Was hat Ankara mit Magdeburg zu tun?

Wohin treibt die Gesellschaft? Das ist eine Frage, die momentan alles durchdringt. Nirgendwo endet ein Gespräch, in dem das Ungewisse dieser Entwicklung nicht Thema gewesen wäre. Um den Jargon der Einfallslosen zu gebrauchen: Viele Menschen sind besorgt. Es sind nicht diejenigen, die die Sorge zum Vorwand nehmen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen oder andere auszugrenzen und zu skandalisieren, denn diese Fraktion ist bereits Bestandteil des gesellschaftlichen Problems. Nein, es sind Leute aus ganz normalen Berufen und allen möglichen sozialen Milieus, deren Verstand funktioniert und die bis Drei zählen können, wie der Volksmund so schön sagt. Sie fragen sich, wohin das alles führt. Und sie meinen damit den Umgang vieler Nationen untereinander, der daraus resultierenden Kriege und Verwerfungen und der wieder daraus resultierenden Not derer, die von dieser Verrohung betroffen sind und ihre nackte Haut retten wollen. Diese Sorge ist berechtigt. Und das ist die Sorge, die alles beherrschen sollte.

Einfache Antworten gleichen oft einer Rezeptur und sind insofern weniger angebracht. Hingegen sind einfache Fragen oft verblüffend erhellend. Zum Beispiel, was heißt es, wenn ein Bündnispartner von Deutschland, sowohl in der NATO als auch in punkto jüngster zwischenstaatlicher Konsultationen, wenn dieser Bündnispartner nicht nur Terroristen finanziert und unterstützt, um mögliche Opposition im eigenen Land zu bekämpfen? Und, wenn dieser Bündnispartner mit einer Kampagne sondergleichen den kritischen Journalismus im eigenen Land nahezu liquidiert? Der vor imperialer Geltungssucht strotzende Präsident Erdogan unternimmt momentan einen Feldzug, um Journalisten, die den Beruf ernst nehmen, für Jahrzehnte hinter Gefängnismauern zu bringen. Was sagt ein solcher Bündnispartner über uns aus?

Die Antwort kann keine moralische sein. Die Antwort ist woanders zu suchen. Es ist eine Frage der Vorstellung davon, was demokratische Institutionen zu leisten haben. Hier, im eigenen Land, ist ebenfalls eine Verrohung zu verzeichnen, nämlich die der politischen Auseinandersetzung. In bisher nicht gekanntem Ausmaß werden Immigranten und deren provisorische Unterkünfte zur Zielscheibe gewalttätiger Angriffe. Die Zahlen sind erschreckend. Und diese Zahl ist das Ergebnis einer Eskalation, weil die Behörden, die dafür zuständig sind, kaum etwas unternehmen. Das ermuntert, und das beschädigt die staatlichen Institutionen, in diesem Fall Polizei und Justiz, deren Aufgabe es wäre, dem ein Ende zu setzen. Um zu der Frage zurück zu kommen: Wer bereit ist, die Funktionalisierung von Justiz und Polizei zugunsten einer politisch schädlichen Sache hinzunehmen, der macht es irgendwann auch selbst.

Ja, so einfach kann das sein. Und es sei davor gewarnt, sich Illusionen über den Zustand und die Befindlichkeit der eignen staatlichen Institutionen zu machen. Dazu gibt es keine Sondersendungen in ARD und ZDF, aber genau das wäre es, was passieren müsste. Was ist zu tun, um ein konsequentes Vorgehen von Polizei und Justiz zu garantieren. Das ist kein kleinmütiger Legalismus, sondern Realismus. Denn die viel beschworene Zivilgesellschaft, die rettet in der Krise die Gesellschaft nicht vorm Abgleiten in die Barbarei. Die immer wieder im Feuilleton gesalbte Zivilgesellschaft ist nicht nur die, die Flüchtlinge willkommen heißt, nein, es ist auch die Zivilgesellschaft, die Heime für Asylsuchende in Brand steckt. Es sind die staatlichen Institutionen, auf die es ankommt. Eigenartigerweise schaut dahin niemand so genau. Aber es wäre aufschlussreich. Allein die Entwicklung der Justiz, vor allem der bayrischen, als auch die ganz normale Vorgehensweise der Behörden bei der Aufnahme und Organisation von Flüchtlingen würde zeigen, wie professionell, aber schlimmer noch, von welchem Geist sie durchdrungen sind. Und, wer Freunde hat wie die gegenwärtige Türkei, der meint tatsächlich, hier sei alles bestens in Ordnung.

