Die Saturnalien und die Rebellion

Es ist ein altes Ritual und es hat es in sich. Die Möglichkeit, sich der sozialen Bindungen zu entledigen, in einer Spielsituation das zum Besten zu geben, was einem auf der Seele brennt. Nur einmal, für wenige Tage oder Wochen, das sein zu können, was schon immer der Wunsch war zu sein und nicht das sein zu müssen, was das Schicksal aus einem gemacht hat. Im alten Rom nannten sie diesen Ritus die Saturnalien, und Sklaven wurden zu Herren und schrien diesen ins Gesicht, was sie von ihnen hielten. Es war das große Spiel des Schicksals und eine Grundidee eines jeden Theaters. Mit den Saturnalien wurde nicht nur ein soziales Ventil geschaffen, sondern auch eine Denkfigur, ohne die die mehr als tausend Jahre später folgende Aufklärung in Europa nicht denkbar gewesen wäre.

Der Karneval, obwohl seinerseits auch immer in der strengen Logik der katholischen Mythologie von Fastenzeit vor der Wiedergeburt zu sehen, beinhaltet auch das Spiel mit den sozialen Rollen und die Autorisierung zum Widerspruch. In manchen Landstrichen wird er als akzeptierte Replik auf die napoleonische Besatzung interpretiert.

Entscheidend bei Saturnalien wie Karneval ist, aus heutiger Sicht, die Idee. Und diese Idee ist in hohem Maße bestechend, weil sie quasi ein Grundbestandteil von Religion in das reale Leben transportiert. Doch der paradiesische Zustand, der temporär suggeriert wird, beinhaltet etwas, was wiederum gar nicht religiös ist. Dieses Etwas ist die Aufforderung zur Rebellion gegen die bestehenden sozialen Rollen. In dieser Hinsicht hat die Idee der Saturnalien etwas Teuflisches an sich. Sie verleiht das Paradies zum Preis der Revolution.

Aber es geht noch weiter: Indem das Paradies zum Preis der Revolution für eine gewisse Zeit verliehen wird, nimmt das ganze Ritual wiederum den Charakter von etwas an, das das System erhält. Indem nämlich die Menschen das Angebot annehmen, zumindest einmal im Jahr das sein zu dürfen, wovon sie das ganze Jahr träumen, lernen sie zu akzeptieren, dass die Realität genau anders herum aussieht. Die Bilanz des Rituals fällt dann sehr schlicht aus, wenn an 51 Wochen die Sklaverei steht und lediglich in einer einzigen Woche das Dasein als Herr genossen werden darf.

Allein darauf reduziert wäre das Urteil also sehr schnell klar. Ein bisschen Freilauf für die Unzufriedenen und die Welt bleibt so, wie sie war. Aber auch das muss nicht so zutreffen. Denn an den Tagen der Freiheit können sich Gedanken entwickeln, die in die folgende Normalität hineinwirken und eine Tendenz erzeugen, die alles andre als das System erhaltend beschrieben werden muss. Das setzt jedoch voraus, dass der Gedanke des Rollenspiels denen bewusst ist, die die Rollen vertauschen. Laufen sie nur mit, machen sie alles nur, weil das schon immer so war, dann haben sie die kleine Chance auf eine sich anbahnende Rebellion bereits verkannt und sind zum Konservierungsmittel schlechthin geworden.

Bei der Betrachtung des karnevalistischen Treibens generell kann der Eindruck sehr schnell entstehen, dass von dem Sinn des Ritus bei den Akteuren wenig bis gar nichts präsent ist. Und da fällt auf, dass die vernetzten Metropolen rückständiger sind als das flache Land, wo der Funke der Rebellion gelegentlich noch aufflammen soll. Und dieses Fazit ist wiederum desaströs für die Gesellschaft: Wenn an den Tagen, an denen alle alles dürfen, nicht der Unmut und der Gegenentwurf durch alle Gassen pfeift, dann sind die Perspektiven nicht so rosig.

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3 Gedanken zu „Die Saturnalien und die Rebellion

  1. Bludgeon

    Bilde mir ein, Humor zu haben – aber Karneval… nä!
    Eine totritualisierte Leich!
    Hanswurstniwoh! (Die Schreibweise ist Absicht.)

  2. gkazakou

    Großartig. Besonders gefällt mir, „Mit den Saturnalien wurde nicht nur ein soziales Ventil geschaffen, sondern auch eine Denkfigur, ohne die die mehr als tausend Jahre später folgende Aufklärung in Europa nicht denkbar gewesen wäre“. Diese weiträumige Betrachtung von Entwicklungen ist einfach Klasse! Ob es so zutrifft, ist gar nicht so wichtig. (Es gibt ja auch die umgekehrte Möglichkeit, dass die „Aufklärung“ immer schon in den Gemütern der Menschen auf der Lauer lag und nur durch brutale Gewalt niedergehalten wurde. Also das, was in den Saturnalien zutage trat, der seelische Normalzustand ist)

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