Ein fataler Dualismus

Der Verweis, dass in deutschen Landen besonders auf Organisation und Konzeption geachtet wird, führt längst zu keiner Überraschung mehr. Was das Interesse an der Frage steigern kann ist die Frage, wie sich die Fokussierung auf Organisation und Konzept auf die allgemeine gesellschaftliche Praxis auswirkt. Ja, da existiert auch noch eine weitere Komponente, the German Angst, die zu einer Form des Legalismus führt, die der russische Revolutionär Lenin einmal mit den Worten umschrieb, wenn sie denn, die Deutschen, eine Revolution machten und dabei aus strategischen Gründen den Bahnhof einnehmen wollten, dann kauften sie vorher ordnungsgemäß die Bahnsteigkarten. Der Hang zum Konzeptionellen, durchaus keine irrationale Marotte, sondern in bestimmtem Kontext auch eine ungeheure Stärke, weist aber auch Paralysierendes auf.

In jeder Diskussion, die sich um notwendige gesellschaftliche Veränderungen dreht, ob im öffentlichen Raum, im privaten Gespräch wie hier auf dem Blog, irgendwann taucht immer die Frage auf, was der Einzelne denn schon bewirken könne. Und das immer in dem Kontext einer – vielleicht auch zu recht – negativen Einschätzung hinsichtlich der Veränderungsfähigkeit der großen Strukturen. Bei der Verneinung beider Möglichkeiten, die zumeist am Ende steht, bleibt ein dumpfer Defätismus, der allerdings nie die Konsequenz des Suizids nach sich zieht, sondern immer in einer Form des kleinbürgerlichen Eskapismus überlebt. Da sind es dann die exklusiven Hobbys, die die eigene Inaktivität kompensieren.

Es geht nicht darum, die Beobachteten zu verurteilen, es geht darum herauszufinden, wo die tödliche Sackgasse ihren Ursprung hat. Vieles spricht dafür, dass sich in diesem Kulturkreis ein Dualismus von Geist und Seele, von Spiritualismus und Sensualismus, von spontaner Aktion und Programm eingenistet hat, der in dieser exklusiven Dichotomie anderen Völkern fremd ist. Da muss erst eine Philosophie entwickelt werden, die jede, aber auch jede Frage beantwortet, bevor die kollektive Methodenpolizei sie freigibt für den allgemeinen Verkehr im Diskurs. Überväter wie Fichte, Kant, Schelling und Hegel, die immer im Dialog mit dem Göttlichen selbst standen, beflügelten die Kollektivsymbolik bis zum heutigen Tag. Da blieb kein Platz für die Kleinen, die morgens von der Pritsche rutschen, um einen profanen Tag hinter sich zu bringen, an dessen Ende ein Auskommen steht, das für ein Stückchen Fleisch und eine Flasche Bier reicht. Nein, in den Sphären der göttlichen Logik herrschen andere Gesetze, vor allem die, die das Leben, aus dem sich doch alle Gedanken speisen, ausschließt.

Und so ist sie geblieben, die Phantasie von der eigenen Bedeutungslosigkeit. Die Vorstellung, dass etwas Großes getan werden müsse, das sich für die Geschichtsbücher eignet und alles andere nicht zählt. In der Bilanz, ganz unten, stellt sich jedoch heraus, dass gerade dieses Diktum die Welt in ihrer immer wieder reproduzierten Ungerechtigkeit stabilisiert. Die Trennung von Großem und Kleinem ist die Zementierung jeder Herrschaft, es ist ein Unterdrückungstheorem schlechthin, dem selbst viele kritische Geister anhängen. Nichts gegen die großen Theorien! Aber sie taugen nichts, wenn sie sich nicht dem widmen, was zählt: der menschlichen Existenz in ihrer wirklichen Form. In jenen sechzehn oder mehr Stunden am Tag, in denen jedes Individuum auf die Welt einwirkt, in seiner Praxis, die mehr verändert als der Diskurs im Elfenbeinturm. Faktisch und real. Gar nicht klein, sondern ganz groß. Es muss nur begriffen werden.

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5 Gedanken zu „Ein fataler Dualismus

  1. Nitya

    Lieber Gerd,

    der Anarchist und Gestalttherapeut Paul Goodman hatte folgenden Tipp für all diejenigen auf Lager, die meinten, sie könnten nichts tun. Er empfahl ihnen die „freie Aktion“:

    „Freie Aktion bedeutet, in der bestehenden Gesellschaft so zu leben, als sei sie eine natürliche.“

    Ich vermute, dass du damit sehr einverstanden sein wirst.

    Herzlichst
    Wilhelm

  2. user unknown

    Dieses Posting gefällt mir ganz besonders.

    Ich meine man muss im Alltag versuchen nach den Idealen einer freieren, solidarischeren Welt zu leben, die freiheitlichen Werte, die Ideale von Gerechtigkeit, auch rechtsstaatliche Prinzipien, demokratische Verfahren, Transparenz, Offenheit, Kritik zu verfolgen. Nicht hinter die unvollkommenen bürgerlichen Teilerrungenschaften zurückfallen.
    Die Verfahren und Methoden, die man anwendet, spielen m.E. eine größere Rolle, als die fernen Ziele.

  3. gkazakou

    In allem, was wir tun und treiben, reproduzieren wir die gesellschaftlichen Strukturen, die ohne unser Tun gar nicht existierten. Also kommt es schon drauf an, was wir tun und treiben. Denn davon hängt die Qualität dieser Strukturen ab. ZB gegen die Korruption sein, aber seinen Vorteil suchen wie jedermann, auch mit unlauteren Mitteln, bestätigt die Korruption in der bestehenden Form. (Ich sah grad den ganz hervorragenden russischen Film „Der Idiot“ von Juri Bikov, in dem ein gewöhnlicher Einzelner das Spiel nicht mitmacht, ein „Idiot“, ein „Blödmann“ eben, so dass für einen kurzen Augenblick der Mechanismus sich in seiner ganzen Brutalität offenbart, mit tödlichem Ausgang für den, der ihn offengelegt hat.)

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