Das harte Brot des Wandels

Es ist mal wieder Zeit für Prinzipielles. Ein Umstand, der tatsächliche oder gefühlte Krisen so unschätzbar wertvoll macht. Denn liefe alles so, wie gewünscht, dann fiele der Stachel der Erkenntnis einfach so zu Boden und eine gewisse Mentalität führte zu einer allenfalls außergewöhnlichen Wurstigkeit. Ein Geist, der seine Unruhe verloren hat, verliert seine Seele und tendiert zur Beliebigkeit. Ob die Krisen unserer Tage tatsächlich neue Ideen hervorbringen, sei dahingestellt. Aber sie veranlassen zumindest die staatlich wirkenden Pädagogen, grundsätzlich alles noch einmal zu erklären.

Und so wurden wir im Falle Griechenlands darüber unterrichtet, dass Schuldenmachen schlecht sei, ein Staat relativ überflüssig und der Markt eigentlich alles regele. Nicht hier, versteht sich, im Kombinat der Guten Hoffnung, aber im Rest der Welt. Da ist die Lehre des Wirtschaftsliberalismus und des Monetarismus, die erfunden wurde an der Chicago School of Economics, namentlich von deren Mentor Milton Friedman. Aufgrund dieser Genese wird alles, was aus diesem Dunstfeld kommt, etwas verniedlichend den Chicago Boys zugeschrieben, obwohl es sich um Vernichtungsfeldzüge gegen die Armen dieser Welt handelt.

Der wohl schlimmste Verfechter dieser Lehre in den USA selbst war George W. Bush, der über zwei Legislaturperioden nicht nur diverse Kriege in Übersee, sondern auch einen Krieg gegen das eigene Volk geführt hat. Dann wurden er und seine Partei in den Wald geschickt, weil die Zeichen auf Wandel standen. Und dann, mit einer Regelmäßigkeit, die phänomenal ist, mit der bekannten Verzögerung von einer Dekade, hat die Lehre in Europa und vor allem in Deutschland Fuß gefasst und wird bis zum Exzess gelebt. Kann es da beruhigen, dass in den USA längst wieder ein Keynesianismus herrscht, der auf soziale Abmilderung des ewigen Kapitalismus setzt? Wann kommt das Umdenken hier an, und wie schizophren und tautologisch kann die hiesige Sozialdemokratie noch werden, beim Tauschen von Prinzipien, die gar keine mehr sind, zumindest nicht für sie?

Und im Falle der Flüchtlinge, da hat das Prinzipielle fast schon den Charakter einer Daseinsfrage. Sein oder Nicht-Sein, so stellt sie sich, wenn zu bedenken ist, ob eine alternde, müde, besitzorientierte Gesellschaft noch die Kraft aufbringt, eine Verjüngungskur durchzustehen, die vieles von ihr abverlangen wird oder ob sich die durchsetzen, die mit einer künstlichen Hüfte und dritten Zähnen auf einer Geldkassette sitzen und bis zur letzten Kugel die schreckliche Tapete in ihrem Wohnzimmer verteidigen wollen? Da helfen keine altruistischen Gesten, wie so sanft empfohlen, sondern nur noch Alternativfragen: Ja oder Nein, willst du sein im Land der Zukunft, dann kämpfe für etwas Neues, und willst du mit dem belanglosen Wohlstand, in dem du schwelgst, in das Land des Tantalus fahren, dann tue das, aber ohne den Namen des Landes, dessen du nicht würdig bist.

Denn alles, womit diejenigen, die sich mit der Reflexion der Möglichkeiten, und nicht der der Gefahren, beschäftigen, hat etwas damit zu tun, dass es erfordert, wie man in der angelsächsischen Welt so schön formuliert, dass die eigene Komfortzone verlassen werden muss. Leben heißt kämpfen, ja, das haben schon so mancher Opa und manche Oma gesagt, aber genau das war das Erbe, das nicht vergessen werden sollte. Denn sie konnten nicht so nonchalant formulieren, dass sie sind, weil sie erkennen. Für sie galt eine härtere Regel: Ich verspüre Schmerzen, also bin ich!

