der es um den Transport des Öls geht, an dem Syrien, der Iran, der Irak, die USA, Saudi Arabien, der Libanon und Russland beteiligt sind, in dem es vordergründig um Schiiten und Sunniten, um Alawiten, Aleviten und Christen geht, im Grunde aber immer wieder um Macht und Geld, da kommen Menschen aus dieser Region in das noch friedliche Europa und suchen nach Frieden.

Und da sind Menschen in Europa, die haben Verständnis für diese Geplagten und Gepeinigten, die nicht immer alleine kommen, sondern unter die sich auch solche begeben, die nicht nur Gutes im Sinne haben, aber diese Menschen haben ein gutes Herz und laden sie ein, im friedlichen Europa ein neues Leben zu beginnen. Die Hoffnung wäre, hier nicht gleich eine neue Industrie aufbauen zu müssen, die diesen Menschen hülfe, weil dann die Maschinerie irgendwann wieder wichtiger wäre als die Menschen selbst, um die es geht. Aber, in diesen Tagen geht alles sehr schnell, schon wird gerade im Aufbau einer solchen Maschinerie ein Konjunkturprogramm gesehen, was dafür spricht, dass die direkte, soziale Solidarität schon in der Defensive zugunsten der Apparatschiks ist.

Und während man sich hier noch die Augen reibt ob der Freude und Hilfsbereitschaft, und während deutlich wird, dass die zu erwartende Immigration andere Ausmaße annehmen wird, als die zunächst erwarteten, da beginnen die Analysten des politischen Berlins, mit ihrem kurz geschnittenen Monokausalismus bereits die Syrienkrise zu deuten und kommen in einer Nano-Sekunde zu dem Schluss, dass Russland maßgeblich die Verantwortung dafür trage, dass Syriens Präsident Assad, der gegen die eigene Bevölkerung bombt, noch im Amte ist. So falsch ist das nicht, nur sollte deutlich sein, dass alles andere auch nicht besser wäre.

Russland stützt Assad, um seinen einzigen Zugang zum Mittelmeer zu sichern. Der Iran stützt Assad aus den gleichen Gründen. Saudi Arabien stützt die Sunniten in der Region, auch den IS, um diesen Zustand zu beenden und die sunnitischen Vorherrschaft zu sichern. Die USA und im Schlepptau die EU wiederum stützen letztere, um die Möglichkeiten Russlands und des Irans zu beenden und die amerikanisch-saudische Öl-Allianz zu begünstigen. Die viel erwähnten Kurden werden dabei benutzt, wenn sie helfen können und geopfert, wenn nicht. Eine sunnitische Dominanz unter saudischer Ägide hieße das Abschlachten der Schiiten, Juden und Christen. Es muss deutlich sein, dass eine Intervention, die im Namen der hier angekommenen Flüchtlinge begründet wird, zu ebenso viel, vielleicht noch schlimmerem menschlichen Leid führen wird. Es ist ein Kampf zwischen den USA und Saudi Arabien hier und dem Iran und Russland dort um Einfluss und Macht. Bei einer solchen Arithmetik fällt der Humanismus unter den Tisch. Alle, die etwas anderes behaupten, haben sich der Zunft der Demagogie verschrieben.

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7 Gedanken zu „Höllenfahrten für die gute Tat

  1. Reactionär

    Die Bedeutung von Tartus für die russische Marine wird überschätzt. Das ist nicht einmal ein Flottenstützpunkt, sondern eine Reparaturbasis mit relativ geringer Besetzungsstärke. In einem globalen Konflikt wäre das Mittelmeer für die Russen sowieso eine ›No-Go-Ärea‹. Der Türke sitzt am Bosporus, die Briten bei Gibraltar und die Ägypter am Suez. Insofern ist Tartus kein Grund, um einen Stellvertreterkrieg zu führen, zumal die russischen Schiffe im Mittelmeer auch in Zypern repariert werden können.

    1. almabu

      Schiffe in einem relativ kleinen Binnenmeer, umgeben von NATO-Staaten, sind sowieso mehr oder weniger reine Zielscheiben für Jets und Raketen mit kurzer Überlebenszeit.

  2. almabu

    Die nach über vier Jahren Krieg nicht gänzlich unerwartete Flüchtlingskrise hat der EU den Spiegel vorgehalten. Wenn sie hinein sehen würde anstatt sich nationalistisch und kleinlich zu streiten, dann bestünde die kleine Chance der Besinnung. Wenn diese Flüchtlinge jedoch wirklich eine existentielle Krise für Europa darstellen sollten (was ich mich weigere zu glauben), dann „Gute Nacht, Europa“!

  3. guinness44

    Lieber Gerhard, so oft wie ich anderer Meinung bin so sehr stimme ich hier zu. Das ist mit Abstand die beste Zusammenfassung und zeigt deutlich, dass es keine einfache Lösung geben wird.

    Ich denke eine mögliche Lösung kann darin bestehen, dass jemand aus dem Umfeld von Assad übernimmt und Assad in ein sicheres Exil geht. So könnte ein Status quo alte wieder hergestellt werden. Diese neue Person muss dann versuchen die Parteien wieder zusammen zu bringen. Ob es eine solche Person überhaupt gibt weiß ich allerdings nicht.
    Vielleicht kann man einen Deal im Hinblick auf Jemen machen. Wie immer bei einem Deal wird es auch da Opfer geben, aber 4 Jahre Krieg haben auch nichts gebracht.

  4. almabu

    Wenn man einmal als Tatsache akzeptiert, dass dieser Krieg von Beginn an von Außen initiiert, alimentiert und finanziert worden ist, dann wäre die Sache eben nicht mit einem Austausch der Person Assad gegen einen XY getan. Die Kriegsziele der Initiatoren wären ja damit nicht erreicht. Frieden wäre erst möglich, wenn die ursprünglichen Aggressoren ihre Ziele aufgeben. Das sehe ich so noch nicht einmal in weiter Ferne! Eher sehe ich den armen Tropf in Frankreich, den mit dem niederländischen Namen, bei dem Versuch, seine sich im Keller befindlichen Umfragewerte in Syrien nach oben zu bomben! Big Brother in Übersee sähe die NATO sicher gerne mit Bodentruppen zuerst in Syrien gebunden um sie dann, einmal in Schwung, gleich noch die Ostukraine befreien zu lassen.

  5. westendstorie

    Und so können wir tagtäglich nur unseren eigenen Humanismus versuchen zu leben, umzusetzen und zu verbreiten. Um die Welt ein klein klein wenig schöner zu gestalten.
    Das vermeintlich Gute in den Führungsebnen dieser Welt, das endete wohl mit deren Eintritt in genau jene Riege. Es scheint wohl der Lauf der Dinge, das Menschen eines Tages, wenn ihnen zu viel Macht in die Hände gerät, das doch so heilige Gut verloren geht… das Füreinander. Das Miteinander. Die Toleranz. Die Akzeptanz. Die Menschlichkeit. Wobei dieser Begriff zum Unwort jeden Jahres gewählt werden darf. Denn was impliziert es schon. Menschlichkeit. Irgendwie nichts positives. Leider.

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