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14 Gedanken zu „Was hat Ankara mit Magdeburg zu tun?

  1. hildegardlewi

    Zunächst einmal bleibt man in der Beobachtungsphase stecken. Erst mal erkunden, in welche Richtung sich die Geschichte wendet. Im Augenblick versucht jeder, sein Süppchen zu kochen. Das wird nicht lange funktionieren.

  2. Nitya

    Lieber Gerd,
    Alice Miller, die bekannte Psychoanalytikerin schrieb das Buch „Du sollst nicht merken“. Wir ertragen seit vielen Jahren Regierungsparteien, die weder christlich noch sozial noch demokratisch sind, obgleich sie sich mit diesen Begriffen in ihrem Parteinamen schmücken. Unsere Werbeindustrie lügt uns pausenlos de Hucke voll, unsere Medien eifern ihnen ziemlich erfolgreich nach, … man könnte hier noch endlos Beispiele aufführen. „Du sollst nicht merken!“ trifft auf ein „Ich will’s auch gar nicht so genau wissen.“ Aufklärung, Zivilgesellschaft, christliche Nächstenliebe, … alles nur verschleiernde Worthülsen. Wir brauchen nicht mit dem Finger auf Erdogan zeigen oder die Herren von Guantánamo oder oder … Wir habe schon längst den Boden dafür bereitet, dass morgen im eigenen Land schon wieder Dinge geschehen, die wir nicht mehr für möglich gehalten hätten. Na ja, ich will mich dessen gewiss nicht rühmen, aber ich habe sie für möglich gehalten, schon immer für möglich gehalten. Ein kleines Beispiel: Als ich in jungen Jahren den Wehrdienst verweigerte und einen Platz als Zivildienstleistender suchte, bekam ich keinen. Ich klapperte Pfarrer und Krankenhäuser ab, aber mit einem Kommunisten, der ich nie war, wollte niemand etwas zu tun haben. Aus meinem eigenen Erleben kann ich sagen: Wir waren noch nie eine aufgeklärte Zivilgesellschaft. Dese hätte einen Typ Mensch vorausgesetzt, der höchst selten einmal und nur singulär zu finden ist. Ich meine damit jenen Typ Mensch, der sich darüber klar geworden ist, dass das, was man das Ego nennt, eine reine Fiktion ist, dass das einzig Wirkliche das ist, was Buddha Anatta nannte, das Nicht-Selbst. Nicht einmal die christliche Selbstlosigkeit hat jene Tiefe der Erkenntnis erreicht. Verweist sie doch immer noch auf ein Selbst, das sich zurücknimmt zugunsten anderer Selbste, während Buddhas Anatta, die Existenz eines Selbstes bestreitet.

    Alle Maßnahmen, die ergriffen werden können, um aus dem gegenwärtigen Schlamassel wieder herauszukommen, werden scheitern bzw. bestenfalls nur vorübergehend die Symptome lindern, solange nicht die Wurzel des ganzen Übels erkannt worden ist. Es gibt nichts zu tun, sondern etwas zu erkennen. Aber wie Alice Miller richtig sagte: Das „Du sollst nicht merken!“ steckt allen viel zu tief in den Knochen.

    1. gkazakou

      Nitya, Ich kann deiner Beschreibung, nicht aber deiner Schlussfolgerung zustimmen. Es geht, so meine ich, nicht um Selbst-Losigkeit, sondern um Selbst-Erfüllung im Besonderen des So-Seins. Im vorliegenden Falle: wie kannst du – in deiner besonderen Lage als Bürger der Bundesrepublik und mit all den anderen Besonderheiten deiner Lage wie Einkommen, Bildung, Kontakte, Sprach- und Denkvermögen, Alter, Gesundheit, Erfahrungen – deine Handlungen (!) so gestalten, dass sie sich dem Anspruch deines Höheren Selbst (allumfassende Liebe) annähern. Die „Linderung der Symptome“ kann dabei als zwar bescheidene, aber brauchbare Zielvorgabe dienen.

