Russland von innen

Thomas Fasbender. Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens

Nach einem Jahr heftigster Verwerfungen im politischen Diskurs der Bundesrepublik in Bezug auf die Rolle Russlands im Ukraine-Konflikt erscheint nun ein Buch, das sehr deutlich zeigt, auf welchem Niveau sich diejenigen hervorgetan haben, die den Terminus des „Russland-“ oder gar „Putin-Verstehers“ ins Leben gerufen haben. Sie meinten damit jene zu treffen, die sich die Mühe machten, die Motive herauszufinden, die Russlands Politik bei dem leiteten, was sie vertrat und tat. Der „Versteher“-Vorwurf war nicht als Kompliment gemeint und er schlich sich bis in die Nachrichtensendungen von ZDF und ARD und dokumentierte damit auch deren Abstieg in die einseitige Parteilichkeit. Zwar versuchten manche Politiker und Journalisten, den Hintergrund des Ukraine-Konfliktes so aufzuhellen, dass auch Russland eine gewisse Logik hätte zugesprochen werden müssen. Aber auch sie wurden als „Versteher“ attackiert.

Umso begrüßenswerter ist nun das Buch von Thomas Fasbender, das bereits im Titel verrät, das es sich vornehmlich um Russland kümmert, damit aber auch die Rezeption des Westens berührt: Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens. Fasbender, der seit 1992 in Russland lebt, die Sprache spricht und sich dort nicht mit einer Regierung und einem Staatsapparat im Rücken, sondern als Bestandteil von Unternehmen bewegt, konnte in dieser Zeit tiefe Einblicke sammeln. Diese betreffen nicht nur die ganz alltäglichen Begegnungen, Gewohnheiten und Marotten, die jedes Volk einzigartig machen, sondern auch die verschiedenen Phasen der politischen Transformation von der sozialistischen Sowjetunion zu dem politischen Gebilde, das sich heute präsentiert.

Da ist die Phase der Zerschlagung der alten Institutionen und das Aufkommen des Raubtierkapitalismus unter Jelzin, die Privatisierung des Nationalvermögens zugunsten der Oligarchen, die Rückkehr der staatlichen Ordnung durch Putin, der dem Ausverkauf ein Ende setzte und die nach dessen Machtkonsolidierung einsetzende neue Architektur der korporierten Einflusses jenseits der Öffentlichkeit. Letzteres hätten auch andere schreiben können, Fasbenders großes Verdienst ist die Darstellung der politischen Entwicklung vor einem historischen Hintergrund, der die letzten zweitausend Jahre erfasst und der Befindlichkeit der Russen, kurz der russischen Seele. Fasbender beschreibt durch viele Anekdoten, wie sie tickt, die russische Mentalität. Sein Blick für das Wesentliche hat sich der Autor erworben durch die Erkenntnis, dass in dieser Welt viele Wahrheiten herrschen und dass ihre Gültigkeit aus einer kollektiven Entwicklung resultiert.

Dabei spielen welthistorische Ereignisse wie die Mongoleninvasion und die Machtkämpfe in Konstantinopel genauso eine Rolle wie ebenso alte Traditionen aus dem täglichen Leben. Die Funktion der Banja, der russischen Badeanstalt als Ort der Kommunikation, die Picknicks und Tischsitten, das Leben auf der Datscha, die Marotten der Moskowiter, der Verlauf bestimmter Karrieren, die die Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär zuweilen sehr blass erscheinen lassen, die vielen Formen der Konkordanz zwischen Orthodoxen und Muslimen, zwischen Kosaken und Petersburgern etc., die Nonchalance gegenüber jeder Doktrin und natürlich die Rolle der Literatur, die nach wie vor in der Gesellschaft lebt und über die sich das Volk eher definiert als über staatliche Institutionen – das alles beschreibt Fasbender mit großem Engagement, mit Zuneigung und Humor, mit einem klaren, kritischen Standpunkt, so dass die Exkurse in die Weltgeschichte stets durchsetzt sind mit persönlichen Erfahrungen und sehr alltäglichen Zugängen zur Moderne.

Freiheit statt Demokratie ist nicht nur ein lesenswertes, gut geschriebenes Buch, sondern es ist ein herausragender Beitrag zum Verständnis und zum Verstehen einer Nation, deren Weg sich immer wieder mit der unseren gekreuzt hat.

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2 Gedanken zu „Russland von innen

  1. hildegardlewi

    Ich habe Deinen Beitrag erst jetzt entdeckt. Gefällt mir sehr gut. Heißt der nicht Heribert Faßbänder oder irre ich mich? Den fand ich eigentlich schon immer gut. LG

  2. Bludgeon

    Krone-Schmalz letztes Werk „Russland verstehen“ geht in ähnliche Richtung. Sachliche Infos statt verordnetem Wunschdenken.
    Putinversteher zu sein heißt noch lange nicht Putin-Fan zu sein. Aber damit kommt man im Medienmainstream längst nicht mehr durch.

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