Krise als Chance?

Was passiert eigentlich in einer Krise, die den Namen verdient? In der vieles zusammen kommt. Bei der es nicht nur eine Entwicklung gibt, die Anlass zur Sorge bereitet. Bei der gleich verschiedene Faktoren wirken. Eben bei einer Krise, wie sie momentan zu verbuchen ist. Bei der das europäische Bündnis nicht mehr funktioniert, in punkto Verschuldung und Sanierung, in punkto Sicherheitsdenken, in punkto gemeinsame Werte. In der die Bündnispartner, die zur Durchsetzung der eigenen Interessen gewählt wurden, sich ähnlich darstellen wie das eigentliche Problem. Zum Beispiel in der Ukraine, zum Beispiel in der Türkei, zum Beispiel in Saudi Arabien, zum Beispiel in Afghanistan und zum Beispiel in den USA. In der die Mittel der Lösung in keiner Relation zum Problem stehen. Zum Beispiel bei der Liquidierung ganzer Staatswesen zugunsten der Kreditbedienung oder bei Flächenbombardements oder Drohneneinsätzen als Reaktion auf einzelne Anschläge in einem benachbarten Land.

Was passiert eigentlich, wenn davon ausgegangen werden kann, dass es keinen Plan, aber viele Aktivitäten gibt, wenn sehr viel unternommen wird, ohne dass ein Ziel identifiziert werden könnte? In der Politik ist das gar nicht so verwunderlich, denn die Zeit der Ziele und Programme ist dort längst passé. Politische Programme gehören der Vergangenheit an, seitdem die Demoskopie das Ruder übernommen hat, und das auch noch vermittelnd. Das eigentliche Ziel von Politik ist die Mehrheit. Und so hat nicht die Demoskopie, sondern die Funktionsweise des Positivismus die Herrschaft inne. Und im Augenblick der Betrachtung ist immer schon eine Mehrheit da.

Dass Zukunft eine Gestaltungsaufgabe ist, die nur gelingen kann, wenn die Erfahrungen der Vergangenheit verarbeitet werden und bei der die Vision des Neuen Berücksichtigung findet, ist den Junkies von demoskopischen Daten aus dem Blick geraten. Deshalb machen sie das, von dem sie glauben, dass es die Mehrheit des Momentes in die Zukunft rettet. So ein Fall ist die schwarze Null des Monetaristen Schäuble. Er ist der europäische Atavismus der in den USA längst überwundenen Staatsdoktrin des Wirtschaftsliberalismus. Seine Ideologie beschleunigt den Niedergang derer, die jetzt noch glauben, mit seiner Lehre ginge es weiter. Das Gegenteil ist der Fall. Es wird nur noch ein bisschen dauern, und es werden noch viele gemeinsame Werte verbrannt werden, bis diejenigen, die dem Karnivoren der Finanzwelt jetzt noch applaudieren, am eigenen Schicksal gemerkt haben, wie verhängnisvoll sein Altersstarrsinn für das Gemeinwesen war.

Eine Ahnung von Zukunft lässt sich auch über Szenarien herstellen. Es gibt wunderbar fähige Leute, die dabei helfen könnten, so etwas zu tun. Es könnte zum Beispiel darüber räsoniert werden, was mit den marginalisierten Jugendlichen in den europäischen Ballungsgebieten, die als Rekrutierungsmasse für die eine oder andere terroristische Variante dienen, geschehen könnte, wenn mit dem Geld, das allein die ersten zehn Luftangriffe kosten werden, Infrastruktur und Bildung finanziert würden, um ihnen eine Chance zu geben. Oder es könnte überlegt werden, was die 500.000.000 Euro, die allein die Bundesrepublik momentan der Türkei zur Verfügung stellt, um Flüchtlinge zu jagen, gemacht werden könnte, um Flüchtlingen in Deutschland eine Chance zu geben. Aber wer auf die Mehrheit des Augenblicks schaut, wird kein Bild von einer guten Zukunft zeichnen können. Die Überforderung reaktiver Charaktere durch die Krise ist manifest. Das ist das Problem.

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5 Gedanken zu „Krise als Chance?

  1. nandalya

    Es könnte auch überlegt werden, was man mit all diesem Geld gegen Arbeitslosigkeit und Altersarmut machen kann. Aber was rede ich, die gibt es ja nicht … Und vielleicht sollte man auch darüber nachdenken, wie Feindbilder entstehen. Wie sie geschaffen werden und warum.

  2. vfalle

    Zutreffend zusammengefasst.
    Ich glaube übrigens nicht, dass das ein Problem unser heutigen Jungend werden wird. Ich glaube ebenfalls nicht, dass es die heutigen Rentner noch treffen wird.
    Ich vermute, dass die Folgen vor allem die Menschen mittleren Alters treffen wird, die heute ihre höchste Arbeitsleistung erzielen und in Hoffnung auf eine gute Rente (privat und gesetzlich) so weiter machen wie sie es gelernt haben. Nach dem Motto: „Wenn Du nur fleißig genug bist, dann wird alles gut.“
    Die Jungen Menschen erkennen jetzt bereits, dass für sie immer weniger übrig bleibt und, dass das nicht mehr ihr Weg sein wird. Sie werden sich irgendwann auf ihre eigene Zukunft und die ihrer Kinder konzentrieren müssen.
    Die Menschen mittleren Alters haben es dagegen nur jetzt noch selbst in der Hand, die Welt und damit ihre eigene Zukunft mitzugestalten. Wenn sie erst einmal alt und schwach sind, werden sie diese Chance nicht mehr haben.

  3. alicegreschkow

    Bin da bei dir, aber stimme dir in einem Punkt nicht zu – leider ist Schäubles Politik inzwischen eine Politik der Mehrheit, er ist gerade der beliebteste Politiker, die Deutschen waren pro Austeritätspolitik und sind jetzt zu großen Teilen pro Syrieneinsatz und Migrationsstopp. Die Realität ist, dass unser Land ein konservatives ist.

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