Sisyphos im Paradies

Vor nicht allzu langer Zeit war ein Bericht über ein Kongress zum Thema Emanzipation zu lesen, der von seiner Quintessenz nicht hätte kurioser sein können. Eine links-alternative Zeitung hatte zur Erörterung der Situation des Verhältnisses von Mann und Frau in unseren Tagen eingeladen. Neben profilierten Figuren im Kampf um die Frauenrechte waren auch Menschen beiderlei Geschlechts aus der Arbeits- wie Vereinswelt eingeladen. Um den Diskussionen eine bestimmte Dramaturgie zu geben, hatten sich die Veranstalter bestimmte Dinge einfallen lassen. Da war bei einem besonders sensiblen Frauenthema ein männlicher Immigrant aus der Türkei eingeladen, dessen Ruf in Berlin nicht unbedingt mit der Emanzipation der Frau assoziiert war. Und, wie es manchmal so ist, besonders diese Regieanweisung geriet zum Fiasko.

Denn trotz der Skepsis vieler Beteiligter moderierte der Mann die Diskussion zunächst sehr professionell, d.h. er erteilte das Wort nach Reihenfolge, fasste die Beiträge neutral zusammen und bat vor allem das Publikum, die Vorgänge zu bewerten. Als jedoch alles gut lief, da schlichen sich einige Bemerkungen ein, die aus der Macho-Diktion stammen mochten. Das löste bei den Galionsfiguren des Kampfes um Gleichstellung zunehmend Empörung aus, was das Vorpreschen des Moderators allerdings nur noch beflügelte. Als dann die ersten Frauen aufstanden, um unter Protest den Saal zu verlassen, hatte auch der Moderator sich nicht mehr im Griff und schrie ihnen nach: Dann geht doch Bügeln! Es versteht sich von selbst, dass dieser Event im Tumult unterging.

Was sich anhört wie eine eher zum Schmunzeln anregende Episode über die Unterschiedlichkeit wie Missverständlichkeit der Welt, könnte bald zu einer Realität geraten, die nie so geplant war. Die Aufmischung der hiesigen Gesellschaft durch Menschen, die aus anderen Kulturkreisen kommen, wird dazu führen, dass besondere Spezifika, der die uns beherrschende Öffentlichkeit ausgesetzt sind, nicht von den neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern honoriert werden. Das Faktum einer vor allem maskulinen und aus arabischen Ländern stammenden Population wird dazu führen, dass archaische, patriarchalische und weitaus gewaltaffinere Bilder über das Zusammenleben Fuß fassen werden, als das aus der heilen Welt akademischer und subkultureller Perspektiven möglich erscheint.

Das muss nicht heißen, dass der geschätzte zivilisatorische Standard unserer Tage demnächst zweifelsohne passé sein wird, aber ohne Kampf wird das wahrscheinlich nicht von statten gehen. Verbündete werden die neu hier angekommenen Frauen sein. Diese glauben, so erste Beichte, in einer Art Paradies Platz genommen zu haben, wenn sie hören, dass Gewalt gegen Ehefrau und Kinder in dieser Gesellschaft nicht nur Tabu sind, sondern sogar gesetzlich geahndet werden. Nur werden diese Frau noch einige Zeit brauchen, um sich in einer Welt der neuen Rechte zu Recht zu finden.

Derweilen wird sich die Frage stellen, ob die gerade in den letzten Jahren so gepriesene Zivilgesellschaft in der Lage ist, die hier gewürdigten Lebenswelten auch als Grundlage der Gemeinsamkeit durchzusetzen. Momentan, so der Befund, glaubt ein Großteil der hiesigen Gesellschaft, mit gesellschaftlichen Institutionen wie Schule und Polizei sei das erreichbar. Es wird die erste Illusion sein, die einstürzt. Zivilisationen und Kulturen überleben, wenn sie in der Lebenspraxis dominieren. Das erreichen zu wollen, kann zum Schicksal eines Sisyphos führen. Und Erfolg ist nur möglich, wenn sich alle verantwortlich für das fühlen, was ihnen wichtig ist. Das ist zwar alles andere als einfach. Aber es ist auch gut so. Denn wieviel wert wäre eine Kultur, die nur mit Polizeigewalt durchgesetzt werden könnte?

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4 Gedanken zu „Sisyphos im Paradies

  1. user unknown

    Zu einem Recht, das sich etabliert, gehört auch, dass es in Anspruch genommen wird. Bei häuslicher Gewalt ist es ja oft so, dass das Opfer keine Anzeige erstattet. Wenn dazu ein homogenes Umfeld kommt, dass solche Anzeigen stärker ächtet als die Gewalt, dann wird es schwer.

    Schon deswegen ist es wichtig die Bevölkerung zu mischen. In den 50ern gehörte das Schlagen von Kindern auch noch zur hiesigen Kultur. Die Einheimischen hatten es insofern leichter, als kein Bedarf bestand sich mit der eigenen Kultur von der Moderne abzugrenzen – verlockender war es, selbst Teil der Moderne zu sein, die es ohne Gewalt schafft.

    Auf der anderen Seite sind die Flüchtlinge der Gewalt entkommen. Das könnte sie empfänglich machen für die Idee, dass die Gesellschaft, in der sie Schutz finden, auch etwas richtig macht. Freilich bedarf es dazu auch einer Gesellschaft die Schutz bietet und besorgte Spaziergänger vor Flüchtlingsheimen mit Fackeln nicht nur aus der Ferne beobachtet.

    Und interne Konflikte darf man nicht auf sich beruhen lassen. Dass Konflikte nicht mit Gewalt und Gegengewalt von der stärkeren Clique gelöst werden sollte man von Beginn an klar machen. Eine frühe Zeichensetzung ist hier oft einfacher, als die Korrektur des Bildes eines nachlässigen Staates der sich drückt später.

  2. pgeofrey

    Es wäre doch ein Bonbon der Geschichte, wenn das dekadente Rom durch christliche Zu- und Unterwanderung seine überlebte Macht verlor und das zunehmend dekadente West-Europa, (welches in großen Teilen ein solches Kulturverständnis gar nicht mehr besitzt) durch islamische Einflüsse seine Lebensart verlieren, transzendieren oder neu definieren würde.
    Aktuell artikuliert sich nicht eine Kultur im Bewusstsein ihres Grundgesetzes und ihrer geschichtlichen Errungenschaften.
    Eine ängstliche Gruppe zuckt vor dem Fremden zurück, die andere wirft sich gedankenlos einem Unbekannten um den Hals.
    Geführt von einer Regierung die Reagieren ohne Idee, zum Leitmotiv gemacht hat.

  3. almabu

    Wenn wir unsere Kultur und Demokratie als stark erachten, dann müssen wir uns keine Sorgen machen. Wenn nicht, dann liegt es nicht an den Asylanten. Diese sind bestensfalls der Auslöser, der die Schwäche dieser Werte entlarvt.

  4. entdeckeengland

    Ich sehe das nicht so kritisch, lieber Gerd. Hier in UK gibt es einen sehr hohen Anteil an Muslimen. Dennoch habe ich das Gefühl, dass die Frauenerwerbsquote hier höher ist als in Deutschland, und ich könnte mir vorstellen, dass der Frauenanteil auch in den oberen Etagen höher ist, auch wenn ich dazu keine Statistiken kenne. Und was häusliche Gewalt angeht: Nun, dass es Institutionen gibt, in denen Opfer Unterstützung finden, ist wohl eine der wichtigsten Voraussetzungen, um diese zu bekämpfen, und das gilt für Familien aller Konfessionen.

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