Nie wieder? Ein Kommentar

Gibt es das wirklich? Dieses Nie wieder? Eine Frage, die mir immer durch den Kopf ging, wenn ich die Parole irgendwo las. Richtig ist, dass viele, die Faschismus und Krieg miterleben mussten und die Generation, die danach kam und sah, welche Traumata und Verhaltensmuster das III. Reich bei denen verursacht hatte, die dabei waren, dass so etwas nie wieder passieren dürfte. Und die neue Gesellschaft, die im Westen den Namen Bundesrepublik trug, die bockte erst gewaltig, weil viele, die den ganzen Schlamassel mit verursacht hatten, plötzlich wieder irgendwo in Amt und Würden ihr Unwesen trieben. Im Osten war das anders, das hieß der Staat demokratisch, und ehemalige Faschisten hatten da wohl keine Chance. Vielleicht sollte da das Problem werden, dass der Faschismus immer die anderen waren und die Psychologie der Muster nie interessierte.

Im Westen jedenfalls rebellierten irgendwann die Nachkommen und das Nie wieder! erschallte überall. Der Geist und die Werte der West-Republik wurden über Jahrzehnte durch diese Rebellion geprägt, der Staat strengte sich richtig an, um die Wurzeln dessen, was die Nation in so große Verwerfungen gebracht hatte, auszureißen. In den Lehrplänen aller Schulen wurden die Vergangenheit und die demokratische Verfassung und seine demokratischen Organe zu einem festen Bestandteil. Die Forschung befasste sich damit und es wurden gesellschaftlich politisch tiefgreifende Diskussionen über den Staat geführt. Für das Militär existierte ein Konzept, das sich Bürger in Uniform nannte, Ordnungsämter wurden zu Bürgerdiensten und bis zu einem gewissen Zeitpunkt konnten junge Generationen es kaum noch erwarten, dass sie wählen durften.

Vielleicht, ja vielleicht war die Stunde, die die Deutschen pflichtgemäß als die glücklichste nach dem Krieg in ihr nationales Journal schrieben, die Wiedervereinigung mit den Brüdern und Schwestern im Osten, das Datum, mit dem das politische Bewusstsein im ganzen Land erodierte. Vielleicht war das kollektive Gefühl, sich nun nicht mehr um Politik kümmern zu müssen, die Ursache dafür, dass alles, was einmal diese Bewegung des Nie wieder! so gewaltig gemacht hatte, plötzlich klein und häßlich erschien. Nichts musste mehr erkämpft werden. Ja, es brach eine Zeit an, in der das Risiko, sich politisch zu engagieren, ganz aus dem Leben schwand. Genau: das Risiko, sich zu engagieren, schafft nämlich die Kraft der Durchsetzung. Diejenigen, die in diesen unriskanten Zeiten kometenhafte politische Karrieren machten, sind jetzt die, die alles machen, was ihnen gesagt wird.

Es war ein längerer Zeitraum, aber für eine Nation nur ein Moment von der Dauer eines Augenaufschlags, in der die Chance auf eine politisch hoffnungsvolle Zukunft verspielt wurde. Die Gesellschaft war sich selbst genug, sie stritt über Ernährungsgewohnheiten, und das selbst noch zu Zeiten, als bereits deutsche Bomberpiloten auf Belgrad zusteuerten, sie stritt über Windmühlen, als deutsche Panzer vor dem Hindukusch aufrollten. Die Liste dessen, was nur noch beschämen kann, sie ist lang. In der letzten Woche, als allerorten Veranstaltungen zur Solidarität mit den Terror-Opfern in Paris abgehalten wurden, standen die Protagonisten von einst mit Kerzen in der Hand im Dunkeln und sangen unter anderem die deutsche Nationalhymne, direkt nach der Marseillaise. Ein besseres Bild für den Niedergang gibt es nicht. Frei nach Jakob van Hoddis könnte es heißen: Bald sind Tornados in der Luft, und Eisenbahnen fallen von den Brücken“. Nie Wieder? Macht euch nicht lächerlich!

