Der kulturelle Transfer und die Barbaren

Sehr viel wird geredet und spekuliert. Vor allem über die Frage, wie ein kultureller Transfer zwischen denjenigen, die hier schon immer gelebt haben und denjenigen, die momentan in großer Zahl in dieses Land kommen, zustande gebracht werden kann. Dabei klingt immer wieder durch, dass das große Problem darin zu sehen sei, wie Muslimen beigebracht werden könne, nach welchen Werten sich die Menschen in der Republik orientierten und dass das in den Ländern muslimischer Prägung nicht so sei. Wenn etwas von der Annahme her falsch ist, dann diese Interpretation. Sie lässt einen Sachverhalt außer acht und ignoriert einen anderen.

Weder in Bildungseinrichtungen, wo sich außer den Lehrkräften mehrheitlich junge Leute aufhalten, noch im öffentlichen Raum entsteht der Eindruck, dass es einen Konsens über das gäbe, was als der sittliche Konsens bezeichnet werden könnte. Weder Werte noch die dazu gehörende Ordnung scheinen in einem überzeugenden Ausmaß sozialisiert zu sein. Vielmehr wird die Misere, mit der die Bildung hierzulande beschrieben wird, gerade an diesem Mangel festgemacht. Die Diversität von Wertvorstellungen bzw. die Nicht-Existenz solcher macht das Zusammenleben dort schwer und treibt das Lehrpersonal an seine Grenzen. Und der Begriff von Ordnung, der in der Lage wäre, das Leben bestimmter Werte zu unterstützen, wird ebenfalls nicht mehr identifiziert. Der Schluß liegt nahe, das, was gerne auch als Leitkultur bezeichnet wird, erst neu erfinden zu müssen, um qualifiziert darüber urteilen zu können, was andere erlernen müssen, um sich in dem neuen Gefüge orientieren zu können.

Andererseits ist es eine Schimäre und eine an Ignoranz kaum zu überbietende Impertinenz, alles, was zum Beispiel mit hiesigen Gesetzen kollidiert, als den Normalzustand einer muslimischen Kultur zu identifizieren. Aus welchen Quellen diese scharlatanesken Weisheiten auch immer gespeist werden, mit der Realität haben sie nichts zu tun. In der islamischen Welt existieren zum Teil diktatorische Regime, die die guten Sitten der eigenen Kultur mit Füßen treten. Das ist schlimm, kann aber überall auf der Welt beobachtet werden und es führt zur sittlichen Verrohung. Der Weg dorthin wird hierzulande auch in politischen Strömungen vorgezeichnet, die die totale Barbarisierung der Umgangsformen auf ihr Banner geschrieben haben. Dass sie es sind, die in der muslimischen Mentalität das Elend dieser Welt erblicken, ist einfallslose Demagogie, dass sie hier zum Teil auf Resonanz stößt, dokumentiert das hiesige Defizit an ethischem Konsens.

Es ist ein Thema, von dessen Bearbeitung sehr viel abhängen wird. Deshalb geht es auch an die Person. Ich selbst habe einige Jahre in einem muslimischen Land gelebt und und immer wieder muslimisch dominierte Länder bereist und dort einen starken Konsens darüber erlebt, was gesellschaftlich akzeptabel ist und was nicht. Das wichtigste, vor allem in meinem damaligen Gastland Indonesien, übrigens dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Welt, war der Respekt. Der Respekt vor anderen Kulturen, der Respekt vor den anderen Menschen im eigenen Land und der Respekt vor sich selbst. Und dieses Prinzip haben die meisten Menschen dort durchgehalten, trotz politischer Turbulenzen und Naturkatastrophen und das, was ich dort an interkultureller Kompetenz erlebt habe, stand weit über dem, was man sich hier vorzustellen in der Lage ist.

Es bleibt nichts, als zu empfehlen, sich nicht an der eigenen Unzulänglichkeit zu ergötzen und die Ursache für das Unwohlsein in anderen Kulturen zu suchen. In jeder Kultur existiert ein Verständnis darüber, was gut ist und was schlecht. Eigenartigerweise deckt ich das mit dem, was andere Kulturen ebenfalls an Verständnis hervorgebracht haben. Wenn das nicht mehr funktioniert, ist der Grund nicht selten in der eigenen Ignoranz zu suchen.

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4 Gedanken zu „Der kulturelle Transfer und die Barbaren

  1. alphachamber

    „…Weder Werte noch die dazu gehörende Ordnung scheinen in einem überzeugenden Ausmaß sozialisiert zu sein.,,“

    Waren sie aber mal.
    Man sollte vielleicht dazu sagen, dass dies das Resultat ist, von jahrzehntelanger programmierter Kulturverneinung-und unterdrückung und Emanzipationwahn. Im Bildungssektor musste dies eine besonders starke Wirkung zeigen (z.B. Adorno: „Wissen ist ein Instrument der Unterdrückung“!).

    Sie haben recht, In Indonesien – sowie auch in anderen muslimischen Ländern die ich kenne – herrschen klare (auch sehr rationale) Werte und Sitten. In den Augen vieler Muslime und Asiaten ist Deutschland ein „Wirtschaftsgebiet“, bevölkert von vaterlands-ehre-prinzipien-und würdelosen Technokraten. An WAS sollte man sich also anpassen?
    Mercedesbauen ist keine Kultur.

  2. gkazakou

    Eine kleine Episode: 1962, in Algerien, kurz nach der Unabhängigkeit. Ich wollte mit einem englischen Freund auf einem Platz der Altstadt Kaffee trinken. Als wir uns setzten, wurde uns höflich bedeutet, dass es einer Frau nicht erlaubt sei, in der Öffentlichkeit Kaffee zu trinken. Ich war überrascht und verwirrt, sprang auf, und wir entfernten uns rasch. Da rannte ein kleiner Junge, barfuß und zerlumpft, hinter uns her: „Madame, Madame“, schrie er. Ich hatte beim eiligen Aufbruch meine Handtasche vergessen! Dankbar nahm ich sie an mich und wollte dem Jungen ein Trinkgeld geben, er aber verbeugte sich mit Grandezza und wehrte ab. Non, non! mon plaisir! und verschwand in der Menge.
    Diese Szene hatte für mich starke symbolische Kraft. Sie zeigte mir die Unterschiede unserer Kulturen wie im Brennglas. Respekt gab es in hohem Maße, aber für mich als Frau gab es keine Freiheit.

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