Nichts als Leere

Auch Rituale entkommen nicht der Doppeldeutigkeit. Aus der Ferne betrachtet, womöglich aus einer anderen Kulturepoche, erscheinen sie meistens primitiv und barbarisch. Aus nächster Nähe spenden Sie vor allem Sinn. Ob dieser Sinn immer von allen Beteiligten erkannt wird, ist dabei unerheblich. Es hat sich etwas entwickelt, das den Notwendigkeiten des kollektiven Bewusstseins genüge leistet. Dass derlei Rituale oft etwas sehr Einfaches, Spielerisches haben, liegt nicht an der mangelnden Phantasie der Beteiligten, sondern an der Notwendigkeit des Rituals: es muss für alle zugänglich sein, sonst generiert es nicht den Sinn, der von ihm verlangt wird.

Das abendländische Ritual zur Jahreswende senkt sich zur Neige. Um in der missionarisch-kolonialistischen Terminologie zu verweilen, sind die Festtage, die beginnen hinter uns zu liegen, ein heidnischer Ritus. Er trägt der Frage Rechnung, wie das kosmische Reset zu deuten ist. Das Jahr geht zu Ende, die längste Nacht ist passé, alles fängt von vorne an, ganz langsam, schleichend, kaum merklich. Hinter den Handelnden liegt ein Jahr der Mühsal und Plage, des Irrtums und des Überdrusses, der Verwerfung oder der emotionalen Hausse. Dass es noch besser werden kann, hoffen die Jungen, dass es schlechter werden könnte, befürchten die Alten. Es liegt nahe, dass das sich Wiederholende irgendwann ermüdet, es sei denn, dass der Zeitpunkt, an dem die Wiederholung Gewissheit wird, mit einem Ritus belohnt wird, mit dem das Wohlergehen assoziiert werden kann. Dergleichen existiert auch in anderen Kulturräumen, aber das exzessiv Konsumistische triumphiert vor allem in der westlichen Hemisphäre.

In den Phasen der Geschichte, die sich mit aufstrebenden gesellschaftlichen Klassen zu befassen hatten, herrschte vor allem das Prinzip der Demokratisierung. Immer mehr Menschen bekamen eine Ahnung davon, dass bei der nächsten Runde auch sie dabei sein könnten, wenn es an die Verteilung von Wohlstand, Reichtum und Macht ginge. Und immer noch gab es genug Ausgeschlossene, deren Not Gewissheit blieb. Das Ritual war das gleiche, aber sein vermittelter Sinn erfasste lange die Maximierung der Teilhabe bis zu dem Punkt, an dem deutlich wurde, dass der formale Prozess der Demokratisierung abgeschlossen war und dennoch etwas übrig ließ, was das kollektive Bewusstsein der Gegenwart nicht mehr goutiert: die Existenz von Klassen, die unterschiedlichen Zugang zu Reichtum und Macht garantieren.

Schlafwandlerisch disponierte das Ritual um. Es wandte sich in der Sinnstiftung ab von der Möglichkeit der Teilhabe hin zu einer situativen Völlerei, die den Geschmack des alten Sinnes noch einmal vermittelt, die aber den Stimulus zum Fortstreben nicht mehr verkaufen kann. Was bleibt ist eine Orgie des Hedonismus, die im Augenblick ihrer Realisierung bereits das Fade der Vergänglichkeit in sich trägt. Es handelt sich dabei um das, was im Allgemeinen als der Verlust der Freude bei diesem Ritual beklagt wird. Um deutlich zu werden: dieses Ritual vermittelt keinen kollektiven Sinn mehr und lebt noch eine gewisse Zeit als leerer Habitus fort, der irgendwann als eine gesundheitsschädliche Veranstaltung diskreditiert werden kann, weil die spirituelle Erbauung fehlt.

Die Gesetzmäßigkeit von Vergänglichkeit und Wiederholung hingegen wird bleiben. Sie wird wie immer in der Geschichte der Menschheit Zweifel zutage fördern, die in einem kollektiven Erklärungsmuster durch Sinn getilgt werden müssen. Ob es neue Modelle der Teilhabe suggeriert, sei dahin gestellt. Der Zustand der Dekadenz alleine jedoch vermittelt keinen Sinn. Deshalb liegen diejenigen, die im Augenblick nichts als Leere fühlen, sehr nah an der Wahrheit.

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4 Gedanken zu „Nichts als Leere

  1. monologe

    Gestern sah ich auf einer Bank an einem Spazierweg einen jungen Mann sitzen und Klarinette spielen. Für mich zweifellos ein Migrant. Wegen der Aura. Sie ließ sich sofort gewahren, die Welt aus der er kommen mochte, die Unmöglich, Undenkbarkeit, da Klarinette zu spielen. Dort auf dieser Bank ließ sichs tun, endlich angekommen, frei, Klarinette zu spielen. Es schien mir ein überaus triftiger Grund, es schien mir wie die Wiederentdeckung der Zivilisation, wie die Wiederbegegnung mit einem Grund, ja, mit einem Menschenrecht, das man zu vergessen hatte am eigenen Leib und im Geist schon. Er spielte für sich, nicht um Spenden, sondern auf ein gegenüberliegendes Wasser. Und ich dachte: Willkommen, Bruder. Gut, dass du dabei bist.

  2. gkazakou

    Wie Recht du hast! Rituale funktionieren, weil und solange sie den daran Beteiligten das Gefühl des Dazugehörens bestätigen. Nicht dazuzugehören, das ist ein Graus. Also her mit dem Champagner, dem Klamauk. –
    Darunter gibt es eine lebenswichtige Bestätigung: zu realen Menschen zu gehören. Das hat nichts mit Klassen und Konsum zu tun, sondern mit dem gemeinsamen Herzschlag. Wer niemanden hat, leidet an solchen Tagen extrem. Wer viele hat, wünscht sich eine Harmonie, die sich nicht auf Befehl einstellt.
    Die Flüchtlinge funktionieren momentan als Hoffnung für die Hoffnungslosen: es sind Menschen, um die man sich kümmern darf, soll, muss. Denen man ein Gefühl des Dazugehörens geben möchte, um dem Elend der eigenen Unzugehörigkeit zu entgehen. Sobald sie sich verlaufen haben, fällt man in die eigene Hoffnungslosigkeit zurück.

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