Pogrom in Paris

Es ist komplizierter als es scheint. Nicht, dass es keine Marksteine gäbe, die auszumachen wären, wann die Art und Weise, sich kriegerisch auseinanderzusetzen, weg von einem vermeintlich gerechten Gemetzel hin zu einer zumindest moralisch begründeten Schieflage entwickelt hätte. In Europa und vor allem in Deutschland beruft man sich in dieser Frage gerne auf Clausewitz, der als preußischer Offizier in der russischen Armee gegen die napoleonische Invasion gedient und genügend Anschauung darüber hatte gewinnen können, wie Zeit, Raum und Energie für eine wohl temperierte Attacke genutzt werden können. Sein Werk Vom Kriege wurde zu so etwas wie der Geburtsstunde der Guerilla-Taktik und damit zu dem, was in den neunziger Jahren plötzlich von westlichen Historikern, Politologen und Militärexperten so ungestüm als asymmetrische Kriegsführung beklagt wurde. Neu war es auch zu Clausewitz` Zeiten nicht, der Erfolg der Hunnenfeldzüge, die auch das weite Russland mit ihren pfeilschnellen Pferdeschwärmen untergepflügt hatten, hatte mit der europäischen Schachbrettsymmetrie ebenfalls nichts gemein.

Ausgerechnet dort, wo der Westen und die alten Kolonialmächte England und Frankreich sowie die Weltmacht USA im letzten Jahrhundert am willkürlichsten gewirkt hatten, im hier so genannten Nahen Osten, tauchte das Phänomen der asymmetrischen Kriegsführung wieder auf. Diesmal, so die westliche Sichtweise, waren es islamistische Terroristen, die sich ihrer bedienten. Und natürlich entspricht es den Realitäten, das so zu sehen, denn was hat ein Selbstmordattentäter mit einem Soldaten gemein, der sich dem Kampf stellt? Und was hat ein Bombenattentat mit Verbänden gemein, die gegeneinander antreten? Oder was hat eine Geiselnahme mit einem Straßenkampf gemein, wo um jedes Haus gekämpft wird und auf beiden Seiten Krieger ihr Leben aushauchen?

Nur, leider, müssen andere Fragen hinsichtlich der Symmetrie auch gestellt werden. Was haben reine Operationen aus der Luft gegen zivile wie militärische Ziele mit einem symmetrischen Krieg gemein? Oder, schlimmer, und wahrscheinlich das größte Trauma für die andere Seite, was haben Drohnenangriffe auf Märkte oder Hochzeitsgesellschaften mit hunderten von Toten mit dem gemein, was als die gute alte Zeit des symmetrischen Krieges gepriesen wird? Vor allem letzteres ist Terror im klassischen Sinne, es verbreitet Angst, Schrecken und Tod und ist Ausgeburt von Asymmetrie.

Wer fände sich, der das, was in der letzten Nacht in Paris geschah, nicht mit Entsetzen verfolgt hätte! Da dringen zielstrebig Bewaffnete in das freitagabendliche, nächtliche Leben einer westlichen Metropole ein und veranstalten Anschläge, die unzählige Opfer fordern. Das ist grausam, und bei genauer Betrachtung ist kein besserer Begriff als der des Pogroms gefunden. Es ist kein Pogrom gegen eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, nein, schlimmer, es ist ein Pogrom gegen die in dieser Metropole gepflegten Lebensweise. Insofern sind wir als europäische Betrachter alle Opfer.

Frankreich hat sich, entsprechend der erwähnten alten Kolonialachse, zusammen mit dem Mentor USA dazu entschlossen, bei den Bombardements gegen den IS aktiv teilzunehmen. Russland macht dies seit kurzer Zeit aus andren Motiven auch, übrigens sehr erfolgreich. Der Absturz des russischen Urlaubsfliegers auf der Sinai-Halbinsel wurde ebenso als Akt des Terrors identifiziert. Ein Flugzeug auf dem Weg nach Stankt Petersburg und ein Arrondissement in Paris sind bis dato die Antwort des IS gegen die Luftschläge in Syrien. Der asymmetrische Krieg hat alle Grenzen überwunden. Der Westen führt ihn munter mit und leugnet immer noch den Zusammenhang zwischen dem eigenen Handeln gegen zivile Ziele und den Anschlägen gegen ebensolche auf dem eigenen Territorium. Wer den asymmetrischen Krieg verurteilt, darf ihn selbst nicht führen.

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5 Gedanken zu „Pogrom in Paris

  1. oberham

    Ich empfinde es ähnlich, drücke mich wie meist anders aus……
    (ich fürchte man wird mich als „Menschenverächter“ einstufen…. – dabei sind es doch die Menschen per se selber, die sich gegenseitig verachten und aufeinanderhetzen lassen…..
    – den Faust haben praktisch alle gelesen, viele wohl auch oft auf der Bühne gesehen und gehört und doch, kaum einer mag die Botschaft wirklich hören……. )

    https://oberham.wordpress.com/2015/11/14/losglueck/

  2. Bludgeon

    Herr und Meister! hör mich rufen! –
    Ach, da kommt der Meister!
    Herr, die Not ist groß!
    Die ich rief, die Geister
    Werd ich nun nicht los.

