Die einfachen Prinzipien des Dean Mott

Relativ klar sind die Bilder von einem Journalismus, wie er sein sollte. Es ist merkwürdig. Vieles, was heutigen Verwerfungen unterliegt, resultiert aus einer Verletzung von Grundsätzen, die irgendwann, in früheren Zeiten, geprägt oder übernommen wurden und die als unangefochtenes Grundgesetz in der Hall of Fame der Demokratie standen. Bei der Vorstellung der wesentlichen, positiven Merkmale eines für die Demokratie adäquaten Journalismus ist es genauso.

Zu bedenken dabei ist die Tatsache, dass der Übernahme guter journalistischer Prinzipien zunächst die Barbarei vorausging. Die Vorstellung von Radio, Rundfunk und Presse, die in Deutschland und im benachbarten Ausland während Diktatur und Krieg herrschte, war geprägt von Organen wie dem Stürmer und Protagonisten wie Joseph Goebbels. Da war aus Journalismus Propaganda geworden und diese Art der Massenbeeinflussung ist eine der tragenden Säulen des deutschen Desasters gewesen. Dass heute viele Menschen die Entwicklung in der deutschen Medienlandschaft nicht nur so kritisch, sondern auch so emotional hochgeladen verfolgen, hat sehr mit dieser Geschichte zu tun..

Bei der Lektüre der Biographien derer, die das Bild des guten Journalismus in der frühen Republik nicht durch ihre politische Haltung, sondern durch exzellentes Handwerk und einen Berufsethos geprägt haben, fällt auf, dass diese allesamt von den Siegermächten zu Hospitationen in ihre Länder geholt wurden. Und für den Journalismus, der heute so vermisst wird, übrigens auch dort, standen England und die USA. Ganze Schiffsladungen und Flugzeuge voller junger Journalisten führen über Kanal oder Teich, um zu lernen.

Eine der bis heute wohl bekanntesten Schulen für den Journalismus in den USA war die School of Journalism unter dem damaligen Dekan Dean Mott in Columbia, Missouri. Nach Angaben des österreichischen Journalisten Hugo Portisch, der auch dort hospitierte, waren es folgende, einfache Prinzipien, die Dean Mott den jungen Presseleuten mit auf den Weg gab:

„Nummer eins: Das Wichtigste für jeden von euch muss die persönliche Unabhängigkeit sein, keine Verbrüderung mit Politikern! Nummer zwei: ihr habt immer der Wahrheit verpflichtet zu sein, check, er-check, double-check – also überprüfen, nochmals überprüfen und selbst dann nochmals überprüfen – nämlich auf den Wahrheitsgehalt dessen, was ihr berichtet und kommentiert. Zusatz: Und wenn ihr euch irrt oder falsch informiert würdet, dann habt ihr dies so rasch wie möglich im gleichen Medium richtigzustellen. (…) Zur Wahrheitsfindung aber habt ihr zwei weitere Grundsätze zu beachten (…) immer auch die andere Seite anhören und (…) im Zweifel für den Angeklagten.“

Laut Portisch saßen diese Botschaften tief, weil sie für die aus Deutschland und Österreich angereisten Journalisten völliges Neuland waren. Jedenfalls wurden sie hierzulande adaptiert und waren lange Zeit die Essentials der Journalistenausbildung. Es gehört nicht viel dazu, sich ein Bild davon zu machen, inwieweit die heutigen Nachrichtenorgane sich diesem Codex des Journalismus verpflichtet fühlen. Bemerkenswert ist, dass die aus einem Zwangsmonopol zur Sicherung der Demokratie heraus finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten sich extrem weit von diesen journalistischen Grundsätzen entfernt und einen großen Schritt hin zu den Prinzipien von Propaganda, Vereinfachung und Emotionalisierung, gemacht haben.

Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln und anderswo waren wieder einmal auch aus der Perspektive des Journalismus ein herausragendes Beispiel für die grausame Qualität, in der sich die Berichterstattung befindet. Verzögerung von Meldungen, parteiische Darstellungen, das Heranziehen windiger Zeugen, die Fraternisierung mit Politikern etc., all dies wurde bestens illustriert. Die schlimmsten Propagandisten verdienen in den öffentlich-rechtlichen Anstalten 50.000 Euro und mehr pro Monat. Das kommt nicht von ungefähr, hinter der Etablierung von Propaganda steht ein politisches Design.

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10 Gedanken zu „Die einfachen Prinzipien des Dean Mott

  1. almabu

    Als ich in den frühen 70ern in West-Berlin studierte, schaute ich alle paar Monate einmal zur Abschreckung die Aktuelle Kamera oder gar den Schwarzen Kanal. Heute habe ich zu diesem Zweck ARD und ZDF!

      1. Red Skies Over Paradise

        Die „Anstalt“ erfüllt eine Funktion: sie bindet Gleichgesinnte in der Passivität vor dem Fernseher. Solange diejenigen, die den Inhalten der „Anstalt“ zustimmen und beklatschen vor den Fernsehern sitzen und nicht auf die Straße gehen, um die in der „Anstalt“ dargestellten Verhältnisse in der Lebenswirklichkeit zu ändern, solange wird die Anstalt Monat für Monat zu sehen sein.

