Silberhochzeit

Die Feiern, so wie sie abgehalten werden, machen deutlich, dass die Kernfrage, um die es geht, nicht angekommen ist. Sich in Reminiszenzen zu wälzen ist nett, den Fortschritt zu preisen ist schön, aber die Frage nach dem Sinn zu stellen ist schwierig. Der größte Irrtum in Bezug auf die deutsche Einheit ist denn auch heute, zur Silberhochzeit, das zentrale Thema. Die Unterschiede zwischen Ost und West. Es wird immer beklagt, sie existierten noch, womit nur die Einkommensverhältnisse gemeint sein können, aber, so die Hoffnung, bald sei das Vergangenheit. Gut, aber dann? Die Eigenheiten und Unterschiede der einzelnen Teile sind der Reichtum, das sollte festgehalten werden, auch wenn es erstaunt, dass es bemerkt werden muss. Eine Vorstellung über Wesen und Charakter eines geeinten Deutschlands herrscht nicht. Schlimmer, diese Frage wagt niemand zu stellen, weil die zeitgenössische absolutistische Ideologie diejenigen, die das täten, gleich in eine extremistische Ecke stellten.

Die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten folgte der westdeutschen Regie. Westdeutschland, oder die alte BRD, hatte keine Vorstellung von der Rolle eines geeinten Deutschland im internationalen Kontext. Ostdeutschland noch weniger. Die westdeutsche Regie führte zu einer sehr schnellen Herstellung eines gemeinsamen, funktionierenden Staates, der sich vor allem um die ökonomische Entwicklung kümmern konnte. Die damaligen Akteure wussten, wie riskant ein eigenes nationales Profil gewesen wäre, waren doch die Bedenken in Sachen Wiedervereinigung in der westlichen Hemisphäre größer als im Osten. Dass sie es deshalb unterließen, an einem Prozess an einer nationalen Vision arbeiten zu lassen, hatte verschiedene Gründe, war aber kein Verdienst.

Eine Nation ist mehr als ein Staat. Eine Nation hat zwei Dinge, die weit über die staatliche Funktionalität hinaus gehen, die Sprache wie die Geschichte. Aus ihnen heraus leitet sich ein kollektives Gedächtnis ab, das aus schmerzhaften Lernprozessen und besonderen Fähigkeiten eine Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft generieren kann. Nur muss diese Frage gestellt werden. Da allerdings das oft zitierte gemeinsame Haus im Westen stand, war es schwer, die Frage zu stellen, ohne sofortige Reibung in den eigenen Bündnissen zu erzeugen. Das aus den USA angekündigte Zeitalter vom Ende der Geschichte wie der Taumel, in dem sich die Europäische Union aufgrund wirtschaftlicher Erfolge befand, führten zu der Wunschvorstellung, die sich als Illusion herausstellte, das Stadium nationaler Selbstbestimmung sei im Zeitalter der Globalisierung längt überwunden. Ideologisch eskortiert wurde dieser Trugschluss von den Zirkusnummern eines neuen Mittelstandes, der an Feiertagen an den Rechauds eines multikulturellen Büffets anstand und glaubte, es handele sich um ein reales Abbild der Welt.

Die gegenwärtige Krise der EU führt zu unterschiedlichen Schlüssen. Seltsamerweise bestärken die meisten dieser Schlüsse nur die Ursachen der Krise. Weder wird von der wirtschaftsliberalistischen, privatistischen Ideologie, die den Einfluss der Politik zurückdrängt, Abstand genommen noch die Forderung fallen gelassen, die Organe der EU zu stärken, anstatt die nationalen Verfassungsorgane zu stärken. Dass das bevölkerungsreichste und wirtschaftlich stärkste Land Europas, die Bundesrepublik Deutschland, diese riskante und destruktive Politik maßgeblich inszeniert, ist das Dramatische, ja Monströse an dieser Entwicklung. Und dass die Bevölkerung dieser Inszenierung individueller Bereicherung und der Übergabe nationaler Souveränität an ein Netzwerk kaum noch identifizierbarer Bürokratien zusieht, liegt nicht nur, aber in starkem Maße auch daran, dass sie keine Vorstellung darüber entwickelt hat, was das Land, in dem sie lebt, für einen Charakter haben soll. Diese Vorstellung muss entwickelt werden, und jede Stunde, die verstreicht, spielt denen in die Hände, die jetzt schon Antworten haben, die uns nicht gefallen werden.

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3 Gedanken zu „Silberhochzeit

  1. Nitya

    Lieber Gerd,

    du sprichst mir zutiefst aus der deutschen Seele, die überhaupt zu bemerken und anzuerkennen, ich zugegebenermaßen reichlich lange gebraucht habe.

    Herzlichst
    Wilhelm

  2. pgeofrey

    Einen bislang grandiosen Blick auf die deutsche Identität und Befindlichkeit bietet Neil MacGregor in seinem lesenswerten Buch
    „Deutschland: Erinnerungen einer Nation“.
    Ich bin noch nicht ganz am Ende, kenne den Autor aber aus anderen Veröffentlichungen und zweifle nicht, dass der vielschichtige Blick zu Beginn, nicht abnehmen wird.

  3. monologe

    Deutschland – das gibts doch nur noch in einer Art Untergrund. Was in der DDR „real“ existierte ist inzwischen ausgetauscht, hat sich radikalisiert oder Radikale hervorgebracht. Beispielsweise die deutsch-sowjetische Freundschaft, mithin das strikte Verbot irgendeiner Kritik an den Russen und unangenehmer Fragen. Man durfte nicht „Russen“ sagen, es sollte heißer „Sowjetmensch“. Vorfälle, oft schlimme, wurden möglichst geheim gehalten, wenigstens wurde darüber nicht informiert. Da gabs immer nur einen Untergrund, in dem sich sowas verbreitete. Das z.B. ist heute komplett ausgetauscht durch die – ja, wie soll man sagen – Muslime? Die Amerikaner? Man kann immerhin nun von diesen oder jenen „siegen lernen“. Unsäglichste Einseitigkeit ist an der Tagesordnung, propagandistische Verallgemeinerung in der Absicht der Verteufelung wie der Vergötterung und Enthebeung, wie Kapitalismus – Sozialismus, USA – Sowjetunion damals. Und was blieb kulturell? Am 3. Okt. wurde ein einziger DDR-Film gezeigt: „Der Untertan“, ansonsten die ewigen Litaneien. Einzige Ausnahme heutiger Perspektive: „Weißensee“. Auch nicht schlecht der „Eulenspiegel“. Ein Neil MacGregor bietet „einen grandiosen Blick auf die deutsche Identität und Befindlichkeit“? Das dürfte dann ein Buch sein, das Bände spricht.

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