Ein Schattenjournal der amerikanischen Geschichte

Oliver Stone. Peter Kuznick. Amerikas ungeschriebene Geschichte. Die Schattenseiten der Weltmacht

Es ist schon eigenartig. Während sich die europäische und insbesondere die deutsche Geschichtsschreibung in den letzten Jahren mit einer verstörenden Konsequenz von ihrem eigentlich Auftrag verabschiedet und Kurs auf die ideologische Untermauerung der Gegenwartspolitik kapriziert hat, offenbart sich in den USA eine Tendenz der Revision von dieser Irrfahrt. Dass auch dort ausgerechnet ein Regisseur zusammen mit einem Historiker die Wende deutlich machen, kommt nicht von ungefähr. Oliver Stone, längst bekannt durch Filme, die sich mit der Rolle des Mythos in der Selbstdefinition der zeitgenössischen USA befasste und Peter Kuznick, der für die neuere amerikanische Geschichte einen Lehrstuhl an der American University zu Washington innehat, machten sich daran, ein Werk zu verfassen, das die Diskrepanz und Widersprüchlichkeit des Mythos mit dem machtpolitischen Pragmatismus zum Zentrum hat. Herausgekommen ist ein sachliches, von Fakten durchdrungenes Buch, das handwerklich keine Zweifel lässt und viele Positionen der offiziellen amerikanischen Politik entschlüsselt.

Amerikas ungeschriebene Geschichte. Die Schattenseiten der Weltmacht ist der Titel dieses Werks, das mit dem Aufbruch der USA zur Weltmacht während des I. Weltkrieges beginnt und im gegenwärtigen Debakel im Nahen Osten, das in alle Zivilisationen zurückwirkt, endet. Es beschreibt die Ablösung der alten Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien durch die junge, dynamische USA, durchleuchtet die entscheidenden Jahre während und nach dem II. Weltkrieg und skizziert die Protagonisten der Politik und ihre Strategien. Roosevelt, Wallace, Truman, Eisenhower, Kennedy, Nixon, Reagan, Clinton, Bush und Obama werden nach ihren jeweiligen Handlungsspielräumen innerhalb einer reserviert staatlichen Struktur und einer immer herrschenden Dominanz des Big Business analysiert. Die Ergebnisse sind bis auf wenige Ausnahmen nicht schmeichelhaft. Zu viele übergriffige Interventionen in allen Teilen der Welt markieren die Kluft, die zwischen der Propaganda des amerikanischen Exzeptionalismus und den immer sehr eindimensionalen Interessen der Wirtschaftsstrategen existiert.

Die wenigen Augenblicke, in denen die Nation hätte zu sich und ihrem Mythos von Demokratie und Selbstbestimmung führen können, wurden zielstrebig unterlaufen von Machtinstrumenten wie den Geheimen Diensten, die von den Finanzmagnaten personell infiltriert waren. Die politischen Morde im eigenen Land bezogen sich auf die Symbolfiguren des Mythos, die an der Schwelle zu einer Realisierung zum Erliegen kamen. John F. Kennedy und später sein Bruder Bobby sowie Martin Luther King sind die bekanntesten, aber nicht die einzigen traurigen Dokumente dieser Strategie.

Die Chronologie der heutigen Weltmacht führt demnach von der Rolle eines Hoffnungsträgers nach den verheerenden Kriegen der alten imperialen Mächte zu einer neuen Form des Imperialismus, der teilt und herrscht, der interveniert, der Bündnisse schmiedet, die hinterher selbst zu gefährlichen Bedrohungen auswachsen und in erneuten destruktiven Eskalationen enden. Auch Obama, das vorerst letzte Kapitel, hat den Kampf im eigenen Land verloren. Wenn seine Amtszeit zu Ende geht, bleibt das, was er zu Beginn verändern wollte. Die USA stehen da als ein von partikularen Interessen geleiteter Kriegstreiber, der sich weiter und weiter strategisch überdehnt und damit zunehmend gefährlicher für den Weltfrieden wird.

Trotz des Faktenreichtums ist Amerikas ungeschriebene Geschichte ein sehr gut lesbares Kompendium und ein Dokument von Geschichtsschreibung, die ihren Namen verdient hat. Die Autoren vereinfachen nicht und sind dennoch in der Lage, komplexe Interessenlagen zu illustrieren. Wer sich mit der Rolle der USA als einer Regiekraft des Weltgeschehens kritisch befassen will, der sollte Amerikas ungeschriebene Geschichte unbedingt gelesen haben.

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Ein Gedanke zu „Ein Schattenjournal der amerikanischen Geschichte

  1. gerhard

    „…damit zunehmend gefährlicher für den Weltfrieden“ ist noch untertrieben – waren die nach Eisenhower schon mal ungefährlich für den Weltfrieden?
    Viele Grüße,
    Gerhard

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