Advertisements

9 Gedanken zu „Das harte Brot des Wandels

  1. hildegardlewi

    Vielen Dank. Du hast Dich wieder selbst übertroffen. Wetten daß? Kaum einer wird merken, was du sagen wolltest. Das gilt immer für die anderen – man hat schließlich die Übersicht.
    Gern werden auch immer Beispiele herangezogen.
    W i r …. entschuldige, mutieren zu den Gläubigen.
    (Bzw. zu den Glaubenden)

  2. almabu

    Eine mir sehr nahe stehende Diplomhektikerin, die man fast gegen vier Zwanzigjäjhrige eintauschen könnte, hat sich innerhalb von vier Wochen nach Stürzen zuerst das rechte Schultergelenk und dann den rechten Oberschenkelhals gebrochen. Doch Madame ist stets positiv, kämpferisch und optimistisch. Somit ist sie perfekt prädestiniert, die Anforderungen unserer Zukunft mit Bravour zu bewältigen 😉

  3. lawgunsandfreedom

    Hm – von „freier Marktwirtschaft“ (im echten, radikalen, ursprünglichen, unregulierten Sinne) sehe ich weder hüben noch drüben was. Im Gegenteil – es wird kräftig hineinregiert, mit Ideologien, Theorien, Regeln und Gesetzen. Handelsabkommen als wirtschaftspolitische Waffen, Preisabsprachen; dazu Zölle, Sanktionen oder Embargos. Protektion der eigenen Märkte, Zerschlagung oder wenigstens Unterdrückung der fremden Märkte, wenn man sie nicht im eigenen Sinn manipulieren oder kontrollieren kann.

    „Echte“ freie Marktwirtschaft, ohne steuernde, staatliche Eingriffe oder Manipulationen von verschiedensten Seiten (z.B. von Banken und Konzernen) habe ich auf diesem globalisierten Planeten noch nie gesehen. (Vereinzelte kleine Versuche auf lokaler/regionaler Ebene mal außen vor, und in der Steinzeit, da bin ich mir fast sicher, könnte es einen „freien Markt“ gegeben haben). Aber „freier Markt“, im heutigen wirtschaftlichen Sinne, unter heutigen Prämissen, ist nur eine Theorie die noch nie ernsthaft ausprobiert wurde. Und das, was uns von schwarz-rot-gelb-grün-lila als „freie Marktwirtschaft verkauft wird, ist keine. Das ist Akkumulation von Macht und Geld in den Händen einiger Weniger und damit alles andere als frei.

    … daß Politiker nicht mit Geld umgehen können, sieht man schon daran, wie sie mit unserem Geld umgehen. Daß sie auch die Konsequenzen ihres Handelns bei anderen Themen nicht abschätzen können (ob sie das überhaupt wollen?), ist auch offensichtlich.

    Spielt aber alles keine Rolle. Die Zeiten ändern sich – wie immer – und man passt sich halt an, oder geht unter.

  4. gkazakou

    Was hat das künstliche Hüftgelenk mit der Tapete zu tun, die es zu verteidigen gilt? Welche „grundsätzliche“ Beziehung möchtest du herstellen zwischen dem dritten Gebiss, dem notwendigen Wandel und dem Wirtschaftliberalismus? Was die Flüchtlinge anbetrifft: der Widerstand kommt durchaus nicht von der Wirtschaft, die ihre Reservearmee an Arbeitslosen allzu sehr dahinschwinden sah. Sie schaut mit einem gewissen Interesse auf die tatkräftigen jungen Männer aus Afrika und Asien – vielleicht lassen sie sich als Lohndrücker verwenden wie in früheren Phasen die DDRler und die „Gastarbeiter“ des europäischen Südens. Der Staat muss sie natürlich zuvor für den Arbeitsmarkt zurechtschneidern, sonst wären sie nur bedingt brauchbar.

    1. Bludgeon

      Jau. Das Gros dürften nicht Fachkräfte im geschulten Sinne werden, sondern Hilfs-Schwarzarbeiter z.B. auf dem Bau oder auf dem Schlachthof. Und die so am Laufen gehaltenen lautwerdenden Ausländerressentiments der wegrationalisierten Tariflohnberechtigten werden für die Systemstabilität rechts von der Mitte sorgen, den für Völkerverständigungsrhetorik von links-grün sind die automatisch verloren.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.