Archiv für den Monat Dezember 2015

Nichts als Leere

Auch Rituale entkommen nicht der Doppeldeutigkeit. Aus der Ferne betrachtet, womöglich aus einer anderen Kulturepoche, erscheinen sie meistens primitiv und barbarisch. Aus nächster Nähe spenden Sie vor allem Sinn. Ob dieser Sinn immer von allen Beteiligten erkannt wird, ist dabei unerheblich. Es hat sich etwas entwickelt, das den Notwendigkeiten des kollektiven Bewusstseins genüge leistet. Dass derlei Rituale oft etwas sehr Einfaches, Spielerisches haben, liegt nicht an der mangelnden Phantasie der Beteiligten, sondern an der Notwendigkeit des Rituals: es muss für alle zugänglich sein, sonst generiert es nicht den Sinn, der von ihm verlangt wird.

Das abendländische Ritual zur Jahreswende senkt sich zur Neige. Um in der missionarisch-kolonialistischen Terminologie zu verweilen, sind die Festtage, die beginnen hinter uns zu liegen, ein heidnischer Ritus. Er trägt der Frage Rechnung, wie das kosmische Reset zu deuten ist. Das Jahr geht zu Ende, die längste Nacht ist passé, alles fängt von vorne an, ganz langsam, schleichend, kaum merklich. Hinter den Handelnden liegt ein Jahr der Mühsal und Plage, des Irrtums und des Überdrusses, der Verwerfung oder der emotionalen Hausse. Dass es noch besser werden kann, hoffen die Jungen, dass es schlechter werden könnte, befürchten die Alten. Es liegt nahe, dass das sich Wiederholende irgendwann ermüdet, es sei denn, dass der Zeitpunkt, an dem die Wiederholung Gewissheit wird, mit einem Ritus belohnt wird, mit dem das Wohlergehen assoziiert werden kann. Dergleichen existiert auch in anderen Kulturräumen, aber das exzessiv Konsumistische triumphiert vor allem in der westlichen Hemisphäre.

In den Phasen der Geschichte, die sich mit aufstrebenden gesellschaftlichen Klassen zu befassen hatten, herrschte vor allem das Prinzip der Demokratisierung. Immer mehr Menschen bekamen eine Ahnung davon, dass bei der nächsten Runde auch sie dabei sein könnten, wenn es an die Verteilung von Wohlstand, Reichtum und Macht ginge. Und immer noch gab es genug Ausgeschlossene, deren Not Gewissheit blieb. Das Ritual war das gleiche, aber sein vermittelter Sinn erfasste lange die Maximierung der Teilhabe bis zu dem Punkt, an dem deutlich wurde, dass der formale Prozess der Demokratisierung abgeschlossen war und dennoch etwas übrig ließ, was das kollektive Bewusstsein der Gegenwart nicht mehr goutiert: die Existenz von Klassen, die unterschiedlichen Zugang zu Reichtum und Macht garantieren.

Schlafwandlerisch disponierte das Ritual um. Es wandte sich in der Sinnstiftung ab von der Möglichkeit der Teilhabe hin zu einer situativen Völlerei, die den Geschmack des alten Sinnes noch einmal vermittelt, die aber den Stimulus zum Fortstreben nicht mehr verkaufen kann. Was bleibt ist eine Orgie des Hedonismus, die im Augenblick ihrer Realisierung bereits das Fade der Vergänglichkeit in sich trägt. Es handelt sich dabei um das, was im Allgemeinen als der Verlust der Freude bei diesem Ritual beklagt wird. Um deutlich zu werden: dieses Ritual vermittelt keinen kollektiven Sinn mehr und lebt noch eine gewisse Zeit als leerer Habitus fort, der irgendwann als eine gesundheitsschädliche Veranstaltung diskreditiert werden kann, weil die spirituelle Erbauung fehlt.

Die Gesetzmäßigkeit von Vergänglichkeit und Wiederholung hingegen wird bleiben. Sie wird wie immer in der Geschichte der Menschheit Zweifel zutage fördern, die in einem kollektiven Erklärungsmuster durch Sinn getilgt werden müssen. Ob es neue Modelle der Teilhabe suggeriert, sei dahin gestellt. Der Zustand der Dekadenz alleine jedoch vermittelt keinen Sinn. Deshalb liegen diejenigen, die im Augenblick nichts als Leere fühlen, sehr nah an der Wahrheit.

