Innovation auf Basis der Tradition

Jazz Ensemble Baden-Württemberg. The Doors Without Words

Wie oft mündet das Covern von großen Pop- oder Rocktiteln durch Jazz-Ensembles in einer grandiosen Enttäuschung. Zumeist basieren solche Einspielungen auf dem Kalkül, durch eine Form der Verseichtung noch einmal Kasse zu machen. Was dabei herauskommt ist nicht selten die Herausfilterung der Authentizität, die zu Kaufhaus- oder Fahrstuhlmusik führt. Umso mutiger ist es, sich ausgerechnet an die großen Titel der Doors zu machen. Stand diese Band in ihrer Zeit mit dem Frontmann Jim Morrison doch für das épater-le-bourgeois in der Tradition Charles Baudelaires und Arthur Rimbauds, für den Affront gegen den Mainstream und alle Illusionen von einer unbeschwerten, seichten Welt. Vielmehr waren The Doors ein Fanal für den Untergang, die Desillusionierung und die Herrschaft des Bösen. Das Jazz Ensemble Baden-Württemberg, welches sich aus mittlerweile durchaus etablierten, aber noch jungen Jazzmusikern zusammensetzt, hat dieses Wagnis unternommen. Was dabei herauskam hat allen Gefahren getrotzt und kann als ein famoses Beispiel dafür gelten, wie Rockgeschichte durch den Jazz im Forum der Weltmusik neuen Bestand erhält.

Insgesamt acht Musiker, von Thomas Siffling bis Jo Ambros haben insgesamt neun Doors-Titel eingespielt und ihre Essenz zum Tragen gebracht. Der Vorteil, den die Jazz-Improvisation mit sich bringt, ist dabei voll zur Geltung gekommen. Das Melodie-Thema, welches natürlich nicht fehlen darf, um die Kernaussage zu unterstreichen, ist sehr reduktionistisch eingebracht worden, um dem interpretativen Teil mehr Raum zu geben.

Ob es ein grandioses Solo des Baritonsaxophonisten Sebastian Nagler bei Light My Fire ist, das die ganze Willenskraft und Dynamik materialisiert, oder die eher sphärische Interpretation bei Blue Sunday durch das Tenor Peter Lehels, die funkigen Gitarrenriffs Jo Ambros´ bei Break On Through, die Verfremdungen an der Hammond Orgel durch Johannes Bartmes, flankiert durch die unheilvoll klingende Posaune Uli Rosers bei Riders On The Storm, die mysteriöse Melodieführung des Baritons bei The Spy, die immer wieder von Thomas Sifflings Trompete zur Ordnung gerufen wird, die vom ganzen Ensemble eingespielte und von Sopransaxophon gelöste Atmosphärik, es handelt sich immer um ein Spiel zwischen Bekanntem und Ungewissem, was als ein Wesensmerkmal alle Originale ausmacht. Die Essenz der Doors-Titel besteht gerade in dieser Führung zwischen Vertrautem und Unbekanntem, zwischen der euphorisierenden Stimmigkeit des Daseins und seines desaströsen Schattens.

The End, auf dieser CD folgerichtig das letzte Stück, beginnt mit einem kakophonischen Tusch und nähert sich dann der Melodie durch eine Bedachtsamkeit, die nur durch das Thema des existenziellen Endes zu erklären ist. Das ist große Kunst und produziert alles, nur kein Easy Listening. Das Covern der Doors durch ein Jazz Ensemble ist zu einer Reise geworden, die dem Original würdig ist. Wer das im Fahrstuhl hören würde, wünschte sich ein schnelles Ende des Transports. Wer sich einen neuen Kompass zum Verständnis dieser großartigen Musik erschließen möchte, der hat ihn gefunden. In den Nischen sind nicht nur die Werkstätten der Innovation zu finden, sondern auch die Qualitätssicherung großer Tradition. Doors Without Words ist so ein Nischenprodukt, das mit beidem brillieren kann.

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3 Gedanken zu „Innovation auf Basis der Tradition

  1. gerhard

    Wer in dem Zusammenhang (Jazzer covern Rock) die etwas härtere Gangart nicht scheut, dem sei das Münchner Panzerballett empfohlen,
    viele Grüße,
    Gerhard

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