Profession und Konfession

Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Termini Profession und Konfession nah beieinander liegen. Das, was als Professionalität mental verortet ist, hat sehr viel mit einem Bekenntnis zur wahr genommenen Tätigkeit zu tun. Es geht, vor aller technischen Finesse und Virtuosität, um eine Überzeugung, vielleicht auch um große Leidenschaft oder Liebe. Nur, wer sich zu einer Aufgabe hingezogen fühlt, ist in der Lage, die Mühen, Widrigkeiten und Rückschläge zu akzeptieren, die zur Erlangung tatsächlicher Meisterschaft erduldet werden müssen. Wer sich das Adjektiv professionell redlich erworben hat, blickt auf große Zeiträume der Übung zurück. Übung, die dennoch mit Leidenschaft durchdrungen war, weil eine innere Bindung zu der substanziellen Tätigkeit bestanden hat.

Die Geschichten der einzelnen Berufe, vor allem in Deutschland, weil dort die Zünfte eine Organisationsform darstellten, die weit über das rein Berufliche hinausgingen und von der Vertretung einer allgemeinen Ethik bis hin zur Korporierung wirtschaftlicher und politischer Interessen reichten, sind ein beredtes Beispiel für die Hingabe und Leidenschaft, die mit dem Erwerb der Rechte verbunden waren, sich als ein Vertreter der Professionalität in der Gesellschaft bewegen zu dürfen.

Max Weber, der den Prozess der Moderne in vielerlei Hinsicht geistreich kommentierte, hat das Berufsethos der Gewerke versucht auf das Politikerdasein zu übertragen. Analog zu der hier angestellten These von der Nachbarschaft von Profession und Konfession wählte er die Analogie von Beruf und Berufung. Im Grunde ging er normativ noch weiter. Er unterstellte dem Typus des Politikers, der gesellschaftliche Berechtigung erlangen wollte, über die Befähigung zum Beruf die Notwendigkeit zur Bekenntnis der Berufung. Damit drehte er, der gar nicht zu den Dialektikern gehörte, die Verhältnisse einfach um. Das ideelle Commitment, wie es heute zu formulieren wäre, war besonders zu seiner Zeit in den Gewerken zu finden. Im Beruf des Politikers musste es noch entwickelt werden.

Die allgemeine Vergesellschaftung aller relevanten Prozesse hat zu einer Ent-Privatisierung der handelnden Subjekte geführt. Manager sind keine Eigentümer mehr und Politiker entwickelten sich zu Managern. Weder die einen noch die anderen arbeiten nach eigener Wahrnehmung in konkreten Sozial- und Beziehungssystemen, sondern in korporierten, komplexen und anonymen Organisationen, für die der individuelle Tribut an eine Berufsidee nicht mehr adäquat erscheint.

Das erste, was unter dieser Entwicklung gelitten hat, war die Trennschärfe zwischen den beiden Systemen, um die es sich handelt. Das Leistungssystem bekam politische Züge und das politische System erhielt Anteile des Leistungssystems. Plötzlich wurde Politik gemanagt und in Unternehmen zunehmend mehr Politik gemacht. Die Referenzgröße des Leistungssystems wurde genauso erodiert, wie die Loyalität als Bezugsgröße in dem der Politik. Damit zurecht zu kommen, wird immer schwerer, weil die Spielarten in ein und demselben Prozess des Öfteren wechseln.

Die Verhältnisse und ihre Entwicklungen sind so wie sie sind und es ergibt keinen Sinn, sich darüber zu beklagen. Wichtig scheint zu sein, dass der Typus des beruflich spiritualisierten Menschen, der das entwickeln konnte, was im Englischen so treffend mit Craftsmanship beschrieben wird, bis auf Randerscheinungen nicht mehr existiert. Stattdessen haben sich Fähigkeiten entwickelt, die auf einer Meta-Ebene stattfinden. Es ist der Systemwechsel innerhalb eines Prozesses, es ist das Jonglieren mit Referenzsystemen. Wahrgenommen werden diese Fähigkeiten selten, zumeist wird das kritisiert, was dem Purismus des jeweiligen einen Systems zu fehlen scheint. Und die Instanzen, die das Neue beschrieben hätten und zu würdigen wüssten, die existieren noch nicht.

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4 Gedanken zu „Profession und Konfession

  1. almabu

    „..Wichtig scheint zu sein, dass der Typus des beruflich spiritualisierten Menschen, der das entwickeln konnte, was im Englischen so treffend mit Craftsmanship beschrieben wird, bis auf Randerscheinungen nicht mehr existiert..“

    Ich würde ihn noch bei Familiengeführten Klein- und Mittelstands-Unternehmen, z.B. bei einigen Handwerksbetrieben verorten?

      1. almabu

        Interessanter Weise gehörte diese Kategorie von Unternehmen selbst im korruptionsverseuchten Spanien zu den in Europa absolut wettbewerbsfähigen Betrieben mit teils traumhaften Eigenkapitalquoten. Der Laden muß überschaubar sein und die Leute sind dann in der Regel sehr loyal, wenn der Chef und Besitzer des Unternehmens sie anständig behandelt. Diese Art von Firmen brauchten sich hinter entsprechenden deutschen Firmen nicht zu verstecken..

  2. alphachamber

    Siehe dazu Durkheims Theorie „The Division of Labor in Society“. In Hong Kong gibt es das Regierungskonzept der „Functional Constituencies“, Wahlkreise eingeteilt in Berufs/gewerbegruppen.

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