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7 Gedanken zu „Nie wieder? Ein Kommentar

  1. ullakeienburg

    Ich bin inzwischen so müde – müde von den Versuchen, wachzuhalten, müde von den Gegenreden, müde von den Versuchen, sich meiner zu entledigen, weil ich spiegele. Ich bin müde davon, dass institutionelle, staatliche und strukturelle Gewalt gegen Menschen eingesetzt wird anstatt für sie. NIE WIEDER? Da kann ich nur lachen. Diese Verbrechen an den Menschen haben NIE aufgehört! Am deutlichsten spüren es die, die auf den Staat angewiesen sind. Du schreibst von Unterrichtsinhalten: Die meisten Vermittler dieser merken offenbar nicht mal, dass sie Haltung weitergeben, dass sie nur erzählen, was erlaubt wird zu erzählen. Dass sie nur honorieren, was momentan konform mit des Staates Ansinnen ist. Mich graust es.
    Und wenn ich deinen Text so lese, fällt mir der „Willi“ ein, der von Konstantin Wecker, aus den 80ern des letzten Jahrhunderts. Unsere Gesellschaft hat „ihren 2CV gegen eine Porsche getauscht.“ Und ,verzeih mir das bitte, dabei muss ich glatt an den Softwareskandal denken 🙂 Ein kindliches : „Das haben „wir“ jetzt davon!“ kann ich mir nicht verkneifen. Danke Gerd! Für die Frage und Deine Gedanken.

  2. almabu

    Zum „Nie wieder“ zwei grundsätzliche Gedanken:
    Die Antwort zu dieser Aussage müsste aufgespalten werden in
    1. Die Möglichkeit „ES“ als Hauptverantwortliche Akteure wieder zu tun, die ich wegen mangelnder Bedeutung und Einflusses verneinen würde. Nein, wir sind heute nicht dazu in der Lage und das ist auch gut so!

    2. Die prinzipielle Bereitschaft „ES“ zu tun oder zumindest dabei mit zu wirken. Diese würde ich leider bestätigen müssen. Das teilweise unterirdische Niveau in unserer Gesellschaft, der fehlende sittlich-moralische Kompass bei vielen lassen mich dies befürchten. Der Österreicher musste mit den Nazis immerhin noch in großen Teilen der Gesellschaft ein religiös geprägtes, sittlich konservatives Weltbild überwinden, das durch den WW1 zwar erschüttert aber 1933 noch weitgehend vorhanden war. Dieser religiös geprägte Teil der Gesellschaft ist heute bedeutend kleiner und weniger rigoros verfestigt. Ich bin mir ziemlich sicher, daß wir grundsätzlich auf der Rechten ein ähnliches „Jihadisten-Potential“ wie bei den Muslimen haben. Es gibt z.B. freiwillige rechte Söldner in der Ukraine, auch aus Deutschland, die ganz geil darauf sind gegen die Russen „n den Jihad zu ziehen“!

    Der derzeit im Westen leider noch tonangebende Neokonservativismus ist eine im Kern faschistische Wirtschaftslehre, die ihre schädliche Beeinflussung auch auf andere Bereiche unseres Lebens ausdehnt.

  3. gerhard

    Lieber Gerd,
    der Satz „und ehemalige Faschisten hatten da wohl keine Chance“ kann im Bezug auf die DDR wohl kaum richtig sein.
    Viele Grüße,
    Gerhard

  4. Bludgeon

    Hm. Seh ich diesmal bißchen anders:

    Der 68er Aufstand brachte was in Bewegung, was als schöner Rahmen zwar taugt, aber letztlich nur darüber hinweg täuscht, dass entscheidende Hausaufgaben im Westen eben nicht gemacht wurden: Die alten Eliten blieben Elite und domestizierten ihren Kadernachwuchs rechtzeitig. Die Notstandsgesetze wurden nicht verhindert. Den Quandts tat keiner was; Ackermannkarrieren blieben möglich, Waffengeschäfte sowieso; Filbinger musste letzlich nur zurücktreten…
    Desweiteren täuschte der medial gehypte Aufbruch der Grünen anfang der 80er darüber hinweg, dass da unbesehen andere Mehrheiten entstanden – die wahltechnisch Kohl möglich machten.

    Im Osten ging es auf andere Art schief. Der verordnete Antifaschismus ließ keinerlei Diskussionen über Werdegänge nach 45 zu. Obendrauf noch der vertuschte Stalinismus und seine Opfer. Die Mehrheit plapperte nach und dachte gar nicht politisch. Dann Wende und die Buchläden waren schlagartig voller Zeug, was bisher verboten war. Nur der Buchladen überlebt, der Umsatz macht: Porno-Comics, Kitsch und Nazi-Memoiren. Letztere treffen auf Leser, die nie reflektieren gelernt haben. Kein Wunder, dass sich 89/90 genug Potential fand, als Kühnen, Schönhuber und Co „gen Ostland“ auf Tournee gingen.

    Der Mauerfall ist nicht dran schuld. Die Massenpassivität war auf beiden Seiten der Mauer stabil. Weder 68(West) noch 89(Ost) sind Mehrheiten auf der strasse gewesen.

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