Auf Talfahrt

Manchmal geschieht alles ganz schnell. Auf der einen Seite wird Jahre darüber diskutiert, unter welchen Bedingungen es möglich wäre, eine Allianz zu bilden, und dann dreht sich die Geschichte eine Millisekunde weiter und alle vorherigen Bedenken sind außer Kraft gesetzt. Das jetzige Bündnis mit der Türkei ist so ein Fall. Was noch vor zwei Wochen galt, ist überholt. Zum anderen waren die Vorbehalte gegen den moderaten Staat der AKP mit seinem Präsidenten Erdogan vor allem der Regierung in Berlin so groß, dass mit diplomatisch geklonten Begriffen wie einer „privilegierten Partnerschaft“ hantiert wurde, um einen Beitritt des NATO-Partners Türkei in die EU zu verhindern. Die entfesselte Großmannssucht des Präsidenten derselben und die repressiven Exzesse einer radikalisierten AKP sind heute kein Grund mehr, vor einem weitgehenden Bündnis zu zaudern. Da können eigene Bevölkerungsteile mit Bomben traktiert werden, da können Journalisten bis ans Ende ihrer Tage ins Verlies geworfen werden, da kann ein großer Krieg durch Abschüsse russischer Flugzeuge riskiert und da können Allianzen mit dem Terrorismus geschlossen werden, die es eigentlich zu bekämpfen gilt.

Manchmal geht alles sehr schnell. Auf der einen Seite wird Jahre darüber räsoniert, wie die Werte und die Moral dieser Republik zu definieren sind. Auf der anderen Seite kommen die Reaktionen auf die teilweise eigene Politik gefühlt ganz plötzlich und erzeugen eine Drucksituation, die auf die eigene schlechte Vorbereitung verweisen, aber auch etwas zu tun haben mit der eigenen Unfähigkeit. Daraus kann die schnelle Zwischenbilanz gezogen werden, dass ein Land, das mit den Konsequenzen seiner eigenen Politik überfordert ist, wohl der falschen Politik gefolgt ist. Zudem steht der moralische Anspruch hierzulande, der nahezu von allen politischen Würdenträgern vor sich hergetragen wird, in diesem Augenblick in keiner Relation mehr zu den eigenen Taten und den eigenen Bündnispartnern. Jeder von der mitteleuropäischen Zivilisation geprägte Geist übergibt sich, wenn er die Schurkenstaaten und schäbigen Allianzen Revue passieren lässt, mit denen diese konkrete Bundesregierung pflegt, eine gemeinsame Politik zu machen.

Ein Korrektiv scheint es nicht zu geben. Obwohl nun, nach dem Schulterschluss mit ukrainischen Oligarchen und der radikalisierten Erdogan-AKP so mancher Journalist, der sich für die Freiheit von Putin oder Assad stark gemacht hatte, mehr als beschlichen wird von einer kaum zu ertragenden Mulmigkeit, die Bundesregierung scheint sich selbst dem dem Militärtempo angedockte Weiter so! verschrieben zu haben und keine Zweifel mehr zuzulassen. Dass die NATO zu einem Kriegsbündnis degeneriert, dass sich nicht mehr um UN-Mandate schert, ist desolat genug. Dass aber die Bundesrepublik ihr blind folgt, ist selbst verschuldete Unmündigkeit. Die NATO zündelt mit der Kriegsgefahr.

Jetzt, nach den Verwerfungen in der Ukraine und nach dem Abschuss einer russischen Militärmaschine, die sich 17 Sekunden in türkischem Luftraum aufhielt, wo die Luft aufgeladen ist wie noch nie, ausgerechnet jetzt lädt die NATO den Ministaat Montenegro in die NATO ein. Montenegro liegt auf dem Balkan und knapp die Hälfte der eigenen Bevölkerung ist strikt gegen eine NATO-Mitgliedschaft. Eine Aufnahme des Landes in die NATO würde die Gefährlichkeit der NATO um keinen Deut erhöhen, aber die psychologische Provokation ist groß. Es scheint so, als seien in den Bündnissen, mit denen sich dieses Land immer mehr verunstaltet, Provokateure am Werk, die ihr Handwerk exzellent beherrschen. Es ist allerdings das einzige, das sie kennen.

