Lest die deutsche Literatur zum Thema Exil!

Als die Katastrophe hier in Deutschland ausbrach, in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, da gingen die Menschen sehr unterschiedlich damit um. Diejenigen, die an den Nationalsozialismus glaubten, waren voller Hoffnung und diejenigen, die nicht daran glaubten, gingen zunächst mehrheitlich davon aus, dass der Spuk sehr bald vorbei sei, angesichts des sehr jungen und zumeist unqualifizierten Personals, mit dem das III. Reich aufgebaut werden sollte. Wir wissen, dass alle falsch lagen bis auf diejenigen, die an diesem Spuk noch verdienten. Diejenigen, die nicht an das Reich der Rasse glaubten, duckten sich irgendwann ab, oder sie verschwanden in Lagern, wo sie irgendwann erschlagen, erschossen oder verbrannt wurden. Andere machten sich noch früh genug auf die Flucht. Wenn sie früh genug gingen, waren sie klug, andere, die erst später auf die Idee kamen, hatten es wesentlich schwerer. Auch wenn sie ihr Leben retteten, stand vor ihnen das beschwerliche Exil.

Das Exil war nichts, was in irgend einer Form romantisiert werden könnte. Die wenigen Stunden in dem berühmt gewordenen Sanary-sur-Mère, an der Code d´Azur, wo einst Thomas Mann eine Villa besass, bezeugen nicht das, was das Exil für viele bedeutete. Sie verloren zumeist alles, ihre bürgerliche Existenz, ihr Hab und Gut, ihre sozialen Beziehungen und, was immer unterschätzt wurde, ihren Beruf. Und es gab sehr unterschiedliche Wege, wohin man sich aufmachte. Die einen zog es nach Amerika, gerne nach Nord, aber auch nach Süd, andere, von denen nicht so gerne berichtet wird, auch nach Osten. Thomas, Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch, Oskar Maria Graf etc. gingen über New York in die USA, und ihr Geld und Ruhm entschied, wie es weiter ging. Thomas Mann und Lion Feuchtwanger residierten in großen Villen an der kalifornischen Westküste, weil sie schon vor den Nazis weltbekannt und berühmt waren und einen Teil ihre Vermögens retten konnten. Stefan Zweig arbeitete zwischendurch als Tellerwäscher, Oskar Maria Graf wohnte in Manhattans Norden unter Latinos, die einwanderten. Und es gab Betriebsräte und Kommunisten aus Zechen und Stahlwerken, die in die Sowjetunion gingen, um gegen Hitler zu kämpfen. Ihr Exil war irgendwo an der chinesischen Grenze in einer Waffenfabrik.

Diejenigen, die nicht doch irgendwann geschnappt wurden, in der Vergessenheit den Rest ihres Daseins fristeten oder aus Verzweiflung und Schmach Hand an sich legten, die Zeugnis ablegen konnten vom Elend des Exils, von den vielen, verzweifelten, intelligenten wie dummen, extravaganten wie armseligen Versuchen, dem Tod durch die Schergen eines Tyrannen zu entgehen, sie und ihre Zeugnisse, die verfügbar sind, sie sind aktueller denn je. In einer Situation, in der Hunderttausende von Flüchtlingen in unser Land kommen und das historische Wissen um die eigene Vergangenheit dem Konsumrausch und einem Befindlichkeitsdiskurs gewichen sind, sollten diese Bücher schleunigst gelesen werden. Es gibt sehr viele davon und sie sind gut: Exil und der Teufel in Frankreich von Feuchtwanger zum Beispiel, oder Der Vulkan von Klaus Mann, oder Transit von Anna Seghers, oder Der Weg nach unten von Franz Jung, oder Wir müssen weiter von Franz Mehring, oder Die Flucht ins Mittelmäßige von Oskar Maria Graf, oder, oder, oder. Wer einen Eindruck vom Grauen von Flucht und dem Elend des Exils erhalten will, sollte sich dieser Literatur, die unter dem Stichwort Exil in den Regalen der Bibliotheken steht, intensiv widmen. Sie öffnet die Augen für das, was momentan in unserem Land geschieht!

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5 Gedanken zu „Lest die deutsche Literatur zum Thema Exil!

  1. mannigfaltiges

    Auch empfehlenswert – es wird das Exil der kleinen Leute beschrieben nicht der „großen Namen“:
    Marte Brill, Der Schmelztiegel (die war dabei, in Brasilien);
    Ursula Krechel, Shanghai fern von wo (war nicht dabei, beschreibt aber sehr eindringlich den alltäglichen Kampf ums nackte Überleben)
    LG Erich

  2. Sylvia Kling

    Herr Kerner,

    der angeführte Kommentar gibt nicht irgendeine Äußerung des Kommentators wider.

    In dem Artikel (Lehrstück?) des Dr. Alexander Meschnig gibt es nicht einen Lösungshinweis, wie die globale Veränderung durch das Flüchten der Menschen aus Kriegs- bzw. Notstandsgebieten bewältigt werden kann.

    Kommen wir zurück zum Thema. Meine lesenswerte Literatur ist „Die Nacht von Lissabon“ von Erich Maria Remarque.

    Des Weiteren ist der hetzerische Kommentar Rassismus und Selbstmitleid in Reinkultur – ein Lehrstück nur dafür.

  3. Bludgeon

    Hm, mir fällt da eher Klemperers „LTI“ ein – Sprachwandel, der gesellschaftlichen Wandel begleitet, hervorbringt, oder auch versucht zu verhindern…. Ursachenforschung: Wo kommmt der Ungeist her?
    Klemperer spricht die Dt.Romantik schuldig. Sie ist der leicht fassliche Fugenkitt für die Unbedarften, sich an die gegebenen Unsäglichkeiten zu gewöhnen.
    Romantische Illusionen vom Endsieg – statt nüchterner Analyse der realen Verhältnisse…
    Heute reicht ein „Bob der Baumeister-Zitat“ und viele, viele, viele Leute sind bereit daran zu glauben, obwohl da nirgends ein Konzept existiert, wie man das Problem in den Griff kriegen will; wenn doch gleichzeitig die, die derartige „Baumeister-Parolen“ ausgeben, daran arbeiten, mittels TTIP und ähnlicher Komplotte globale Ungerechtigkeiten zu zementieren.
    Auch eine Variante „damals“ und „jetzt“ zu vergleichen.

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