Über den Zweifel

Es mutet eigentümlich an, dass in Zeiten großer Ungewissheiten ausgerechnet der Zweifel tendenziell in dem Verdacht steht, ein Agent von Defätismus und Depression zu sein. Wäre damit eine programmatische Attitüde gemeint, die alles überschattet, könnte dieser Verdächtigung noch eine gewisse Sympathie abgerungen werden. Aber gerade darum geht es eben nicht. Denn das alles beherrschende Lebensgefühl basiert auf einer mulmigen Rezeption der allgemeinen Ungewissheit und wird alles andere als angenehm empfunden. Es ist der Zweifel, der gegenüber den Positionen des so genannten Mainstreams artikuliert wird. Das sind in der Regel sehr konkrete Fragen, um die es da geht. Die Diskussionen um Schulden sind so ein Beispiel, oder die alles bewegende Frage nach einer Position gegenüber den Flüchtlingen. Zu beiden hier genannten großen, konkreten Komplexen, existieren konträre Positionen, die vernünftig rekonstruierbar sind. Regen sich jedoch Zweifel gegenüber der einen wie der anderen Meinung, ist der Shitstorm von der jeweils anderen Seite gewiss.

Das menschliche Denken in politischen Kontexten unterscheidet sich nicht von dem in profanen Dingen. Eine bestimmte Entwicklung oder ein bestimmtes Ereignis verändern die Situation grundlegend. Da es sich, im profanen Leben wie in der Politik um komplexe Zusammenhänge handelt, ist es angebracht, die einzelnen Erscheinungen und Fakten wie auf einem Tableau auszubreiten und den Versuch zu unternehmen, den Bestand von dem Neuen zu trennen und vor allem die Wirkungszusammenhänge zu analysieren. Daraus ergeben sich Lösungsansätze, die ihrerseits als Optionen durchzuspielen sind und dazu geeignet sind, sich letztendlich für einen Handlungsweg zu entscheiden.

Was quasi als Axiom menschlicher Handlungsweisen gelten kann, ist die Frage nach Motiv und Interesse. Dass Menschen in komplexen Zusammenhängen unterschiedliche Interessen verfolgen, ist eine Binsenwahrheit. Die Interessen, die hinter bestimmten Handlungen stehen, bei einer Analyse zu kartieren ist demnach genauso wichtig wie die Dokumentation der Fakten. Und dass ausgerechnet bei den brennenden Fragen der gegenwärtigen Politik die Frage nach dem jeweiligen Interesse so diskreditiert wird, wie es zu beobachten ist, zeugt nicht nur von einem allgemeinen pathologischen Zustand, sondern es ist auch das Ergebnis einer Strategie, die sehr alt aber auch sehr einfach ist: Diejenigen, die nicht möchten, dass ihre Interessen als Motiv sichtbar werden, mobilisieren gegen die Untersuchung des Interesses. Und diejenigen, die sich der Analyse des Interesses widmen, neigen im einen wie im anderen Fall dazu, ein einziges, zumeist gegenteiliges Interesse gegenüber dem eignen zu verabsolutieren.

Es scheint also geboten, den Zweifel als Mittel des Erkenntnisprozesses etwas mehr in das Zentrum der Betrachtung zu ziehen bzw. ihn als Instrument zu benutzen, bevor die ganze Armada der eignen Argumentation ins Feld geführt wird. Der Zweifel kann helfen, die vermeintliche Gewissheit, sich für eine Option zu entscheiden, noch einmal zu relativieren. Es kann dabei helfen, nicht genau in jenen Fehler zu verfallen, der anderen so gerne vorgeworfen wird. Dieser Fehler, der sich zu einer programmatischen Massenerscheinung ausgeweitet hat, trägt den Namen Dogmatismus. Es ist die Weltsicht ohne Zweifel, die meistens zu einer destruktiven Entwicklung führt. Wo der Dogmatismus herrscht, ist die Inquisition nicht weit und wo die Inquisition tobt, da lauert die Finsternis. Wer in der Komplexität der Weltbewegung den Zweifel verbannt, der wird auf der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis auf der Schattenseite landen. Allein diejenigen, die täglich mit neuen Gewissheiten aufwarten, um sie nach vierundzwanzig Stunden bereits wieder revidieren zu müssen, belegen das in einer illustren Weise.

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3 Gedanken zu „Über den Zweifel

  1. mickzwo

    Es ist unbequem, weil verwirrend wenn in zweifelhaften Situationen diskutiert wird. Der Ruf nach einfachen Lösungen wird laut weil maschieren – in welche Richtung auch immer – eher Handlungsfähigkeit bescheinigt als kühler Diskurs. Kassandras mag keiner. Die Prophezeiung, die das ‚weiterso‘ in Frage stellt, wird nicht gerne genommen. Menschen sind so. Überwiegend jedenfalls. Darum ist es immer wieder ein großes Glück solch einen Artikel zu lesen.

  2. lawgunsandfreedom

    Glaube nichts, hinterfrage alles, prüfe die Quellen der Quellen – und wenn nötig noch weiter. Zweifle vor allem an Deinen eigenen Überzeugungen und prüfe, ob sie (noch) wahr sind.

    „Ubi Dubio, ibi Libertas“ (Wo Zweifel ist, da ist Freiheit)

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