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8 Gedanken zu „Auf Talfahrt

  1. almabu

    Irgend jemand scheint beharrlich die Weichen Stück für Stück auf eine große Konfrontation hin zu drehen? In einer seltsam dämlichen Mischung aus Dummheit, Ignoranz und Überheblichkeit scheinen wir diesmal ins Debakel zu schlittern! Bravo, Frau Merkel! Zehn Jahre haben Sie dazu gebraucht sich an diesen Punkt zu schleimen und jetzt?

  2. fredo0

    früher tröstete ja der gedanke , dass niemand so dumm sein wird , die kühe , die er melken kann , über die klinge springen zu lassen …
    dieser „tröstliche“ gedanke gerät massiv ins wanken … dummheit scheint bei den melkern sogar die regel zu sein …

    hingegen gerät eine völlige ahnungslosigkeit und lediglich reagierende getriebenheit derer „da oben“ immer mehr in die wahrscheinlichkeit .

    es scheinen politiker mit visionen zu fehlen . seien diese auch naiv oder ideologisch motiviert , so bieten diese doch dann zumindest eine art berechenbarkeit und einen begrenzenden rahmen für allzu tolldreiste dämlichkeiten .

    eine wilde zeit …

  3. skyaboveoldblueplace

    Hab das grad mal getwittert. Wer es dann noch nicht verdtanden hat… bloß fürchte ich, der Anteil der ‚Naivlinge‘ am Wahlvolk steigt, je schlimmer die Situation sich darstellt.
    Brillanter Post!
    Danke und Gruß
    Kai

  4. lawgunsandfreedom

    Ein paar durchgeknallte Fundamentalisten frohlocken schon wieder. Sie hoffen auf den Endkampf zwischen „Gut und Böse“. Da sind sich die religiösen Extremisten aller 3 abrahamitischen Religionen einig. Zuerst wollen sie gemeinsam die Ungläubigen, die Atheisten und die Heiden vernichten, bevor sie dann übereinander herfallen um herauszufinden, wer den gemeinsamen monotheistischen Gott nun „richtig“ verehrt.

    Klingt absurd? Ist es auch. Aber diese Leute gibt’s tatsächlich und sie haben Einfluß. Bei Teilen der letzten Bush-Regierung haben sie die Fäden gezogen. Auch in Israel und in etlichen arabischen Staaten sitzen sie in den Parlamenten.

    Nur eine von vielen Quellen:
    https://www.au.org/blogs/wall-of-separation/apocalypse-now-syrian-conflict-brings-end-times-theology-into-the-spotlight

  5. gkazakou

    ein Gefühl wie auf einer Schutthalde, die ins Rutschen gerät, und du selbst mittenmang.

  6. fredo0

    Ich mag dieses „apokalyptische Feeling“ nicht gutheißen , dass viele durchdringt zur zeit … so als könnte sich nichts ändern , bzw. wären eigene Möglichkeiten gar nicht vorhanden.
    Sicherlich erkennt die Mehrheit der Menschen mitlerweile immer mehr dieses „Netz“ von Manipulation der Herrschenden . Und dies macht viele fassungslos und auch ängstlich .
    Doch andererseits ist genau dieses suksezzive Durchschauen der Strukturen hinter den Fassaden unserer westliche „freien“ Welt , auch ein überaus positives Signal .
    All die dummen Kälber , die ihre Schlächter selber wählen , verlieren immer mehr ihre Ahnungslosigkeit . Das ermöglicht dummerweise noch keine andere Wahl , da sich alle Alternativen unseres „demokratischen Parteiensystems“ als „Schlächter“ so oder so , erweisen , Jedoch schafft Aufmerksamkeit und Wahrnehmung allein bereits ganz automatisch Ent-Wicklung .
    Dieser Fantasie einer Ent-Wicklung ( womöglich jenseits aller Parteien und gewohnten Strukturen ) mag ich immer mehr positiv gestimmt entgegensehen ( ohne die überaus gebotene Skepzis gegenüber Vorhandenem zu vergessen ).

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