Sehnsucht am Horizont

Sean Costello. We Can Get Together

Sean Costello. Geboren 1979 in Philadelphia. Gestorben 2008, eine Nacht vor seinem 29. Geburtstag in Atlanta. Der als Gitarrist des Blues geführte Musiker zog mit 9 Jahren nach Atlanta, mit sechzehn Jahren debütierte er mit dem Album Call The Cops. Seither galt er als eine der großen Hoffnungen des amerikanischen Blues. Bis zu seinem Tod, über dessen Ursachen verschiedene Versionen kursieren, von der fälschlichen Einnahme verschriebener Medikamente gegen sein bipolares Leiden bis hin zu Betäubungsmittelmissbrauch, veröffentlichte er fünf Alben. Alle überzeugen. Sie zu hören ist eine Wohltat, weil Costello es vermochte, mit gekonntem Spiel das Wesen der Songs herüberzubringen. Sein letztes Album We Can Get Together erschien in seinem Todesjahr 2008. Es ist eines der besten Blues Alben im beginnenden 21. Jahrhundert.

Was Costello auf diesem Album gelang, war eine Reife, die viele nie erreichen. Vom ersten bis zum letzten Song handelt es sich um Kompositionen, die mit einer klaren Aussage und einem dieser entsprechenden musikalischen Untermalung überzeugen. Der schnörkellose, teils aggressive Blues, aus dem der Rock immer wieder hervorlugt, mit dem Costello bis dato bekannt geworden war, erhält auf We Can Get Together völlig neue Schattierungen.

Anytime You Want, der Auftakttitel, entspricht noch dem Bild, das Costello geprägt hatte. Knallharte Gitarrenriffs, rhythmisches Staccato und eine raue, heisere Stimme. Same Old Game, der zweite Song, könnte aus dem Bluesrock-Arsenal der siebziger und achtziger Jahre stammen, während Can´t Let Go bereits eine Wende zum Balladenhaften enthält, die aufgrund der weichen, melodischen Gitarrenführung wie der sentimental-leidenschaftlichen Stimme nachvollziehbar ist. Told Me A Lie, das folgt, hat bereits die Architektur eines Funeral Songs aus New Orleans. Spätestens hier wird deutlich, das das unvermutete Spätwerk eine grandiose Referenz an die Vielseitigkeit des Blues werden würde. Um nicht vom kompromisslosen Blues in die Ballade endgültig zu verfallen folgt prompt Hard Luck Woman, welches sowohl von der Gitarre wie der Intonation von ZZ Tops Billy Gibson stammen könnte.

Ebenso verhält es sich mit How The Devil, das noch aggressiver und bedingungsloser daherkommt. Da wird aus der Melancholie plötzlich der Überlebenskampf in brütender Hitze. Und schon, dramaturgisch perfekt, folgt Have You No Shame, eine wunderbare, herzbrechende Ballade, die die Zerbrechlichkeit und Vielseitigkeit des gerade noch gewürdigten Raufboldes dokumentiert. Irgendwie wird das Ende einer jeden Schönheit in diesem Song beklagt, und wer stimmte dem nicht zu. Das Gitarrensolo vertont diese Idee dermaßen glaubhaft, das nur noch Gänsehaut bleibt. Going Home zeigt die kaum ausgesprochene, aber fühlbare Nähe zum Soul. All This Time ist das einzige Stück, das mit dem Titel Mainstream bezeichnet werden könnte. Feel Like I Ain´t Got A Home erinnert mit seiner ganzen Wucht an den irischen Folk-Blues eines Rory Gallagher und letztendlich, Little Birds ist eine musikalische Referenz an den amerikanischen Süden, in die eine unter der Hitze ächzende Gitarre die Sehnsucht an den Horizont malt.

Sean Costello war ein grandioser Musiker. Er hat es geschafft, vor seinem frühzeitigen Tod ein Meisterwerk zu hinterlassen, das an Qualität nichts verlieren wird. Nicht technisch, nicht kompositorisch und erst recht nichts an Gefühl. We Can Get Together. Sean Costello!

Advertisements

7 Gedanken zu „Sehnsucht am Horizont

  1. zeilentiger

    „Da wird aus der Melancholie plötzlich der Überlebenskampf in brütender Hitze.“ Wunderbar. Solche Sätze über Musik sind selbst schon Musik.

  2. Uwe Peters

    Sehr geehrter Herr Mersmann,
    wenn Sie bei youtube :Sean Costello – Live in Bremen
    eingeben und dann „mehr anzeigen“ öffnen, dann können Sie das kompl.Konzert in guter mp3 Qualität herunterladen. Austin Curti hat noch mehrere Livekonzerte von Sean Costello zum downloaden.
    mfG
    Uwe Peters

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.