Massenflucht aus Europa

Anna Seghers. Transit

Gute Romane zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Handlung in einem konkreten historischen Rahmen stattfindet und das Erzählwerk hilft, die konkret beschriebene Zeit in ihrer Vieldeutigkeit zu entschlüsseln. Eine besondere Qualität entsteht allerdings durch ein Phänomen, dem nicht aus Zufall die sehr guten, großen Narrative unterliegen. Sie treffen eine human existenzielle Problematik, die zwar in einer konkreten historischen Situation thematisiert wird, aber sie greifen das Thema so treffend und in seiner Widersprüchlichkeit so akzentuiert auf, dass die konkrete Historie irgendwann unbedeutend wird. Irgendwann, nach dem die konkrete Situation, in der die Handlung stattfand, längst in den Annalen aufbewahrt wird, wird deutlich, dass der Roman immer wieder eine Renaissance erfährt, weil sein Thema und seine Komplexität zu einem Teil der menschlichen und gesellschaftlichen Selbstreflexion geworden ist, die kulturgeschichtlich in einen weitaus größeren Abschnitt gehört als das konkret Erzählte.

Netty Reiling, später Radvanyi, die unter dem Pseudonym Anna Seghers weltbekannt wurde, ist mit dem Roman Transit ein solches Werk gelungen. Eigentümlicherweise war genau dieses Buch nicht geplant und es störte in Konzeption und Niederschrift auch den späteren Welterfolg Das siebte Kreuz, an dem sie bereits arbeitete. Doch ihre konkreten Erfahrungen mit ihrer eigenen Flucht samt Familie vor den Nazis drückte ihr das Thema ins aktuelle Journal. Anna Seghers folgte selbst der im Roman beschriebene Route über Paris in den noch nicht besetzten Süden Frankreichs und in Marseille wartete sie auf ein Schiff, das sie und ihre Familie in Sicherheit bringen sollte. Selbst die beschriebene Route des Schiffes über Martinique nach Mexiko entsprach dem, was ihr glücklicherweise gelang.

Transit ist eine eindringliche Dokumentation über den Kampf zwischen Verzweiflung und Bürokratie. Auf der einen Seite diejenigen, die alles verloren haben auf der Flucht vor einem Todfeind und alles setzen auf die erlösende, endgültige Flucht auf einen anderen Kontinent. Und auf der anderen Seite die komplizierten prozessualen Bedingungen zwischen unterschiedlichen Nationen und deren Behörden, um eine Erlaubnis zu bekommen, das Land Frankreich zu verlassen, andere Länder zu durchreisen und letztendlich Zielländer zu betreten. Zu Tausenden saßen sie in Marseille, warteten, waren depressiv und apathisch oder agil und suchend, hier eine Ausreiseerlaubnis, dort ein Transit, und woanders wieder eine Einreisegenehmigung. Dazu gehörten Herkunftsnachweise, polizeiliche Führungszeugnisse, Testate über politische Verfolgung oder die Mitgliedschaft in internationalen Organisationen, so ganz nebenbei eine historische Relativität, die Europa jenen bietet, die gerade dorthin flüchten wollen.

Über dieses Setting der Verzweiflung hinaus gelingt Anna Seghers in Transit, die Frage der Flucht vor einem politisch nicht nur missliebigen, sondern lebensgefährlichen System in Bezug auf das einzelne Individuum zu generalisieren. Es ist sicherlich eine bedeutsame Metapher, dass die in der Handlung, die scheinbar Erfolg haben und Marseille auf einem Schiff verlassen können, nicht in einem Zustand der Erlösung enden. Den Ich-Erzähler, übrigens ein Mann mit einer eher verschwommenen Identität, umgibt eine Aura des Beobachters von höherer Warte, weil er die Jagd auf die Schiffspassage zunächst nur als ein Spiel begreift, das ihm nichts bedeutet. Deshalb kann er die Charaktere der Handlung emotional so maßvoll beschreiben: ihre Verzweiflung, ihre Psychosen, ihre Illusionen, ihr Kalkül. Und deshalb sieht er auf der anderen Seite, der Bürokratie, auch ihre Vielfalt: das maschinelle Vorgehen, das Machtbewusstsein und die diskrete menschliche Wärme. Und letztendlich ist es er, der Erzähler, der die Lösung in einer anderen existenziellen Dimension als der Flucht sucht.