      1. Nitya

        gkazakou, ich habe keine Ahnung, was ein „Höheres Selbst“ sein soll. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich es weder mit Religion noch mit Esoterik oder dergleichen habe. Buddha hat aufgrund intensiver Wahrnehmung festgestellt, dass es keine Instanz gibt, die er „Selbst“ hätte nennen können. Das war für ihn keine Glaubensfrage, sondern das Ergebnis einer inneren Wissenschaft, die von jedem nachvollzogen werden kann, der sich darum bemüht. Er sagte: „Glaubt mir kein Wort, überprüft alles selbst, was ich gesagt habe.“ Seine Aussage ist: Es gibt weder ein Selbst, noch ein Ich oder Ego. Das sind alles reine Fiktionen.

        Du schreibst: „wie kannst du … deine Handlungen (!) so gestalten, dass sie sich dem Anspruch deines Höheren Selbst (allumfassende Liebe) annähern.“ Meine Gedanken sind nicht meine Gedanken, meine Handlungen sind nicht meine Handlungen. Wie könnte ein nicht-existentes Ich „seine“ Handlungen gestalten in welchem Sinn auch immer? Noch einmal Buddha: „Handlungen erscheinen, doch gibt es keinen Handelnden.“

    2. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Wilhelm,
      es ist das alte Lied: Wenn du es individualpsychologisch oder auch individualphilosophisch betrachtest, dann hast du in vielem Recht. Wenn du an die Fragen politisch gehst, was du, wenn ich dich richtig verstehe, als zwecklos betrachtest, dann bleibt, ja, dann bleibt doch eigentlich nur noch der Defätismus. Dann hat das alles keinen Zweck. Auch da magst du nicht falsch liegen, aber ich kann mich mit dieser Haltung einfach nicht abfinden. Wenn der Versuch nicht mehr unternommen wird, gesellschaftliche Verhältnisse zu deuten, weil die individuelle Befreiung vor allem steht, dann warten wir bis ans Ende unserer Tage vergeblich. Das ist mir zu wenig, da halte ich es mit unserem Freund Bert Brecht: Wut im Bauch alleine reicht nicht, so etwas muss praktische Folgen haben!
      Liebe Grüße
      Gerd

      1. Nitya

        Lieber Gerd,
        ich denke, da gibt es einen Irrtum. Es geht nicht um individuelle Befreiung. Ich bin kein Buddhist oder sonst irgendein Religionsanhänger. Ich sehe nur, dass Buddha mit seinen Aussagen etwas absolut Wesentliches gesagt hat: Das, was wir für ein Individuum (Ich) halten, ist reine Fiktion. Wenn dies wahr ist, kann es weder um Individualpsychologie noch um Individualphilosophie noch um individuelle Befreiung gehen, sondern um das, was wirklich ist. Dabei geht es nicht darum, etwas zu glauben oder etwas zu bestreiten, sondern darum, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Das ist relativ einfach. Wenn du mir sagen solltest, was dein nächster Gedanke sein wird, wirst du feststellen, dass du deinen nächsten Gedanken nicht kennst. Er kommt gewissermaßen zu dir – wie aus dem Nichts. Nicht du denkst ihn, sondern er erscheint dir. So wie der nächste Atemzug von alleine geschieht, dein Herz ganz von alleine schlägt, alle deine Organe ganz von alleine ihre Funktion erfüllen, so kommen auch deine Gedanken ganz von alleine zu dir. Und was bei dir geschieht, geschieht überall, bei den Tieren, den Pflanzen, der ganzen Erde. Sie alle kommen ganz wunderbar ohne eine Instanz namens „Ich“ aus.

