Adolfs Kutschen in der Krise

Jetzt reiben sich alle die Augen. Etwas ungläubig. Weil wir doch in einer Demokratie und in einem Rechtsstaat leben. So meinen sie, zumindest die Verdrängungskünstler. Der große, ja Adolfs Volkskonzern hat einmal mehr bewiesen, wie das so geht, wenn die Realität einem großen Ziel gebeugt wird. Der größte Automobilkonzern sollte es werden. Nun wird es vielleicht einfach nur das Präludium für den Untergang des größten und wichtigsten Produktionszweiges der gesamten deutschen Industrie. Und vielleicht ist es ja, in Bezug auf die Umweltproblematik und die ganz anderen, neuen Erfordernisse der Mobilität nur folgerichtig, dass das jetzt ausgerechnet den Konzern mit der immer noch größten Staatsbeteiligung und der braunen Silhouette trifft.

Dessen Aufsichtsratschef, seinerseits auch noch im analogen Gremium des FC Bayern, einem besonderen Qualitätsmerkmal an sich, und natürlich des KDF-Derivats, des VFL Wolfsburg, stellte sich nach dem verkündeten Debakel, der instruierten Manipulation von Emissionsmessungen und deren PR-Verwertung und einer daraus resultierenden erforderlichen Rückholaktion von 11 Millionen Dieselfahrzeugen, vor die Kameras und bekundete sein Bedauern. Der Schaden wird noch weitaus größer sein als es diese Zahlen vermuten lassen. Es kann sogar sein, dass eine Rezession über die nationale Ökonomie hereinbricht, weil vor allem die Börse längst nicht mehr Äquivalente, sondern Emotionen und damit auch Hysterien tauscht. Und dieser Mann, Jahreseinkommen 16 Millionen Euro, stellt sich hin und sagt, es täte ihm leid.

Eigentlich ist es genau das, was der Volksmund so gerne großes Kino nennt. Und dass dieses so geht, ohne dass ein Generalstreik spontan ausbräche und der Delinquent aufgrund einer echauffierten Masse um Leib und Leben oder der umgehenden Sicherheitsverwahrung durch eine ermittelnde Staatsanwaltschaft fürchten müsste, erklärt sich tatsächlich mit einer Geschichte, die bei den braunen Horden beginnt und erst dann endet, wenn die größt mögliche Katastrophe gesichert ist.

Begonnen hatte das alles mit der Ideologie des Nationalsozialismus, zu dessen sozialistischer Variante die Vorstellung gehörte, dass bestimmte Güter, die die Herrschaft sicherten, jedem zustehen müssten. Das waren vor allem Radios namens Volksempfänger und Autos namens Volkswagen. Als die erste Katastrophe perfekt war und man sich im Westen das Maul zerriss über die Betriebe im Osten, die teilweise unter altem Management fortgeführt wurden, passierte das gleiche in Wolfsburg, der Bastion in der deutschen Tiefebene, in der auf die alles entscheidende Panzerschlacht mit den „Russen“ gewartet wurde. VW wurde fortgeführt, teilweise mit dem alten Management und weiterhin unter starker staatlicher Beteiligung. Bis zum Design seiner Karossen konnte das Unternehmen lange nicht die Herkunft leugnen und der Massenkonsum des Binnenmarktes sorgte dafür, dass vieles in der Tradition bleiben konnte.

Es müssen nicht die Skandale aus der Vergangenheit bemüht werden, vor allem nicht die Bestechung von Betriebsräten mit Besuchen in exklusiven Samba-Puffs in Rio de Janeiro, um zu verdeutlichen, dass zwischen dem Volkswagenkonzern und anderen industriellen, global operierenden Konzernen in Struktur und Kultur immer noch ein himmelweiter Unterschied besteht. Sonst könnte nicht ein Aufsichtsratsvorsitzender, der für diesen Betrug die Verantwortung trägt, auf die Idee kommen, mit einer Erklärung des Bedauerns sei der Käse gegessen. Das glauben nur Menschen, die sich über dem Gesetz und allen anderen gesellschaftlichen Regelwerken wähnen. Das glaubt kein Fahrraddieb, und nicht einmal ein Mundräuber! Und diejenigen, die jetzt mit dem Argument daherkommen werden, die anderen seien auch keine Schafe, die befinden sich in der Logik, die herrschte, als der braune Konzern gegründet wurde.

