Massenflucht aus Europa

Anna Seghers. Transit

Gute Romane zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Handlung in einem konkreten historischen Rahmen stattfindet und das Erzählwerk hilft, die konkret beschriebene Zeit in ihrer Vieldeutigkeit zu entschlüsseln. Eine besondere Qualität entsteht allerdings durch ein Phänomen, dem nicht aus Zufall die sehr guten, großen Narrative unterliegen. Sie treffen eine human existenzielle Problematik, die zwar in einer konkreten historischen Situation thematisiert wird, aber sie greifen das Thema so treffend und in seiner Widersprüchlichkeit so akzentuiert auf, dass die konkrete Historie irgendwann unbedeutend wird. Irgendwann, nach dem die konkrete Situation, in der die Handlung stattfand, längst in den Annalen aufbewahrt wird, wird deutlich, dass der Roman immer wieder eine Renaissance erfährt, weil sein Thema und seine Komplexität zu einem Teil der menschlichen und gesellschaftlichen Selbstreflexion geworden ist, die kulturgeschichtlich in einen weitaus größeren Abschnitt gehört als das konkret Erzählte.

Netty Reiling, später Radvanyi, die unter dem Pseudonym Anna Seghers weltbekannt wurde, ist mit dem Roman Transit ein solches Werk gelungen. Eigentümlicherweise war genau dieses Buch nicht geplant und es störte in Konzeption und Niederschrift auch den späteren Welterfolg Das siebte Kreuz, an dem sie bereits arbeitete. Doch ihre konkreten Erfahrungen mit ihrer eigenen Flucht samt Familie vor den Nazis drückte ihr das Thema ins aktuelle Journal. Anna Seghers folgte selbst der im Roman beschriebene Route über Paris in den noch nicht besetzten Süden Frankreichs und in Marseille wartete sie auf ein Schiff, das sie und ihre Familie in Sicherheit bringen sollte. Selbst die beschriebene Route des Schiffes über Martinique nach Mexiko entsprach dem, was ihr glücklicherweise gelang.

Transit ist eine eindringliche Dokumentation über den Kampf zwischen Verzweiflung und Bürokratie. Auf der einen Seite diejenigen, die alles verloren haben auf der Flucht vor einem Todfeind und alles setzen auf die erlösende, endgültige Flucht auf einen anderen Kontinent. Und auf der anderen Seite die komplizierten prozessualen Bedingungen zwischen unterschiedlichen Nationen und deren Behörden, um eine Erlaubnis zu bekommen, das Land Frankreich zu verlassen, andere Länder zu durchreisen und letztendlich Zielländer zu betreten. Zu Tausenden saßen sie in Marseille, warteten, waren depressiv und apathisch oder agil und suchend, hier eine Ausreiseerlaubnis, dort ein Transit, und woanders wieder eine Einreisegenehmigung. Dazu gehörten Herkunftsnachweise, polizeiliche Führungszeugnisse, Testate über politische Verfolgung oder die Mitgliedschaft in internationalen Organisationen, so ganz nebenbei eine historische Relativität, die Europa jenen bietet, die gerade dorthin flüchten wollen.

Über dieses Setting der Verzweiflung hinaus gelingt Anna Seghers in Transit, die Frage der Flucht vor einem politisch nicht nur missliebigen, sondern lebensgefährlichen System in Bezug auf das einzelne Individuum zu generalisieren. Es ist sicherlich eine bedeutsame Metapher, dass die in der Handlung, die scheinbar Erfolg haben und Marseille auf einem Schiff verlassen können, nicht in einem Zustand der Erlösung enden. Den Ich-Erzähler, übrigens ein Mann mit einer eher verschwommenen Identität, umgibt eine Aura des Beobachters von höherer Warte, weil er die Jagd auf die Schiffspassage zunächst nur als ein Spiel begreift, das ihm nichts bedeutet. Deshalb kann er die Charaktere der Handlung emotional so maßvoll beschreiben: ihre Verzweiflung, ihre Psychosen, ihre Illusionen, ihr Kalkül. Und deshalb sieht er auf der anderen Seite, der Bürokratie, auch ihre Vielfalt: das maschinelle Vorgehen, das Machtbewusstsein und die diskrete menschliche Wärme. Und letztendlich ist es er, der Erzähler, der die Lösung in einer anderen existenziellen Dimension als der Flucht sucht.

Anna Seghers Transit wurde 1941 geschrieben. Er ist brandaktuell!

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5 Gedanken zu „Massenflucht aus Europa

  1. Bludgeon

    Hm. Die Seghers wieder. Irgendwie ein „verbrannter“ Name. In der DDR vor jeden Propagandakarren gespannt, Vorsitzende des Schriftstellerverbandes… das „Siebte Kreuz“ als Pflichtliteratur neben zahllosen anderen KZ-Literaturvertretern jahrein jahraus vor-und zurück interpretieren… Aktualität hin oder her… der damals erworbene Übersättigungseffekt hält an.

    1. Nil

      Es mag so sein für Sie – für mich war Anna Seghers ganz neu und als ich nach dem vorigen Beitrag über sie Transit bestellte und auch gelesen habe, füllte es für mich so manche Lücke auf in meiner Vorstellung was die heutigen Flüchtlinge so mitmachen, die Willkür de Bürokratie, die wechselnden Regeln und einiges mehr… Ich muss Gerhard zustimmen dass es tatsächlich brandaktuell ist…

    2. Xeniana

      Ja diese Pflichtlektürepropagandakiste hätte mich auch fast davon abgehalten, das Buch zu lesen. Es wäre mir etwaas entgangen…

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