Entwurf der Welt

Nun, da ein schiitischer Geistlicher eines der Opfer einer Massenhinrichtung in Saudi Arabien war und der Iran heftig protestiert hat, ist die Aufregung groß. Nicht, dass die Empörung nicht gerechtfertigt wäre. Nur kurze Zeit ist es her, dass die feministische Außenministerin Schwedens, Margot Wallström, in aller Offenheit Saudi Arabien wegen seines Regimes angeklagt hat. Die Resonanz innerhalb der EU hielt sich sehr in Grenzen. Denn zu sehr ist das Wirtschaftssystem mit saudischen Investoren verwoben und zu sehr ist die Karte des Öls immer noch ein Trumpf. Was nun besorgt, ist die Eskalation des Konfliktes zwischen dem Iran und Saudi Arabien und damit die Sicherheit des Zugriffs auf das für die Industrieproduktion wichtige Öl. Da wird es ungemütlich, denn bereits im Syrien-Konflikt stehen sich die Kontrahenten von Iran und Saudi Arabien gegenüber. Es geht um die Vormachtstellung im Nahen Osten. Sollte ein direkter Krieg zwischen dem Iran und Saudi Arabien aufziehen, wären die Sicherheiten im Zugriff auf das Öl dahin.

Die Waffenlieferungen auch Deutschlands nach Saudi Arabien haben eine lange Tradition und sind nach wie vor aktuell. Das Interesse vor allem Deutschlands, immer noch einer der größten Automobilproduzenten der Welt und Großbritanniens, wo saudische Investoren richtig gut im Geschäft sind, sich mit Saudi Arabien gut zu stellen, ist ungetrübt. Ein Bekenntnis zu diesen Interessen wird zunehmend heikel. Es ist das Ergebnis einer Außenpolitik mit moralischen Versatzstücken. Das Dilemma ist nun in dem Rigorismus zu suchen, mit dem Saudi Arabien sein irrwitziges Profil schärft. Abgehackte Arme und Köpfe sowie Peitschenhiebe passen nicht zu der Ideologie eines freiheitlichen, den Menschenrechten verpflichteten Europas. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die neuerliche Demaskierung eines auf Ölrevenuen beruhenden Wüstenstaates als Hort von Sklaverei und Terror zu keinen ernsthaften Konsequenzen führen wird.

Der Iran, im Gegensatz zu Saudi Arabien, ein Jahrtausende alter Kulturstaat, der durch eine vermeintliche Glaubensrevolution als Reaktion auf ein von den USA alimentiertes Schah-Regime moralisch mächtig erschüttert wurde, sucht verzweifelt nach einer Balance von Machterhalt und kultureller Erholung. Noch in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts kostete der Krieg mit dem Irak mehr als eine Millionen Tote. Die Konsequenz daraus ist ein Sicherheitsstreben, das selbst den Bau von Atombomben fokussierte. Dieser Iran sieht sich konfrontiert mit einer Clique von terroristischen Kriegsfinanzierern, die bestens mit den Machtzentren des Westens vernetzt sind. Vieles spricht dafür, dass die heutigen Führer des Irans sich auf keine Appeasement-Strategien des Westens werden einlassen wollen. Dass sich der Konflikt vor einem Szenario einer Auseinandersetzung zwischen Schiiten und Sunniten abspielt, macht die Situation nicht einfacher.

Angesichts der bereits herrschenden syrischen Implikationen fällt es schwer, sich einfache Lösungen vorzustellen. Die sich bereits in Stellung befindlichen Machtblöcke, bei denen in diesem Fall vor allem die USA und die EU die großen Unbekannten sein könnten, weil ihre Bündnisdiplomatie exklusiv vom Zugang zum Öl bestimmt sein wird, bergen eine Sprengkraft, die größer nicht sein könnte. Über Persien und Afghanistan führt der Weg zum Heartland, dessen Besitz schon zu Zeiten des Kolonialismus die Weltherrschaft zu versprechen schien. Die europäischen Staaten wären gut beraten, wenn sie diesem imperialistischen Welthunger nicht folgten.

Der Meidan, der zentrale Platz von Isfahan, ist mit neun Hektar einer der größten seiner Art weltweit. Er wurde Ende des 16. Jahrhunderts angelegt und trug lange Zeit den Namen „Entwurf der Welt“. Es sollte nie vergessen werden, dass noch andere Konzeptionen der Weltordnung existieren. Außerhalb Europas. Und außerhalb der USA.

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2 Gedanken zu „Entwurf der Welt

  1. almabu

    Wie im Artikel bereits erwähnt sind SA und Iran auch Protagonisten in Syrien. Durch die augenblickliche Verschärfung der Lage ist von beiden Staaten auch kein positiver Beitrag zu einer politischen Friedenslösung in Syrien zu erwarten. Der sogenannte „Bürgerkrieg“ bleibt also wohl auf absehbare Zeit eine offene, schwärende Wunde mit dem Potential zur „flächendeckenden Entzündung“! Auch das Flüchtlingsproblem aus Richtung Syrien bleibt damit unverändert bestehen…

  2. gkazakou

    Diese Konfrontation scheint mir nicht hausgemacht, sondern von den US gesteuert zu sein. Die Verschärfung der Sanktionen gegen den Iran ausgerechnet jetzt, wo sich eine Friedensregelung für Syrien abzeichnen könnte, dazu die Aggressivität gegen Russland sind Anzeichen, dass hier absichtlich und sehr direkt auf eine Zerschlagung des Iran hingesteuert wird. Es ist das bekannte Szenario, das General Lesly Clark vor einigen Jahren in einem Interview erwähnte: Irak, Lybien, Sudan, Syrien und Iran werden „plattgemacht“ – Veranschlagte Zeit 5 Jahre. Das hat dann nicht so geklappt, weil Syrien dank Russland und dem Iran standhielt. Inzwischen kam der Jemen dazu. Wenn es in Syrien zu einem Frieden a la Irak kommt, kann man sich den Iran vorknöpfen.

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