        Aber zu deinem Hinweis auf den Defätismus, mit dem du dich verständlicherweise nicht abfinden willst. Ich benütze diesen Begriff einmal im Sinne von Resignation. Wenn ich die scheinbare Herrschaft des „Ich“ in den letzten Jahrtausenden betrachte, dann wird mir wirklich ganz elend zumute, dann breitet sich Resignation aus. Wenn ich die Natur betrachte, so sehe ich weder diesen verrückten Glauben an ein fiktives Ich noch irgendeinen Defätismus. Nicht-Selbst bedeutet nicht Nicht-Handeln. Es bedeutet: Handeln geschieht ohne jede Ich-Fiktion. Ein alter Zen-Spruch sagt: „Wenn ich müde bin, schlafe ich, wenn ich hungrig bin, esse ich.“ Ich könnte es auch so sagen, alles Notwendige erledigt sich ganz von allein. Ein „Ich“ ist dabei überflüssig wie ein Kropf. Es stört nur den harmonischen Ablauf, da es sich immer in den Vordergrund spielen will, haben will, herrschen will, … Ein spielendes Kind ist völlig ichlos. Dasselbe gilt im Idealfall für einen Maler, einen Musiker, einen Dichter, einen Forscher, … Immer da, wo ein „Ich“ auftaucht, wirft jemand Sand ins Getriebe. Da soll man nicht resignieren! Freund Brecht braucht sich keine Sorgen machen: Wut im Bauch hat praktische Folgen. Als ich vor einiger Zeit den Einbrecher an meiner Terrassentür erwischte, war ich so was von wütend, dass ich brüllend auf ihn zuraste, sodass der Typ schleunigst Fersengeld gab, obwohl ich ein alter Sack bin und völlig unbewaffnet war. Er hingegen war ein junger Kerl mit einem Brecheisen in der Hand. Von wegen Defätismus! Und an individueller Befreiung bin ich wirklich kein bisschen interessiert. Das ist langweilig. Da müsste ich ja erst mal unfrei sein und glauben, ein fiktives Ich zu sein. Bin ich nicht, glaub ich nicht.

        Herzlichst
        Wilhelm

      2. Nitya

        Lieber Gerd,

        also noch etwas für den „praktischen Hausverstand wie dich“, den ich dir zumindest in dieser Ausschließlichkeit ganz sicher nicht abnehmen mag. Eine Empfehlung von einem indischen Weisen:

        „Sieh den, der sieht, und du tauchst in Objektlosigkeit. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit vom Gesehenen auf den Sehenden verlegen. Das Gesehene ist Form, Tun und die Existenz von ‚Dingen‘. Der Sehende ist Formlosigkeit, Nicht-Tun, kein Ding.“

        Nachdem „der Sehende“ die Grundlage für alle Gedanken, Entscheidungen, Handlungen ist, könnte er sogar den ausschließlich praktischen Hausverstand interessieren – insbesondere deshalb, weil du der Sehende bist.

    1. Nitya

      Liebe Hildegard, was den von mir angeschnittenen Bereich betrifft, werde ich in der Regel nicht gerade mit so freundlichen Kommentaren wie dem deinen verwöhnt. Intellektuell vs. existenziell, da scheint es kaum eine Brücke zu geben. Danke also für dein Danke! 😉

      1. hildegardlewi

        Na ja, es kommt immer auf die Betrachtungsweise an. Einer sieht die Sache so, der andere so. Aber der Kern bedeutet ja nicht, was man sieht;
        sondern das, was ist. Oder habe ich mich mal wieder falsch ausgedrückt? v

      2. Nitya

        Die Schwierigkeit ist halt, dass wir nicht wirklich wissen können, was ist. Wir können nur sagen, was wir sehen – jedenfalls, solange es um sog. Objekte geht. Wenn es um den geht, der sieht, verschmelzen Sehen und Sein zu „no-thing“, kein Ding, kein Objekt, das sich gleichzeitig manifestiert in allem, was ist. Aber das führt jetzt wirklich zu weit weg von Gerds Beitrag. Ich halte es nurf ür wesentlich, sich über den,der sieht, klar zu werden, bevor man sich den Objekten zuwendet und von einem fiktiven Ich aus zu operieren glaubt.

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