Wenn es existenziell wird

Im alten Rom pflegten die Väter ihre Söhne, wenn sie sich dem Metier der Politik widmen wollten, ein eine einfache Frage zu stellen: Weißt du, wofür es sich lohnt zu leben und, weißt du auch, wofür es sich lohnt zu sterben? Die Doppelfrage hatte es in sich, dennoch war sie klug in einer Zeit, in der immer viel auf dem Spiel stand. Heute, im post-heroischen Zeitalter, scheint es absurd zu sein, eine solche Frage zu stellen. Dennoch sei angeraten, sie, jede und jeder für sich, einmal im stillen Kämmerchen für sich zu beantworten. Denn eine besondere Qualität birgt diese Frage auch heute noch. In Zeiten des Umbruchs und großen Wandels sollten die Akteure wissen, wofür es sich zu leben lohnt und wofür eben nicht. Es muss ja nicht immer der Heldentod am Ende stehen.

Sicher ist, dass alles, was momentan auf die Welt herunterbricht, dafür spricht, dass wir in Zeiten großer Veränderungen leben. Diese Veränderungen werden vieles von dem, das bis heute als sicher gegeben galt, in eine Erinnerung aus der Vergangenheit verbannen und vieles, das für die Zukunft als wahrscheinlich galt, als Trugschluss entlarven. Ein solcher Umstand ist historisch nicht neu. Immer, wenn große Umbrüche bevorstanden, zerbröselten die Gewissheiten zu Staub und Ungeahntes bahnte sich seinen Weg, ohne dass die Gesellschaft der Vergangenheit dem hätte etwas entgegensetzen können.

Die Menschen, die sich an der Schwelle zu neuen Ordnungen befinden, tendieren in der Regel zum Festhalten an dem, was bekannt ist. Es scheint ein Axiom der Existenz zu sein. Gesellschaften, die diesen Kurs versuchten starr und uneinsichtig durchzuhalten, gingen zumeist unter oder sie erkannten sich hinterher nicht mehr wieder. Und spätestens mit dieser Erkenntnis sollte die Frage aus dem alten Rom noch einmal aufflammen. Was ist es, dass diejenigen, die heute noch als Akteure firmieren, als ihr Lebensprogramm formulieren würden? Was ist das Erbe, das zumindest in der Zukunft noch irgendwo dokumentiert werden soll? Worin bestand der Sinn und mit welchen Qualitäten war man in der Lage, die Nachkommenden auszustatten?

Wenn es existenziell wird, wird es kompliziert. Zu viele lieb gewonnene Utensilien des Lebens rücken in den Mittelpunkt, obwohl deutlich ist, dass sie nichts an Zukunft gewähren. Vielleicht ist die Diskussion in unseren Tagen so verlogen, weil nichts mehr übrig geblieben ist von dem, was Bestand haben könnte. Das Easy Existing, das Dahinpletschern im Belanglosen hat sich in das Zentrum der Existenz geschoben und so etwas wie einen Sinn erstickt. Es wird deutlich, dass eine Gesellschaft, die einen Konsens über das soziale Programm des Zusammenlebens verloren hat, nicht mehr in der Lage ist, die Frage nach dem existenziellen Willen zu beantworten. Sie ist vom Subjekt zum Objekt mutiert und hat keine positive Prognose mehr.

Insofern ist es ratsam, die Kolporteure einer jeden politischen Programmatik in diesen Tagen mit der Frage nach dem Existenziellen zu konfrontieren. Das geht allerdings nur, wenn die Fragestellung auch im Privaten, Individuellen etabliert ist. Sonst stellt sich das Ganze Manöver als ein brüchiger Schein heraus, wie auch viele der Programme, um die es geht. Wenn es existenziell wird, geht es um Grundsätzliches. Letzteres entscheidet über die Zukunft. Im Privaten wie im Gemeinwesen. Alles andere entpuppt sich als vergeudete Lebenszeit.

Advertisements

4 Gedanken zu „Wenn es existenziell wird

  1. aquasdemarco

    Also damals als ich noch ein Kind war, lebten meine Eltern inZeiten großer Veränderungen, als Die klein waren durchlebten sie sehr große Veränderungen, als ihre Eltern klein waren durchlebten auch diese sehr große Veränderungen, da waren 2 Weltkriege, die 68er.
    Veränderungen finden immer, jeden Moment statt, man nennt es Leben.
    Wie wir es bewerten als Veränderung bewerten liegt an dem Grad, wie wir uns festhalten, an dem lieb gewonnenen Status.

  2. Holger Wein

    Sehr geehrter Herr Mersmann,ich bitte Sie. Ich bin 63 Jahre und nur noch für den „Volkssturm“ zu haben. Ich hätte gegen die ISIS glaube ich keine Chance.Dann wandere ich lieber aus.

  3. alphachamber

    Ich denke, dass wir eher in einer Zeit kleinerer – oder besser: subtilerer – Veränderungen leben. Die dramatischen Geschichtswandlungen liegen hinter uns, jedenfalls den Kategorien zufolge, in die wir die Geschichtsabschnitte eingeteilt haben. (Die Möglichkeit einer drastischen zukunftigen „Sci-Fi-artigen“ Weltveränderung kann man natürlich nicht aussschließen.)
    Dann sollte man vielleicht noch die Gruppen der „Wünschenden“ definieren. Sicher hat ein erfolgreicher, wohllebender Mensch ein stärkeres Interesse am Status quo, als z.B junger Intellektueller in einem autoritären Regime. Die eine Gruppe lebt für das Gestern, die andere für das Jetzt und die nächste für das Morgen.
    Die richtigen philosophischen Axiome bergen den Schlüssel. Hat man kein Inneres, gilt nur das Äußere.
    Beste Grüße

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.