Es ist Zeit für Bilanzen

Es ist die Zeit für Bilanzen. Oder das, was als Bilanz bezeichnet wird. Meistens ist das, was als Bilanz präsentiert wird, nichts anderes als eine unkritische Chronologie. Da wird ein Ereignis nach dem anderen aneinandergereiht und dem Publikum mit einem phänomenologischen Seufzer übergeben. Es wäre auch sehr viel verlangt, vor allem von jenen, die das ganze Jahr ohne eigenen Widerstand aktiv an der Mystifikation arbeiten. Das, was sie als Nachrichten aufbereiten, verdient in vielen Fällen den Namen nicht. Es handelt sich um Manipulation der einfachsten Machart, oft zu einem Zweck, der den Produzentinnen und Produzenten der falschen Nachricht gar über den Horizont geht. Wie sagen noch die westfälischen Bauern? Alle Menschen leben unter einem Himmel, doch die Horizonte sind verschieden!

Und nun sollen diese Protagonisten eines schlechten Traums allen Ernstes das Jahresgeschehen im Land und auf der Welt bilanzieren! Und auch hier hilft ein wunderbares Zitat. Es stammt von Marcel Reich-Ranicki und bezieht sich auf die Provinz. Provinz, so Reich-Ranicki, beginnt dort, wo kein Maßstab existiert. Das ist regelrecht weise und lädt zum Deklinieren vieler Verhältnisse ein. Doch allein angewendet auf die Nachrichten aus den großen Häusern dieses Landes ist damit bereits ein wertvoller Schlüssel vorhanden. Denn dort existiert kein Maß, weder in Bezug auf die reale Einschätzung der eigenen Position im großen Weltgefüge noch in Bezug auf die Relativität der Kräfte. Da herrschen nur die eigene Vorstellung und eine Selbsteinschätzung, die hybride Züge trägt.

Die Welt ist ein komplexes Gebilde. Auf dieser Welt existieren unterschiedliche Kulturen und sehr spezifische politische Modelle, die aus einer historischen Entwicklung hervorgingen, die allesamt immer wieder geprägt waren durch Konflikte, Kriege und Vernichtung. Es wäre hilfreich, in den Annalen der globalen Geschichte etwas zu blättern, um bestimmte Muster zu identifizieren, die dazu beitrugen, die Menschheit als kollektive Weltbevölkerung zivilisatorisch weiter zu bringen. Sich diesen Mustern zu widmen würde bedeuten, eine Programmatik für das eigene Verhalten zu formulieren, die die positiven Grundzüge dieser Muster trägt. Anders herum täte es ebenso gut, die verhängnisvollen, destruktiven Potenziale der Vergangenheit zu betrachten, um zu einer Auffassung darüber zu kommen, was nicht geschehen und vermieden werden sollte.

Selbst bei unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen kollektiven Wahrheiten käme bei einer solchen Rückschau heraus, dass es nie zu einem guten Ende führt, an Bildern über andere Mächte zu arbeiten, die diese in einen negativen emotionalen Kontext stellen, die ihnen Adjektive verleihen, die emotionalisieren und ihnen Interessen zu unterstellen, die eher den eigenen als denen der Beschriebenen ähneln. Kurz, es zahlt sich nicht aus im Weltgeschehen, an Feindbildern zu arbeiten. Ebenso wenig hilfreich ist es, das eigene Weltbild den Realitäten anderen, schwächeren Nationen aufzuoktroyieren, ob jene es wollen, oder nicht. Und historisch fatal ist es nahezu immer gewesen, die Geschicke eines Staatswesens so ganz ohne Strategie und Plan lenken zu wollen, sondern nur nach dem Bedarf der Stunde.

Das hört sich alles theoretisch an, ist aber die Beschreibung dessen, was sich aus bundesrepublikanischer Sicht im Jahre 2015 ereignet hat. Es wurde an Feindbildern gearbeitet, vor allem an einem griechischen und einem russischen, in Europa wurde der dogmatische Wirtschaftsliberalismus à la Schäuble rigoros gegen andere Staaten durchgedrückt. Und gefahren wurde, nach eigenen Aussagen, exklusiv auf Sicht. Da muss bei der Bilanzierung nicht lange gerechnet werden. Das Ergebnis ist vernichtend.

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4 Gedanken zu „Es ist Zeit für Bilanzen

  1. hildegardlewi

    Lieber Gerd, jedenfalls hast du die passenden Worte gefunden. Denn der normale Bürger steht schon längst hilflos den Ereignissen gegenüber, und ebensowenig ist er inzwischen in der Lage, für sich selbst eine Zukunftsgestaltung zu planen. „Komme was will“ heißt die
    Devise, wir müssen durch. Wen zitiere ich? War das Kaiser Wilhelm?
    „Wir gehen herrlichen Zeiten entgegen!“

  2. almathun

    …und hat uns der VW-Skandal nicht klar vor Augen geführt, dass sich D und USA bereits in einem Wirtschaftskrieg befinden, dessen „Friedensvertrag“ TTIP hinter verschlossenen Türen ausgehandelt wird? In diesem Fall dürfen Negativbilder allerdings nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

  3. Bludgeon

    Allet richti‘, bloß olle Reich-Ranicki irrt: Keen Maßstab? Det gilt doch ooch in Mainhattan (ehemals Ackermannshausen) und Ba’lin!
    Weltbürja denken doch ooch nich üba die Macchiato-Tasse hinaus.

    „Menschheit, du hattest einfach nicht das Zeug dazu.“ (Ch. Bukowski)

  4. gkazakou

    Die Provinz ist jedenfalls anpassungsfähiger und kreativer als die Hauptstädte es sind. Das ist wie mit dem Kopf und dem Organismus: der Kopf entscheidet dies und das, oft Fatales, der Organismus ist immer auf Selbsterhaltung bedacht und passt sich an Kälte und Hitze, Hunger und Überfressen etc höchst flexibel an. So ist die Provinz, wenn man sie gewähren lässt.

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