Neue Zeiten ohne Gewerkschaften?

Vieles hat sich von der ursprünglichen Sinnstiftung entfernt. Eines davon scheinen die Gewerkschaften zu sein. Sie, die die Keimzelle des Koalitionsgedankens ausmachen, d.h. die von der Genese her alle Erbinformationen für die sozialen Emanzipationsbewegungen seit dem 20. Jahrhundert in sich tragen, die vom einfachen Interessenzusammenschluss bis hin zu den politischen Räten, sind heute zu einem Bestandteil des Systems geworden. Die Gewerkschaften treten nur noch selten als Kampfinstrumente abhängig Beschäftigter in Erscheinung, sondern viel mehr als tragende Bestandteile des Systems. Da mag der tagesaktuelle Verweis auf die VW-Krise genügen: Sitzen Gewerkschaftsvertreter nicht in den Aufsichtsgremien und teilen sie nicht das Wissen der Konzernleitung? Und wenn ja, sind sie gar an einem Vabanque wie dem entdeckten mit beteiligt und riskieren somit massenweise die Arbeitsplätze ihrer Mitglieder? Es sieht so aus.

Die Veränderung der Gewerkschaften von Interessenorganisationen ihrer Mitglieder zu einem relevanten Teil des Gesamtsystems kam schleichend daher und ist seit der Herausbildung einer Arbeiteraristokratie als Phänomen bekannt. In Deutschland waren schon immer vereinsaffine und/oder bürokratische Tendenzen in jeder politischen Bewegung schnell zuhause, aber das war nicht das eigentliche Problem. Analog zur Sozialdemokratie warfen auch die Gewerkschaften schnell das Thema der sozialen Revolution über Bord und entschieden sich für die interessengeleitete Reformerrolle. Die Machtpositionen, die die Gewerkschaften heute innehaben, korrelieren merkwürdigerweise nicht mit der Entwicklung der Mitgliederzahlen. Man könnte sogar so weit gehen zu behaupten, je mehr Mitglieder die einstigen weltweit führenden Massenorganisationen verloren, desto mehr Stimmrechte und Posten in mächtigen Gremien haben sie bekommen. Das spricht für Systemrelevanz, allerdings nicht im ursprünglich gemeinten Sinne, sondern als Stütze der Macht.

Der Prozess, der dazu führte, war ein schleichender und er hatte etwas damit zu tun, was generell als die Domestizierung des Gedankenguts genannt werden könnte. Ein beredtes Beispiel für den Charakter der Gewerkschaften sind die Bildungsangebote dieser Organisationen. In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts las man mit den Arbeitern noch Marx, in den Sechzigern zuweilen Hegel, in den Siebzigern gar nichts mehr, sondern es kamen Schreibmaschinenkurse, die in der Folge durch Computerkurse und Einführungen in das betriebswirtschaftliche Denken ersetzt wurden. Die Gewerkschaften übernahmen Aufgaben, die der Qualifizierung für die Arbeit entsprachen und opferten ohne Kampf die Emanzipationskraft der Bildung. Der Antagonismus zwischen abhängiger, fremd bestimmter Arbeit und dem Besitz an Produktionsmitteln verschwand aus den Köpfen der Gewerkschaftsmitglieder bzw. es fand dort keinen Eingang mehr. Wer allerdings exklusiv systemimmanent denkt, dem ist die Reise in die Vision einer anderen sozialen Gestaltung verwehrt.

Man kann diese Entwicklung beklagen, aber das hilft bekanntlich nicht weiter. Es wird dennoch unbestritten bleiben, dass die Gewerkschaften für einen Großteil der Bevölkerung die Basis für alles sein sollten, was zwischen verschiedenen Interessengruppen auf dem Feld der Ökonomie ausgehandelt wird. Die Erosion der klassischen Arbeiterklasse ging nicht einher mit einer neuen Bündnispolitik der diversifizierten sozialen Gruppen und Klassen. Die theoretische Enthauptung der Gewerkschaften durch ihre bürokratischen und revisionistischen Kräfte überführte sie in das Lager der Systemlogik. Am Beispiel der Krise des VW-Konzerns lässt sich illustrieren, wie lähmend diese Ansiedlung in der Systemlogik für die Organisierten ist. Und nicht nur dort. Funktionierende Gewerkschaften im originären Sinne sind notwendiger denn je. Mit dem Ende der Geschichte hat sich etwas anderes bewahrheitet als versprochen, es wurde zum Anfang des ungezügelten Kapitalismus. Dem können nur kampfbereite, schlagkräftige Gewerkschaften gegenübertreten.

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5 Gedanken zu „Neue Zeiten ohne Gewerkschaften?

  1. gerhard

    Da muss ich nicht den VW-Skandal heranziehen, mir hat das extrem schwache Geeier von verdi im Nachgang zum ergebnislosen ErzieherInnenstreik vom vergangenen Frühsommer schon gereicht.
    „There’s Power In The Union“ – es war einmal…

  2. Nitya

    Simone Weil:

    1. Eine politische Partei ist eine Maschine zur Fabrikation kollektiver Leidenschaft.
    2. Eine politische Partei ist eine Organisation, die so konstruiert wird, dass sie kollektiven Druck auf das Denken jedes Menschen ausübt, der ihr angehört.
    3. Der erste und genau genommen einzige Zweck jeder politischen Partei ist ihr eigenes Wachstum, und dies ohne Grenze.

    Warum sollten sich Gewerkschaften nicht in der gleichen Weise darstellen wie politische Parteien.

  3. lawgunsandfreedom

    Vor der Globalisierung hatten die Gewerkschaften noch Sinn und Zweck. Inzwischen sind das zahnlose Tiger, die zwecks Selbsterhalt ritualisierte Handlungen durchführen, die eigentlich nur noch PR sind.

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