    (Goethe and several Prasidents of the western world…)

    „who’ll stop the rain?“ (Fogerty/CCR)

  3. Uwe Peters

    Hallo,
    wir sind hier nicht auf einem evangelischen Friedensseminar, sondern in der Welt, so wie sie ist.
    Sie stellen hier die IS mit der Allianz gegen die IS auf eine Stufe.
    Hier mal ein paar Thesen zur Kriegsführung, ob man es nun schön oder nicht schön findet:
    Wenn Du meinst, du bist in einen fairen Kampf, dann hast du falsch geplant..
    Wenn aus einem Krankenhaus heraus Raketen abgeschossen werden, dann wird das Ziel neutralisiert.
    Zivile Ziele sind, wenn es geht, zu vermeiden.
    Das ist das Dilemma des Krieges.
    Sehr lehrreiche Beiträge, jedenfalls für mich, gibt es auf der Webseite von Herrn Wolfssohn.
    http://www.wolffsohn.de/cms/

    1. oberham

      Die Ärzte schossen in Kundus Raketen auf die Amerikaner, klar doch!
      Die haben dann „Close air Support“ angefordert, klar doch!
      ….. aber das ist ja noch harmlos, wann werfen wir wieder Napalm auf Kinder?
      ….. oder gibt’s noch bessere Methoden zum neutralisieren?
      Klar – A-Waffen, da müssen wir uns nachher nicht um Recht oder Unrecht austauschen, die sind wirklich klasse geeignet zum neutralisieren.

      ….. und in der Tat, es gefällt mir nicht! Es ist vor allem ein Verbrechen an allen jungen Menschen, denen ich nie einen Vorwurf mache, da sie zuerst von den alten lernen, da sie nicht als Kinder erkennen (wohl erahnen es manche…. – doch wer mag schon glauben, dass die Erwachsenen fast alle feige Ignoranten sind….) welch widerliches Pack die Gilde der Erwachsenen abgibt – und zwar im Grunde unisono, egal welcher „Fraktion“ man sich zugehörig fühlt, da jeder der selber mitspielt, sein Spiel auch selbst verantworten muss!

      Wir folgen Psychopathen und lassen uns von ihnen verhätscheln, wenn es dann mal kracht, ist das Gejaul da – oder schlimmer, wir fordern es möge doch noch widerlicher zugehen auf dieser Welt.

      Jene die für Frieden eintreten, müssten sofort aufhören dem System willig zu dienen (das gilt auch für den Autor, der – wenn ich nicht irre – im Staatsdienst tätig ist……)

      Widerstand geht nicht, indem man auf der Couch im Wohnzimmer seine Kontoauszüge studiert, seine Lohnsteuererklärung ausfüllt, seinen Konsumwünsche auslebt, seine Kaufkraft systemkonform einsetzt.

      Widerstand bedeutet sich selber an der Nase zu fassen, ein Teil von jener Kraft zu werden, die eben nicht das Gute schafft, sondern die das menschenmögliche schafft, was eine solidarische Gesellschaft in Frieden und Eintracht wäre – jeder ein Teil des Unendlichen, vereint im Bemühen Leid und Angst, Hunger und Zwietracht zu ächten – die Zeit als Mensch so zu nutzen, wie es unsere Vernunftbegabung ermöglichte!

      Doch wir hängen eben den falschen Geistern an! (Ich versuche seit knapp zwanzig Jahren den Dienst zu verweigern, ich kann niemanden hier einen Rat geben, ich schreibe ausschließlich als Therapieansatz für meine Seelenreinigung, jene die es lesen, haben selber Verstand, haben selber eine Meinung – müssen selber ihre Entscheidungen treffen, mich würden die Kausalketten von Euch interessieren! Wer von Euch kann schlüssig begründen, so er noch im System verhaftet bleibt? Vor allem wie begründet man für sich selber, ihm Staatsdienst zu stehen? Staaten sind immer Verbrecherorganisationen, zumindest empfinde ich das so.)

      Solidarität ist eine wundervolle Sache, nur, man kann sie erst lebendig werden lassen, wenn damit nicht der Teufel auf dem Schild getragen wird – bis dahin ist die soziale Diaspora schlichter Widerstandsansatz.
      Glücklich jene, die sich in Gruppen finden, gewaltfrei und kreativ Solidarität untereinander zu leben, dabei den Staat meidend.
      Vielleicht ergibt sich eines Tages, rechtzeitig vor einem derzeit absehbarem Fiasko (wobei für tausende täglich die Gegenwart schon das Fiasko grausame Realität ist – u.a. eben gestern Abend in Paris ….. – die Toten dort sind nicht weniger tragisch, als die ca. 10.000 Hungertoten täglich! – an Mangel zu sterben ist auch eine Art von Hungertod….) eine Art exponentieller Bewegung – eine Erhebung der Individuen, die sich die Hände reichen und den Machthabern die kalte Schulter zuwenden – man könnte im Grunde von Heute auf Morgen eine andere Welt kreieren – würde man auf Gier und Neid zu Gunsten von Liebe und Menschlichkeit verzichten!

      Eine kindische Utopie – wie gesagt, die Erwachsenen sind eben nicht die Lösung des Problems, sondern das Problem!

  4. almabu

    Der vermutliche Abschuss des russischen Ferienfliegers und die gestrigen Massaker von Paris sind vermutlich die Ouverture für einen NATO-Bodenkrieg in Syrien. Die Rhetorik von François Hollande deutet dies bereits an: Das IST ein kriegerischer Akt, durchgeführt von einer Terroristen-Armee. Das ist praktisch der Bündnisfall für die NATO und auch die Türkei wird sicher gerne über die syrische Grenze gehen und einige Dinge in ihrem Sinne regeln? Die Frage ist, ob man die sich bereits in Syrien befindlichen Russen einbindet oder ausschließt? Damit steht oder fällt dann auch der Augenarzt aus London, der die Franzosen dummerweise in einem solchen Moment auch noch provoziert!

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