      2. Bludgeon

        Trotzdem ginge das schließlich auch eine Nummer kleiner: Priol und Pelzig waren deutlich handzahmer. Als Schramm seinerzeit gegen Pelzig ausgewechselt wurde, wurde zwar behauptet, es geschehe auf Wunsch Schramms – aber klang das nicht doch ein wenig nach „aus gesundheitlichen Gründen“ wie beim Ulbricht- und Honeckerrücktritt?

  2. user unknown

    Es kann sein, dass ich hier einen Bias habe, weil ich keiner Partei der gr. Koalition nahe stehe, aber mein Eindruck ist, dass gutgelaunte Erfolgsmeldungen, wie man sie früher in der DDR hörte zur soundsovielten, fertiggestellten Wohnung, zum Millionsten Tracktor oder Tonne Butter jetzt häufiger im Fernsehen sind, als noch als es eine größere Opposition gab. Merkel trifft diesen Staatschef, Verabschiedung jenes Gesetzes. Dann gleich ins ganz Seichte, der Moderator macht sich locker und lächelt: Im Königshaus daunddort steht eine Hochzeit an! Gute Laune für alle!
    Ich meine das ist auch eine Folge des Privatfernsehens, dass die Moderatoren mit Gesichtsausdruck und Körperhaltung ständig signalisieren: Das ist jetzt ernst und geht alle an! Das hier ist nett und schön! Das ist gefährlich. Das ist traurig.
    Die Emotionen sollen stärker angesprochen werden um eine stärkere Bindung zum Zuschauer herzustellen. Die Einschaltquote immer im Kopf.

    Ich will eigentlich nicht vom Fernsehen mitgenommen werden auf eine große, emotionale Solidaritätstour nach Paris. Am Anfang wird zusammen sakrales gesungen und wenn die Töne verklingen hört man im Hintergrund schon die Flugzeugmotoren warmlaufen.

  3. Bludgeon

    Ergänzung: Wie einst die berufsethischen Grundsätze, so kam auch die Fehlentwicklung über den großen Teich zu uns. „Embedded journalism“, anläßlich des Golfkriegs von Bush sen.1992 ersonnen, damit nicht nochmal so etwas herauskommen kann, wie die Berichterstattung im Vietnamkrieg. Der Glauben an den sauberen Krieg sollte zementiert werden. Sowas wie My lai
    https://www.google.de/search?q=massaker+von+my+lai+bilder&ie=utf-8&oe=utf-8&gws_rd=cr&ei=xD
    sollte es nie wieder geben.
    Unter Bush jun. misslang das dann trotzdem nochmal: Abu Graib flog auf. Die Richtlinien wurden nocheinmal verschärft.
    Da aber Kritikverbot und Karrierewillen einander ungünstig beeinflussen, wird daraus plumpe Nachbeterei, die immer leichter durchschaubar wird. Siehe DDR.
    Der Journalist schreibt, was seine Redaktion haben will, nicht das, was die Öffentlichkeit erfahren sollte. Der Journalist wird belohnt, befördert, hat sich abgesichert und bleibt auf Nr.Sicher. Er wird sich zukünftig rhetorisch hineinsteigern in die Variation des einen Themas: „Alles ist gut.“
    Die Öffentlichkeit erfährt über andere Kanäle, was offiziell nicht Thema ist. Diese sind vielfältig. Manche undiskutabel. Mit Verweis auf diese können aber auch die Diskutablen diskreditiert werden.
    Die journalistische „Atlantikbrücke“, einst der sprichwörtliche Grundpfeiler für guten, kritischen Journalismus, wandelte sich deutlich zum AgitProp-Disziplinator: Wir sind die Guten! Basta.

  4. monologe

    Ich glaube nicht, dass sich ADR und ZDF mit Aktueller Kamera und Schwarzem Kanal irgendwie vergleichen lässt. Da muss man ja sagen, dass in der DDR reiner gehalten wurde, denn es waren Propaganda und Nachrichten sauberer voneinander getrennt. Ein DDR-Witz war, dass mancher nicht wusste, dass der Karl-Eduard von Schnitzler hieß, viele meinten, er heiße Karl-Eduard von Schni – sie hatten da immer schon abgeschaltet. In ARD und ZDF wird Brei geboten, in dem alles drin ist: Propaganda und Nachricht bzw. Info. Es ist ein Narzißmus im Spiegel der Zeit, Hofberichterstattung. Der Fisch stinkt wie gewöhnlich vom Kopf her. Da wird eine Stimmung gemacht, vor der die Journalisten, die sie gemacht haben, sich dann fürchten. Circulus vitiosus. Sie kriegen den Besen nicht mehr in die Ecke, müssen auf die Katastrophe warten (die ja unweigerlich kommen muss wie auch diesmal). Wenn sie vorüber ist, sinds die ersten, die sich über „Verschweigen“, über „seltsame Stimmung“ beklagen, Offengeit und Wahrheit auf den Tisch und Strafen etc. fordern. Sie wären gern Politiker, sind aber doch dann froh, nur die Schimäre zu reiten mit dem Fähnchen. Jetzt gehts über Polen her. Freilich, HIER wären Staatsmedien ganz undenkbar – und das ist auch wieder nur Propaganda. Warum findet man das alles nicht höchst amüsant? Wo ist die Presse-Satire? Wo die Satire auf jene Not hierzulande, die mindestens ebenso groß, wenn nicht größer ist, als die Not der Flüchtlinge: die Bedürftigkeit nach Größe und Menschlichkeit, rückhaltlos zu vertrauen, nach Katharsis? Und wie schön, dass nun wieder welche ins Land kommen, die Deutsch lernen!

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