Der Dschihad aus dem deutschen Kriegsministerium

Steffen Kopetzky. Risiko

Mit dem I. Weltkrieg wurde deutlich, dass die Machtverhältnisse auf dem Erdball in der bestehenden Weise nicht mehr unverändert würden fortbestehen können. Der Unterschied zwischen Heute und Damals bestand wohl vor allem darin, dass zu Beginn des XX. Jahrhunderts offen über die Interessen gesprochen wurde, um die es ging. Nämlich um den Zugriff auf Rohstoffe und die Beherrschung der globalen Infrastruktur. Heute steht der Artikulation von Interessen eher eine moralisch gefärbte, auch idealistische Betrachtungsweise entgegen, ohne dass die Gier nach dem Wesentlichen gestillt wäre. Am Vorabend des I. Weltkrieges jedoch stand vor allem Deutschland bereit, sich in das Konsortium der imperialen Weltmächte einzuordnen und dem britischen Löwen gehörig seine Schranken zu zeigen.

Vor diesem Szenario entfaltet Steffen Kopetzky seinen Roman „Risiko“. Akteur ist zunächst die Besatzung der Fregatte BRESLAU, die im Mittelmeer vor der albanischen Küste einen eher als begrenzt um bezeichnenden Einsatz fährt und von der kleineren Räubergeschichte durch den Ausbruch des I. Weltkrieges überrascht wird. Geschickt webt Kopetzky ein Netz über mehrere Handlungsebenen, die ein sehr gutes, präzises, und in vielerlei Hinsicht auch historisch verbürgtes Bild ergeben über die Wirkungszusammenhänge im Kriegsvorfeld wie die ersten Operationen, die diesem Ereignis zugerechnet werden können. Der Erzähler versteht es vor allem, die eher profanen, aber handlungstragenden Figuren, die einen solchen Krieg ausmachen mit bekannten Namen zu verbinden. Da tauchen Namen wie Dönitz oder Camus auf, allerdings jenseits ihre späteren Bekanntheitsgrades, sondern in ihrer tatsächlichen Funktion während des Ereignisses.

Ohne die Handlung bemühen zu müssen, ist es gestattet, eines der deutschen Strategeme auszuplaudern. Sich der maritimen Übermacht des Britischen Empire bewusst, hatten die deutschen Strategen aus dem Kriegsministerium eine Idee entwickelt, unter der bis heute alle ihre Epigonen bereits gelitten haben. Es sollte versucht werden, vor allem von Afghanistan, also im Rücken des englischen Kolonialkoloss Indien, einen Dschihad auszurufen, der die ganze islamische Welt erfassen und den englischen Kolonialherren das Leben unmöglich machen sollte. Um dieses zu realisieren, wurde eine Expedition ins Leben gerufen, die sich von Konstantinopel aus über Bagdad und Isfahan auf dem Landweg nach Afghanistan bewegen sollte. Der Großteil des Romans schildert diesen Weg.

Mit der sehr interessanten politischen Konstellation und den durchaus realistischen Einblicken in die Spiele der damaligen Diplomatie kollidiert in diesem nie langweiligen Roman, der immer mit sehr durch die Erfahrungen eines Erzählers geprägt ist, der weiß, worüber er berichtet, mit einem Szenario, das sehr an Karl May erinnert. So wird der berühmte Autor, konkret in der Erzählung mit seiner Schrift „Von Bagdad nach Stambul“ nicht nur erwähnt, sondern irgendwann, zunächst kaum merklich, übernimmt der viele Generationen geprägt habende Erzähler selbst die Regie und aus einem Narrativ, das zunächst schien wie eine epische Re-Inszenierung des I. Weltkrieges mit dem Schwerpunkt auf dem durch die Deutschen ersonnenen Dschihads, wird langsam aber sicher eine Abenteuergeschichte aus dem Morgenland, in der vieles zwischen Realität und Träum verschwimmt.

Auch diesen Wandel in dem Romankonstrukt kann die vereinigte Leserschaft hinnehmen, wenn sie nicht der Illusion anhaftet, dass ein Roman bei den Fakten bleiben muss und nicht ins Spekulative abgleiten darf. Kopetzky schert sich darum nicht, ganz im Gegenteil, er setzt letztendlich auf die Hypothese, was hätte geschehen können, wenn der deutsche Dschihad erfolgreich gewesen wäre. Auch diese Frage ist durchaus berechtigt. Es ist ein lesenswerter, gut erzählter und geistreicher Roman. Aber es ist ein Roman.

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Ein Gedanke zu „Der Dschihad aus dem deutschen Kriegsministerium

  1. alphachamber

    Scheint ein spannender Roman zu sein. Allerdings:
    „Am Vorabend des I. Weltkrieges jedoch stand vor allem Deutschland bereit, sich in das Konsortium der imperialen Weltmächte einzuordnen und dem britischen Löwen gehörig seine Schranken zu zeigen.“
    Diplomatische Dokumente und Aufzeichnungen widersprechen dem und zeigen das Gegenteil.
    Der deutsche „Dschihad“ war das Hirngespinst des Orientalist Max von Oppenheim, eine lächerliche Komödie mit Fehlzündung. Nach dieser Rezension denke ich, dass der Autor des Werkes einen ziemlichen Teil aus der Comic-Novelle von !917 des U.K./US Schriftstellers Talbot Mundy „absorbiert“ hat. Schon damals amüsierten die naiven Vorstellungen der Deutschen von dem Dschihad die Öffentlichkeit.

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