Falsche Gefühle, falsche Allianzen

Vielleicht sollte in den Regierungsvierteln in Paris und Berlin eine letzte Woche in London veröffentlichte Studie verteilt werden, die es in vielerlei Hinsicht in sich hat. Es handelt sich um den Global Terrorism Index. Dieser Bericht listet die Anzahl der tödlichen Terroranschläge jährlich und weltweit nach Städten und Regionen sowie derer, die für die terroristischen Akte verantwortlich zeichnen auf. Die neueste Ausgabe des Global Terrorism Index hat das Jahr 2014 zu Gegenstand, welches durch den enormen Anstieg von Anschlägen um 80 Prozent gekennzeichnet war.

Das Ergebnis, kurz und bündig auf den Punkt gebracht, sieht folgendermaßen aus: 2014 waren weltweit insgesamt über 30.000 Todesopfer durch terroristische Anschläge zu beklagen. In Nordamerika waren es insgesamt 22, in Europa 31, in Russland 743, in Südasien 6.713, In der Sub-Sahara 10.915 und im Nahen Osten und Nordafrika, die in dem Bericht zu einer Region zusammengefasst sind, 13.426. Die Städte mit den mit Abstand meisten Toten waren Bagdad, Maidugun in Nigeria, Mossul und das pakistanische Peschawar.

Es fällt auf, dass die meisten terroristischen Anschläge mitten in der islamischen Welt stattfinden, es ist aktenkundig, dass sie von Organisationen ausgeführt werden, die sich auf den Islam berufen und es ist statistisch belegt, dass die meisten Todesopfer der Anschläge Muslime sind. Angesichts des Ungleichgewichts der vorliegenden Zahlen hinsichtlich der geographischen Betroffenheit, stellen sich Fragen, die von essenzieller Bedeutung für die Art und Weise sind, wie der Terrorismus bekämpft werden kann.

Eine Frage, die nach den Anschlägen von Paris immer wieder in den Medien gestellt wurde, war die nach der Reaktion auf die Anschläge in der muslimischen Welt. Angesichts der großen Betroffenheit in Europa und den USA irritierten dann immer wieder die Berichte, dass die Reaktion in der islamischen Sphäre nicht sonderlich gewesen sei. Und genau da beginnt das psychologische Dilemma: Die Regionen, bei denen terroristische Anschläge zum Alltag gehören, bei denen die Opferzahlen ungleich höher sind und die sich in einer Art terroristischer Normalität bewegen, nehmen die Anschläge von Paris zur Kenntnis, verurteilen sie auch, aber sie sehen in ihnen keine neue Qualität, der nun mit einer gar kriegerischen Konsequenz begegnet werden müsste. Sie haben beobachtet, wie vor allem die USA paktiert haben mit Terrorregimen in ihrer Hemisphäre und sie sehen, auf das politische System bezogen, die Trauer nach den Pariser Anschlägen als politische Krokodilstränen. Und sie kommen, unterstützt durch die Rhetorik der westlichen Politiker, zu dem Schluss, dass es zwei Klassen von Menschen gibt, und zwar die schützenswerte, die im Westen lebt und die weniger bedeutende, die sich in den Ländern von Öl und Terror aufhalten.

Unter dem Aspekt einer tatsächlich ernst gemeinten Terrorbekämpfung sind die politischen Reaktionen der nächste Schritt in einer insgesamt fatalen Politik. Sie spaltet die Welt weiter, während das Gegenteil der Fall sein müsste. Die Gesellschaften, in denen der Terror tatsächlich permanent wütet, haben ein vitales Interesse, ihn zu beenden und sie hätten auch ein vitales Interesse daran, im Kampf gegen den Terror, der etwas zu tun hat mit Verarmung, mit Diktatur und Folter und mit den kriegerischen Operationen, die ihre Länder immer wieder wegen strategischer Güter heimsuchen, Allianzen zu schmieden für moderate politische Systeme und wirtschaftlichen Fortschritt. Letzteres scheint im Westen keine Option zu sein. Diese Art von Bündnispartner haben nicht die Attraktivität derer, die den Terror immer wieder produzieren.

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