Anna Seghers Transit wurde 1941 geschrieben. Er ist brandaktuell!

Es ist Zeit für Bilanzen

Es ist die Zeit für Bilanzen. Oder das, was als Bilanz bezeichnet wird. Meistens ist das, was als Bilanz präsentiert wird, nichts anderes als eine unkritische Chronologie. Da wird ein Ereignis nach dem anderen aneinandergereiht und dem Publikum mit einem phänomenologischen Seufzer übergeben. Es wäre auch sehr viel verlangt, vor allem von jenen, die das ganze Jahr ohne eigenen Widerstand aktiv an der Mystifikation arbeiten. Das, was sie als Nachrichten aufbereiten, verdient in vielen Fällen den Namen nicht. Es handelt sich um Manipulation der einfachsten Machart, oft zu einem Zweck, der den Produzentinnen und Produzenten der falschen Nachricht gar über den Horizont geht. Wie sagen noch die westfälischen Bauern? Alle Menschen leben unter einem Himmel, doch die Horizonte sind verschieden!

Und nun sollen diese Protagonisten eines schlechten Traums allen Ernstes das Jahresgeschehen im Land und auf der Welt bilanzieren! Und auch hier hilft ein wunderbares Zitat. Es stammt von Marcel Reich-Ranicki und bezieht sich auf die Provinz. Provinz, so Reich-Ranicki, beginnt dort, wo kein Maßstab existiert. Das ist regelrecht weise und lädt zum Deklinieren vieler Verhältnisse ein. Doch allein angewendet auf die Nachrichten aus den großen Häusern dieses Landes ist damit bereits ein wertvoller Schlüssel vorhanden. Denn dort existiert kein Maß, weder in Bezug auf die reale Einschätzung der eigenen Position im großen Weltgefüge noch in Bezug auf die Relativität der Kräfte. Da herrschen nur die eigene Vorstellung und eine Selbsteinschätzung, die hybride Züge trägt.

Die Welt ist ein komplexes Gebilde. Auf dieser Welt existieren unterschiedliche Kulturen und sehr spezifische politische Modelle, die aus einer historischen Entwicklung hervorgingen, die allesamt immer wieder geprägt waren durch Konflikte, Kriege und Vernichtung. Es wäre hilfreich, in den Annalen der globalen Geschichte etwas zu blättern, um bestimmte Muster zu identifizieren, die dazu beitrugen, die Menschheit als kollektive Weltbevölkerung zivilisatorisch weiter zu bringen. Sich diesen Mustern zu widmen würde bedeuten, eine Programmatik für das eigene Verhalten zu formulieren, die die positiven Grundzüge dieser Muster trägt. Anders herum täte es ebenso gut, die verhängnisvollen, destruktiven Potenziale der Vergangenheit zu betrachten, um zu einer Auffassung darüber zu kommen, was nicht geschehen und vermieden werden sollte.

Selbst bei unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen kollektiven Wahrheiten käme bei einer solchen Rückschau heraus, dass es nie zu einem guten Ende führt, an Bildern über andere Mächte zu arbeiten, die diese in einen negativen emotionalen Kontext stellen, die ihnen Adjektive verleihen, die emotionalisieren und ihnen Interessen zu unterstellen, die eher den eigenen als denen der Beschriebenen ähneln. Kurz, es zahlt sich nicht aus im Weltgeschehen, an Feindbildern zu arbeiten. Ebenso wenig hilfreich ist es, das eigene Weltbild den Realitäten anderen, schwächeren Nationen aufzuoktroyieren, ob jene es wollen, oder nicht. Und historisch fatal ist es nahezu immer gewesen, die Geschicke eines Staatswesens so ganz ohne Strategie und Plan lenken zu wollen, sondern nur nach dem Bedarf der Stunde.

Das hört sich alles theoretisch an, ist aber die Beschreibung dessen, was sich aus bundesrepublikanischer Sicht im Jahre 2015 ereignet hat. Es wurde an Feindbildern gearbeitet, vor allem an einem griechischen und einem russischen, in Europa wurde der dogmatische Wirtschaftsliberalismus à la Schäuble rigoros gegen andere Staaten durchgedrückt. Und gefahren wurde, nach eigenen Aussagen, exklusiv auf Sicht. Da muss bei der Bilanzierung nicht lange gerechnet werden. Das Ergebnis ist vernichtend.