Causalité magique

Im Französischen existiert das so bezaubernde Wort einer Maladie opportune. Gemeint ist eine plötzliche Erkrankung, wenn des gut in die Situation passt. Elegant drückt es eine Gemengelage aus, in der etwas Unangenehmes geschieht und der Mensch, der sich damit auseinandersetzen müsste, sich entweder krank meldet, obwohl er gesund ist oder tatsächlich erkrankt, was einer glücklichen Fügung gleichkommt. In Anlehnung an die französische Formulierung ist es eine Überlegung wert, wie hier eine Entwicklung beschrieben werden kann, die immer mehr um sich greift und bereits weite Teile der Gesellschaft erfasst hat.

Es handelt sich um eine Art Erklärungsphänomen. Alles, was an Herausforderungen, Belastungen und Strapazen am Horizont erscheint, wird einer einzigen Ursache zugeschrieben. Das Phänomenale dabei ist nicht die Einfalt eines grassierenden Monokausalismus, sondern die allgemeine gesellschaftliche Akzeptanz dieser Einfalt. Dem Gros der Gesellschaft reicht die monokausale Begründung vollkommen aus, um Dinge zu schlucken, die ansonsten zu stürmischem Aufbegehren führen würden. Natürlich mit dem versteckten Verweis auf eine gnadenlose Endabrechnung. Das Diabolische eines solchen Verfahrens ist hierzulande historisch eingeübt und bringt vieles mit sich, was hohe gesellschaftliche Schäden prognostiziert.

Heute sind es die Krankenkassen, die Milliardenverluste ankündigen, gestern war es der Finanzminister, der horrende Staatsschulden darauf zurückführte. Auch die Länder haben schon die Rückführung öffentlicher Leistungen damit begründet du die Kommunen drohen seit langem mit dem finanziellen Ruin. Nicht, dass die Ursache für all diese Unannehmlichkeiten mit letzteren nichts zu tun hätte. Nur im Vergleich zu anderen Ursachen handelt es sich um Petitessen. Allein die Rettungspakete für die bankrottierenden Banken im Falle Griechenlands oder die mit keiner Rücklage gesicherten Beamtenpensionen haben größere Auswirkungen auf das öffentliche Wohlsein als die allseits nun akzeptierte Erklärung. Aber während es im Falle Griechenland niemand wahrhaben wollte, sind sich nun nahezu alle einig. Die Ursache für jede Art von Fehlentwicklung und Mehrbelastung sind die Flüchtlinge. Und natürlich nicht die Beamten, man stelle sich allein das einmal vor!

Und einmal abgesehen von der Wirkung dieses stillschweigenden Konsenses, der den ganzen Charme einer self fullfilling prophecy versprüht und irgendwann zu einer sozialen Explosion führen wird, hat die ganze Geschichte doch etwas von einem wunderbaren Ablasshandel. Der Finanzminister ist aus dem Schneider, die Krankenkassen sind es sowieso, die Stadtplaner sehen sich ebenso exkulpiert wie die Bildungsplaner etc. etc.. Das ist eine komfortable Situation für alle, die mit den Resultaten ihrer Arbeit nicht das erzielen konnten, was von ihnen erwartet wurde. Die Kuriosität einer allgemeinen gesellschaftlichen Akzeptanz dieser Begründung wird von vielen genutzt, um in einer Art Generalamnestie oder Generalabsolution alle Schuld von sich abstreifen zu können.

Lebten wir in Frankreich und sprächen wir Französisch, dann flöge uns vielleicht ganz schnell ein Begriff mit ähnlicher Eleganz zu wie der der Maladie opportune, es hieße dann vielleicht Raison géneral des réfugiées, oder, mit etwas mehr Witz, die Causalité magique, wer weiß. Da wir aber in Deutschland leben, müssen wir das eben mit unseren Mitteln beschreiben. Die sind bekanntlich nicht immer elegant oder fein, aber treffend sind sie und deshalb träfen Beschreibungen wie die multiple Flüchtlingswirkung genauso wie Generalamnesie durch Migration, wobei die Betonung auf Amnesie liegt. Vielleicht ist es auch beißend und hart, aber es beschreibt eine Notwendigkeit, zu der die Deutschen durchaus fähig sind, die sie aber in den letzten Dekaden gehörig verlernt haben. Es ist die Fähigkeit, zu konfrontieren und zu polemisieren. Und wenn etwas nötig ist, dann eine Verschärfung der Auseinandersetzung, um vernünftige Strategien entwickeln zu können. Ganz ohne Causalité magique oder Generalamnesie.

 

 

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Ein Gedanke zu „Causalité magique

  1. gkazakou

    Die Bündelung aller Information in einem Strahl – in Deutschland wohl grad „Flüchtlinge“, in Griechenland „Memoranden“ – beleuchtet nicht, sondern brennt Löcher in die Vernunft.

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