„Und Germanistan marschierte wieder ein“

Es ist noch nicht sonderlich lang her, da erhitzten sich hierzulande die Gemüter über für Frage der griechischen Staatsschulden, die damit verbundenen Kredite und die Art und Weise, wie das Land aus dieser Fälle wieder herauskommen könne. Bemerkenswert ist, dass die Temperatur dieser Diskussion weit über der um den jetzigen, völkerrechtswidrigen und durch kein internationales Mandat gedeckten Angriffskrieg in Syrien lag. Die Beobachtung legt die Deutung nahe, dass in Deutschland Geld weit mehr erregt als Krieg und Tod, was wiederum eine gesonderte Überlegung wert wäre.

Doch zurück zu Griechenland. Die hiesige Presse wie das nahezu gesamte politische Korps sprach entweder von einer faulen Nation, oder es wurden auf Griechenland Begriffe angewandt wie Missmanagement, auswuchernde Bürokratie, Korruption, Steuerhinterziehung etc. Das zog in der politisch wie immer halb informierten Gemeinde. Doch nahezu alle Kriterien ließen sich beim Management der Aufnahme ankommender Hilfesuchender auch im Märchenland Bundesrepublik ohne große Mühe durchdeklinieren. Aber, natürlich, da wird geschwiegen, denn wer den großen Boss spielen möchte, dem fällt es schwer, sich zu eigentlichen Unzulänglichkeiten zu bekennen.

Schäuble, die Zuchtrute des antiquierten Wirtschaftsliberalismus, den das Volk angeblich so mag, hatte alle Mittel eingesetzt, um die griechische Regierung in eine Schuldknechtschaft zu zwingen, deren Ausmaß jetzt auch mit einem ersten Beispiel belegt werden kann. Darüber ist wiederum nichts zu lesen, so wie die Metzger natürlich auch keine Bilder vom Schlachten im Verkaufsraum aushängen. Die Avantgarde der germanischen Invasion in das griechische Nationaleigentum ist die Frankfurter Fraport AG, der vor der Verlängerung der letzten Kreditrate seitens der griechischen Regierung das Versprechen abgerungen worden war, ihr 14 so genannte Regionalflughäfen für sage und schreibe 1,23 Milliarden Euro für den Zeitraum von 50 Jahren zu überlassen. Zu den Flughäfen gehören Rhodos und Kreta, sowie Thessaloniki. Der gegenwärtige Umsatz dieser Flughäfen beträgt 180 Millionen Euro jährlich, der Gewinn von Steuern 90 Millionen. Da über diese Flughäfen der Großteil des griechischen Tourismus abgewickelt wird, sind die Einkünfte stabil und es kann ausgerechnet werden, wie schnell die Investition amortisiert ist.

Die Idee des freien Europa, in dem sich die unterschiedlichen Völker und Staaten auf Augenhöhe begegnen und zum Zwecke eines gemeinsamen Nutzens in wirtschaftlichen wie kulturellen Austausch treten, ist bilanztechnisch längst abgeschrieben. Alles, was als Anfangsinvestition in den Büchern dieses Unternehmens steht, diente der Vorbereitung einer einzigen Freiheit, die letztendlich den Beteiligten, die in dem Projekt Europa eine konstruktive Antwort auf den letzten großen Krieg sahen, eine schwere Depression zufügen muss: Es ist die Freiheit des Raubtierkapitalismus, der ansetzt zum Sprung auf die ureigensten zivilisatorischen Errungenschaften eines jeden Staates, auf den Brauch, die nationalen Geschicke durch politische Entscheidungsprozesse zu bestimmen.

So ist es jetzt nicht mehr eine Beziehung zwischen Staaten, in der geklärt wird, wer welche Interessen vertritt. Mit der Übernahme der griechischen Flughäfen durch die deutsche Fraport bekommt der Klassenkampf eine Renaissance. Es sind die griechischen Gewerkschaften, die nicht von einer Geschäftsübernahme, sondern von einer Eroberung sprechen. Sie sind es auch, die dagegen mobilisieren und versprechen, die Annexion griechischen nationalen Eigentums nicht kampflos hinnehmen zu wollen. Das ist das Ergebnis einer Diskussion, die in Deutschland geführt wurde mit demagogischen Sentenzen wie „der faule Grieche nimmt uns unser Geld weg“. So, wie die Geschichte verlief, ist es eher ein „und Germanistan marschierte wieder ein“.

Aber nein! Die Gewinne, die die Flughäfen in Zukunft erzielen, sollen zu einem Teil an die griechische Regierung zurückfließen. Das ist doch Imperialismus für einen guten Zweck, oder?

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6 Gedanken zu „„Und Germanistan marschierte wieder ein“

  1. SackingBob74

    Schöne Zusammenfassung – traurige Geschichte. Interessant ist, wie schnell der Mensch die Themen vergisst. Waren die Themen dieses Jahr nicht weitaus schlimmer? Was geblieben ist, ist ein wenig PEGIDA und ein flaues Gefühl…

  2. hildegardlewi

    Ich persönlich habe restlos genug von Germanistan und konzentriere mich zukünftig auf meine unterhaltsamen Gedichte und vielleicht auch wieder Geschichten. Denn viele Dinge dürften Politik und die Regierung sich nicht erlauben, wenn die Bevölkerung nicht so lahmarschig wäre, Schläfer hat.

  3. lawgunsandfreedom

    Die Methode ist die gleiche, wie die der Weltbank → Wir nehmen Euch alles, weg, was Euch Profit bringt oder Euch aus den Schulden heraushelfen könnte. Ewige Knechtschaft ist gut für Euch.

  4. gkazakou

    Flughäfen und Fraport – das ist gar nix im Vergleich zu dem, was sich hier (in Hellas) sonst noch vorbereitet. „Durchs Nadelör“ (so schreibt heute die Tageszeitung Ta Nea) werden Renten-Kürzungsgesetze, der Verkauf der unbedienten Kredite der Unternehmen an internationale Funds, die „Rekapitalisierung“ der Banken (auch hier durch Funds), der Verkauf der nationalen Stromgesellschaft, Steuern und noch mehr Steuern „getrieben“ – wie das berühmte Kamel, das ins Paradies will. Die Zustimmung zur links-rechten Regierung liegt irgendwo bei 18%, die zur Opposition darunter. Eine große Müdigkeit breitet sich aus. Aber Gesetze müssen beschlossen werden auf Deubel kommheraus. Denn sonst – Knüppel aus dem Sack.

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