Die Bagatelle als Kollektivsymbol

Korrespondierend mit der wachsenden Interdependenz durch die Globalisierung setzen sich bestimmte Trends in Richtung und Haltung nicht nur sehr schnell, sondern auch großflächig durch. Das bezieht sich auch auf die Art und Weise, wie an bestimmte Zeiterscheinungen herangegangen wird. Und so entsteht das gar nicht so neue, aber nun täglich exklusiv zu betrachtende Phänomen, dass ein Ereignis, mit dem man gestern nach bestimmten Kategorien umgegangen ist, heute in einem völlig neuen Deutungskontext steht. Dieser Kontext, mit dem wir es aktuell zu tun haben, ist der der Hysterisierung und De-Rationalisierung. Das, was als klarer Verstand oder kalte Logik verstanden werden kann, ist nicht mehr en vogue. Dass eine Lady Gaga in einem solch schwülstigen, emotionsgeladenen und geistig heruntergeschrubbten Milieu zu einer Pop-Ikone avanciert, gehört zu den wenigen Rationalitäten, die noch zu verzeichnen sind.

Das Metier wird dominiert von allem, was nicht mit dem scharfen Besteck der Logik seziert werden könnte. Es geht um Leid und Mitleid, Ängste, Verfolgungswahn und Bedrohungsszenarien, es geht um Befürchtungen und es geht immer wieder um Wut. Die Zorndepots, so das Bild Sloterdijks, der seinerseits genauso zum Grundrauschen der Höllenfahrt gehört wie selbst ernannte Philosophen aus dem medialen Feuilleton, die Zorndepots sind bis obenhin voll. Zumindest bei jenen, die sich mit dem Bild der Wut-Bürger geschmeichelt fühlen, vielleicht auch, weil sie nie kämpfen mussten für ihre Herrschaftsrechte, die ihnen jetzt zu entgleiten drohen.

Denn diejenigen, die tatsächlich zu den Verlierern gehören, die sind gar nicht so sehr im Fokus der Wahrnehmung. Eigenartigerweise sind gerade sie, die emotionalisiert sein müssten, eher im Zustand des Phlegmas auf Distanz und sehen sich den ganzen gesellschaftlichen Diskurs, der sich qualitativ in einer historischen Hausse befindet, so an als hätten sie damit nichts zu tun. Ihr Widerwille ist verständlich, ihre Trägheit nicht. Was ihnen, den Verlierern, zu fehlen scheint, ist der Biss der alten Tage, als man noch willens und in der Lage war, die Ursache von Leistung und Wohlstand anhand des eigenen Verhaltens allen, die es wissen wollten und allen, die es nicht begreifen wollten, machtvoll vorzuführen.

Die Frage, die sich aufdrängt, ist die nach der Urkraft der Bagatellisierung des Daseins. Trotz der Größe und dem Brennwert der Probleme, die sich weltweit, grenzübergreifend und suprasystemisch auftun, drehen sich die gesellschaftlichen Diskurse um existenziellen Firlefanz. Flaschenpfand, Verbraucherinformationen, Rauchverbote, Helmpflichten und Biozertifikate sind die Insignien einer Gesellschaft, in der Existenzielles keine Rolle mehr zu spielen scheint. Die Betonung liegt auch Schein, verursacht durch quantitative Überladung, weil die Debatten um genannte Begriffe zu den inszenierten Manövern gehören, um vom eigenen, selbst bestimmten Leben zu desorientieren.

Doch schlechte Nachrichten für alle, die glaubten, die Arbeit sei damit getan! Der Gesellschaftszustand der vermeintlichen Saturiertheit ist mit der Massenimmigration ins Wanken geraten und das kollektive Gefasel über die Bagatelle als Kollektivsymbol der allgemeinen Befindlichkeit droht von einem heranziehenden Tief einer Rationalitätsfront hinweggeblasen zu werden. Die anstehenden Stürme des Frühlings bergen die Chance, der Einfalt, dem Phlegma und der intellektuellen Wurstigkeit das Fürchten zu lehren. Es bleibt bei der These, dass Krisen etwas Gutes in sich haben. Vieles deutet darauf hin, dass die Gesellschaft sich wieder mehr für das Existenzielle interessiert. Gute Zeiten für eine Politik, die den Namen verdient und schlechte Zeiten für die Klasse der Konsens-Talker, die bald unter das Betäubungsmittelgesetz fallen werden.

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4 Gedanken zu „Die Bagatelle als Kollektivsymbol

  1. pgeofrey

    Es bleibt leider zu befürchten, dass die Masse der Wut- und Gut-Bürger „diese“ Betäubungsmittel weiterhin in rauen Mengen konsumieren wollen, sonst würde sich bereits, der Wille zu Entzug und Entgiftung zeigen.
    Aber sie bleiben „ihrer“ Kanzlerin und dem Rumpf der Rückratlosen treu, wie der Junkie seinem Stoff…

  2. alphachamber

    Der junge Bürger wird zum Konsens, zu Kompromissen und zu kollektivem Denken – in allen Bereichen – erzogen. Vom Teilen seines Spielzeugs, bis zur Parteienkoalition soll er Leistung bringen, aber niemanden überragen..
    Hier zeigt sich das Problem fehlender philosophischen Axiome:
    Entweder man schaltet die überragende Bedeutung der Persönlichkeit aus, um sie durch die Zahl der Masse zu ersetzten, wodurch eben das Mittelmaß mit dessen Kompromissen erzeugt wird. Oder man fördert ein Gesellschaft, in der selbstständige und fähige Talente ohne politisch-korrekte Zugeständnisse Anerkennung finden.
    https://huaxinghui.wordpress.com/2013/01/19/anatomie-der-kompromisse/

  3. Bludgeon

    Na ob die Zeitzeugen der Krise von 1932 auch der Meinung waren, dass „Krisen etwas Gutes innewohnt“? Und vor allem, ob sie nach den ersten Verhaftungswellen 2 Jahre später immer noch dieser Meinung waren?
    Wer sollte denn die Rationalisierungswelle und die Politik mit „frischem Wind“ in Gang setzen? Niemand da. In der DDR hieß es „Keene Leute, keene Leute!“ als Erklärung für fast jeden Umstand, der das Vorankommen des gesetzmäßig siegenden Sozialismus gefährdete.
    Deja vu. One more time.

    Der hier hat’s kommen sehn:

    http://www.zeit.de/kultur/musik/2014-10/herbert-marcuse-der-eindimensionale-mensch-50-jahre

  4. gkazakou

    Hier in Athen kloppen sich grad die Bauern aus Kreta und Peloponnes mit der Polizei, die ihrerseits wütend auf die Regierenden ist, und die Regierernden kloppen sich mit den Oppositionellen um die Kontrolle der Medien. Das Land ist durch Bauernaufstände zweigeteilt. Weder Waren noch Flüchtlinge kommen durch. Die „linke“ Regierung bereitet Massenlager für Flüchtlinge vor, obwohl sie das hasst, da die Europäer sie sonst aus Schengen rausschmeißt, und die NATO fährt mit Kriegsschiffen die Ägäis ab, um wen zu versenken? Alle würden sich gern mit den Eurokraten, den IWFlern und den Zentralbankern anlegen, um an den Sack mit Geld zu kommen, das hier dringend gebraucht würde. etc pp.

    An realen Krisenthemen mangelt es inGriechenland leider nicht. Ob die Krise Vernunft bildend wirkt? Bisher sehe ich nicht, wieso sie das könnte. Im Gegenteil. Jeder muss allein zusehen, ob er sein ihm noch verbliebenes Schäfchen vor den Schlächtern retten kann.

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