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15 Gedanken zu „Adolfs Kutschen in der Krise

  1. almabu

    Ich bin der Meinung, der Mann sollte erst dann gefeuert werden, wenn der genaue Sachverhalt und die Verantwortungskette klar ermittelt sind. Der Nachfolger sollte dann den notwendigen Umbau unbelastet(?) beginnen können. Das bedeutet, die für Freitag geplante Vertragsverlängerung wäre auszusetzen. Da der Konzern angeblich die US-Ermittlungen seit über einem Jahr kennt, ist der Streit mit Piech nun in einem anderen Licht zu betrachten…

  2. lawgunsandfreedom

    Ich kenne einen Motoringenieur bei einem großen Autokonzern, der einfach nur gelacht hat und sagte, daß alle Konzerne solche und ähnliche Methoden anwenden. VW wurde halt in flagranti erwischt – mal sehen, wie lange es dauert, bis man bei den Anderen genauer nachsieht …

    Volvo und Renault sind schon durch eine noch subtilere Methode aufgefallen, weswegen man überhaupt anfing nachzuprüfen. Man muß sich mal die „Skandal-Studie“ und die Testmethoden durchlesen. Stehen interessante Dinge drin – u.a., daß dies nur Fahrzeuge einer bestimmten Klasse (LDV) betrifft und keine Fahrzeuge, die per Gesetz vom Typ her schon mal mehr Schadstoffe ausstoßen dürfen). 😀

    Blödes Gesetz, das da Software- und Hardware-Tricks erzwingt. Das kommt davon, wenn Regelungen von Leuten ohne ausreichende Fachkenntnis am grünen Tisch gemacht werden.

  3. gerhard

    Besten Dank im speziellen für den FCB-Seitenhieb ;-))
    Interessant: An der Basis, sprich beim Autohändler oder in der KfZ-Werkstatt, wurden die Abgas-Werte seit Jahren angezweifelt.
    Viele Grüße,
    Gerhard

  4. almabu

    Nun hat Winterkorn seinen Rücktritt erklärt und beteuert seine persönliche Unschuld weil Unwissenheit. Er soll als Detailbesessen gegolten haben? Mir wäre es zwar lieber gewesen, die Veranwortungskette wäre sauber aufgeklärt und dargestellt worden, bevor ein Neuer beginnt, aber das hat sich mit Winterkorns Rücktritt nun erledigt.

  5. almabu

    Mal unterstellt, Winterkorn war in alles eingeweiht, hat verloren und soll reinen Tisch machen. Der hätte also als wissender Akteur notfalls auch Vertuschung verhindern können. Er hat ja nichts mehr zu verlieren? Sein Nachfolger (aus Stuttgart-Zuffenhausen vielleicht?) hat diese internen Kenntnisse vermutlich nicht? Unter welchem Vorstandsvorsitzenden wäre Vertuschung also einfacher, Erfolg versprechender unter dem Alten oder dem Neuen?

  6. monologe

    Eine deutsche Eigenart, die mit der Vergangenheit zu tun hat, wird gern übersehen: das Durchhalten. Offenbar kann ein moderner Dieselmotor strengen Abgasnormen nicht mehr entsprechen, es wäre also eigentlich an der Zeit, höchste Eisenbahn gewesen, sich der Konkretisierung und Realisierung einer Mobilität zu widmen, die ohne diesen Motor auskommt. Warum geschieht das nicht? Warum gibts ein Weitermachen bis zum Desaster, ja, Untergang, wo doch der Fachmann unter der eigenen Hand wusste, dass die „Werte“ Lug und Trug und Propaganda, Realität etwas anderes ist? Wer ist in dieses System verstrickt? Nicht die Mineralölfirmen, die Bundesregierung, jene, die nun in Winterkorn, den Abgasfuchs, geradezu einen Helden „beerdigen“, das „Konzept“, das „System“? Man muss an Hannah Arendt denken, die einen interessanten Unterschied machte zwischen „Lügnern“ und „Verlogenen“.

  7. Bludgeon

    Blatter, Juncker, Ackermann, Maschmeyer, Quandt …Saubere Unternehmer?
    Apple, Starbucks, amazon ….
    Adidas mit seiner Neosklaverei in Südostasien/Indien …
    Nestle…

    … nee-nee der Unterschied zwischen VW und den anderen Haien ist minimal.
    Das Märchen vom verantwortungsbewussten Unternehmertum muss weg.

  8. vivinationlifestyleofficial

    Vergessen sollte man nicht, das hier über Deutschlands größte industrielle Macht gesprochen wird. Skandal hin oder her, Volkswagen sichert nicht nur 53.000 Arbeitern in Wolfsburg die Arbeit. Produktionsstandorte europaweit leiden mit darunter. Und den Beitrag als ‚Adolfs Kutschen in der Krise‘ zu betiteln, sich aber bezüglich der Flüchtlingsproblematik innerhalb von Deutschland nicht als Nazis beschimpfen zu lassen. Da passt das eine nicht zu dem anderen.

  9. almabu

    Neues von Volks(betrugs)wagen:
    Spanischen Medien zu Folge soll VW in den USA gegenüber Behörden und dem Staat California zugegeben haben, dass die betroffenen Fahrzeuge, angeblich bis zum heutigen Tag mit einer weiteren, zusätzlichen Software versehen seien, die unter Testbedingungen sauberere Abgaswerte als im Alltag produziere und so ein allgemein sauberes Fahrzeug vortäusche! Bestätigungen dieser Meldung von anderen Medien habe ich bisher aber nicht gelesen, deshalb unter Vorbehalt zu betrachten!
    Frankreich will durch geänderte Besteuerung von Diesel und Benzin in den nächsten zwei, drei Jahren den finanziellen Vorteil der Dieselfahrzeuge eliminieren und so die Franzosen zum Kauf von Benzinmotoren animieren.

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