Repercussions

Der letzte Ruf im Jahr sollte etwas mit dem zu tun haben, was hinter uns liegt. Der erste im Neuen eine Aura von dem versprühen, womit gestaltet und der eine oder andere Versuch unternommen werden kann, um die Verhältnisse zu verbessern. Das ist quasi Tradition und zwar eine, die nicht durch das bloße Diktum verdächtig erscheint. Wenn die Ausrufung der Zukunft auch jene Droge mit sich bringt, die Hoffnung genannt wird, so kann die Retrospektive hingegen nicht verklären. Sie ist gebunden an Fakten. Sie stehen bereits in den Annalen und sind unumstößlich. Das einzige, was mit ihnen noch geschehen kann, sie können unterschiedlich bewertet werden. Und die Art der Bewertung hängt von den jeweiligen Interessen ab.

Das Jahr 2015 wird sicherlich als das Jahr im Gedächtnis bleiben, in dem die Illusion zerstört wurde, es sei möglich, irgendwo weit weg lokale Kriege zu führen, ohne dass es im eigenen Land etwas gibt, was im Englisch sprachigen Raum so treffend repercussions genannt wird. Gemeint sind damit rückwirkende Resonanzen. Das, was nach propagandistischer Sprachbearbeitung als Flüchtlingswelle oder Flüchtlingsstrom nach Mitteleuropa und vor allem nach Deutschland kam, waren repercussions einer Politik, die sich beteiligte an den von den USA so genannten Regimewechseln und die allesamt eines gemeinsam hatten: Sie fanden statt auf dem Rücken der jeweiligen Zivilbevölkerung und waren verfehlt. Jeder Regimewechsel, an dem sich die Bundesrepublik beteiligte, war verfehlt. Und alle Regimewechsel, die die USA in den letzten 20 Jahren betrieben haben, haben sich als schlimmeres Debakel herausgestellt, als es die Verhältnisse vorher waren.

Angefangen hatte die neue Bundesrepublik mit ihrem Interventionismus auch militärischer Natur auf dem Balkan. Dessen Destabilisierung sorgte für Flucht. Bis heute, und heute ganz besonders aus dem Kosovo, einem durch EU-Mittel finanzierten Banditenstaat. Die Intervention in Afghanistan führte wiederum zu Flucht, dieses mal all derer, die mit den deutschen Eindringlingen kooperierten und von denen der Eindringling heute nichts mehr wissen will. Und die Intervention im Nahen Osten besteht aus der willenlosen Billigung von Waffenexporten und einer jüngsten militärischen Verstrickung an Seiten der Türkei, dessen Ergebnis nur wieder Flucht sein kann. Was der finanzielle Intervention in der Ukraine, der bis dato keine militärische folgte, noch nachkommen wird, lässt nichts Gutes erwarten.

Es ist in diesem Jahr 2015 deutlich geworden, dass die Welt und deren einzelne Teile nicht mehr voneinander separierbar sind. Was sich für Universalisten wie eine Binsenwahrheit darstellt, scheint für das politische Personal in Berlin eine ganz neue Erkenntnis zu sein. Und da muss die Zukunft ins Spiel kommen, aber das ist eine Frage des neuen Jahres. Im Alten hat vieles dafür gesprochen, dass das politische Agieren und seine desaströsen Effekte nicht dazu geführt haben, die Politik kritisch zu verarbeiten und zu revidieren, sondern sie aggressiv mit Mitteln der Informationsaufbereitung zu verkaufen. Leider ist festzustellen, dass die Bundesrepublik Deutschland so ziemlich alles an reaktionärer Skala durchläuft, was die Vereinigten Staaten unter der Bush Administration durchleben mussten.

Trotz aller immer wieder reklamierter Eigenständigkeit, die deutsche Politik durchlebt die der amerikanischen immer mit einer zehnjährigen Zeitverzögerung. Demnach dauert der Schlamassel hier noch ungefähr bis 2018. Vielleicht ist dann Schluss mit den hirnrissigen, moralisch begründeten militärischen Interventionen und vielleicht ist dann auch Schluss mit der Krätze der Neuzeit, dem Dogma des Wirtschaftsliberalismus. Aber hoffen tun wir erst morgen. Heute sind wir einfach nur bitter böse!

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5 Gedanken zu „Repercussions

  1. almabu

    Gnadenloser Optimist! Ich weigere mich zu glauben, daß die Verantwortlichen hinter der interventionistischen US-Politik der letzten Jahre alles komplette Idioten sind. Daraus folgt, daß diese entgegen ihrer öffentlichen Beteuerungen mit den failed states um Europa herum im Prinzip zufrieden sind. Diese südöstliche Konfliktzange bedroht Europa zunehmend in vielfältiger Weise, mindestens ebenso wie er Russland potententiell bedroht. Die USA dabei wie üblich in einer multiple-win-Situation. Sie fachen Konflikte an, beliefern die Kontrahenten mit Waffen, versuchen potentielle Gegner wie Iran und Russland und mit Abstrichen die Türkei hinein zu ziehen, lassen die EU und Saudi Arabien die Zeche zahlen und schwächen diese gleichzeitig. Dies ist aus US-Sicht ein wirksames Konzept des Machterhaltes. Deshalb wird man weiterhin damit rechnen müssen? Nur ein großer Zusammenstoß mit Russland, den wir uns nicht wünschen sollten, könnte diese Perspektive verändern, ODER innere Konflikte und Unruhen innerhalb der USA, womöglich auch durch ‚repercussions‘ auf ihre weltweiten Destabilisierungsorgien. Doch keine Angst, ich bin kein Hellseher, dafür liege ich zu oft daneben, deshalb HAPPY NEW (Y)EAR 2016;-)

  2. hildegardlewi

    Die Bühne ist vorbereitet. Glasklarer blauer Himmel, 1 – 3 Grad Minus, das kühlt die Gemüter, aber läßt sie nicht vor Kälte erzittern. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahren noch keine Silvesterknallerei auf Probe, Energien werden für den Abend aufgespart. Und die Rede der großen Mutter an die Nation.
    Sie soll ja beeindruckend sein. Die Rede. Ich habe nur gehört davon,
    Aber ich und einige andere bereiten uns auf den demnächst stattfindenden Sanierungstrubel unserer Wohnungsbaugesllschaft vor.
    Na, das wird lustig werden.

  3. meertau

    wär zu schön, wenn schluss mit schlamassel und hirnrissigkeiten kommen könnte. ich würde sogar noch länger drauf warten, wenn ich nur dran glauben könnte.
    merci jedenfalls für ihre klug ausformulierten texte und kommen sie gut ins neue jahr!

  4. gkazakou

    Wie immer klug und zu Gedanken anregend, dein Jahreswechselkommentar!

    Repercussions – sie gab es immer, aber zeitlich stärker verzögert. Früher waren es Jahrhunderte, dann wurden es Jahrzehnte, nun sind es kaum noch Monate, bis die Erschütterungen in einer Weltgegend sich in einer anderen bemerkbar machen.

    In unserer Welt der zunehmenden Interdependenzen lässt sich ein Gewitter nicht mehr isolieren, es steht quasi gleichzeitig über allen Häuptern. Und das Zeitintervall zwischen Donner hier und Blitz dort geht gegen Null.
    Und so wachsen sich Stellvertreterkriege zu allgemeinen Kriegen, zu Weltkriegen aus. Wenn das eine Einsicht wäre, die die Vernunft oder jedenfalls den Überlebensinstinkt auf den Plan riefe, dürften wir hoffen.

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