Sachsen: Mississippi Burning

Der Rubikon, die rote Linie oder was auch immer ist längst überschritten. Das Bundesland Sachsen und viele Repräsentanten desselben führen einen Tanz auf, den sich ein föderaler Staat bei welcher Teilautonomie auch immer nicht mehr mit ansehen darf. In Sachsen herrscht der Mob, eskortiert von den staatlichen Organen und erklärt von einer überforderten oder heuchelnden Politik. In Sachsen werden das Recht und der Geist der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland mit Füßen getreten und der brandschatzende, johlende Mob skandiert dazu den Slogan, den keiner mehr hören kann: Wir sind das Volk! Wenn das das Volk wäre, dann sollten alle, die hier und heute zu Sinn und Wohlstand etwas beitragen, schnellstens ihre Koffer packen und das Weite suchen. Die Welt ist voller Gesellschaften, die vielleicht schlechter organisiert und weniger reich sind, in denen allerdings Respekt und Menschenwürde einen Stellenwert haben.

Das Debakel beginnt mit den Erklärungsmustern. Jemand wie der Alt-Bundestagspräsident Thierse erklärt die Barbarei mit den vielen Veränderungen, die die Bürger in Ostdeutschland in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Ihm kann nur geantwortet werden, dass kein Erlebnis die Barbarei rechtfertigt und ihm sei geraten, einmal nach Duisburg oder Bremerhaven zu fahren, und dort seine Sottisen über den schnellen Wandel im Osten von sich zu geben. Der Mann, der aus dem Prenzlauer Berg stammt, dem Bezirk, der vom Immobilienhype durchweht ist, hat keine Ahnung, was im Rest der Republik in den letzten Jahrzehnten an Veränderungen vonstattengegangen ist. Millionen verloren Arbeit und Heimat, Identität und Einkommen und dennoch stürmten sie nicht wie wild gewordene Nazis in den nächsten Kebab-Laden. Da verniedlicht ein Sozialdemokrat das Aufkommen eines neuen Faschismus. Wach auf, Kollege!

Und nun der Ministerpräsident von Sachsen, Stanislaw Tillich, seinerseits zugehörig zu den Sorben, die längst ihre Verfolgung und Bedrohung durch den braunen Mob bei den Vereinten Nationen reklamieren könnten. Er, der wahrscheinlich längst Eingeschüchterte, versucht zu lavieren, spricht von einer vielleicht existierenden rechten Gefahr in Sachsen und mahnt alle Kräfte der Gesellschaft an, in einer sachlichen Diskussion nach den Gründen zu suchen. Wer als Chef des Landes so redet, sollte schnell zurücktreten, denn handlungsfähig ist er nicht mehr. Rechtsverletzungen, kollaborierende oder überforderte Polizeiorgane und schläfrige oder zynische Staatsanwaltschaften sind ureigene Angelegenheiten eines Ministerpräsidenten. Wenn der dann zum gemeinsamen Gottesdienst mahnt, hat er nicht mehr begriffen oder im Griff, worum es geht.

Es ist kein Zufall, dass in Hollywood seit einigen Jahren die sechziger Jahre der USA immer wieder zum Thema genommen werden. In Serien wie den Kennedys, dem Film The Butler oder Selma geht es um die schicksalhaften Jahre der Kennedy-Administration und ihren Umgang mit dem verbitterten Kampf in den Südstaaten, in denen es um die Aufhebung der Rassentrennung ging. Auch in den USA haben sich die Revisionisten auf den Weg gemacht, der wachsenden Komplexität des multi-ethnischen wie polykulturellen Zusammenlebens mit der Keule rassistischer Vereinfachung zu begegnen. Die Historie, die in diesen Filmen reaktiviert wird, hat einen klaren Verlauf gehabt. Als es Spitz auf Knopf ging, ließ Bobby Kennedy, der Justizminister des Präsidenten John F., die Nationalgarde im Süden einmarschieren. Und in Mississippi Burning, dem längst zum Mythos gereiften Klassiker mit der wohl meist weggeschnittenen Szene der Filmgeschichte, bringt ein afroamerikanischer FBI-Agent ein Mitglied des Klu Klux Klan zum Reden, indem er droht, ihm die Eier abzuschneiden.

Die Filme werden auch hierzulande goutiert. Es scheint nur, dass sie nicht richtig verstanden werden. Ohne harte Hand ist dem Rassismus nicht beizukommen.

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19 Gedanken zu „Sachsen: Mississippi Burning

  1. guinness44

    Nach 25 Jahren Regierung hat die CDU in Sachsen wirklich ein Problem. Und auch jetzt habe ich mehr den Eindruck, dass es die ausbleibenden Investitionen und Touristen sind, die vielleicht ein Umdenken bringen. Das ist zwar schade aber besser als nichts.

    Ich bin zu selten in den „neuen“ Ländern, um richtig mitreden zu können aber immer wenn ich da war hatte ich den Eindruck, dass junge, normale Menschen weg gezogen waren. Übrig geblieben sind Alte und junge Männer, die nicht wollten oder konnten. Und diese Mischung kann man dann bei Pegida sehen.

  2. almabu

    Tillich hat erst tagelang geschwiegen und dann mit dem Brüller „das sind keine Menschen, das sind Verbrecher“, verschlimmbessert. Wenn aber schon der MP eines Landes so schnell dabei ist Straftätern des Status von Menschen abzuerkennen, dann lässt das tief blicken im Sachsensumpf…

  3. Dr. Hartwig Maly

    Literaturempfehlung zum Themenkreis ‚Rechtsradikalismus in Deutschland‘: Roth, Jürgen; Der tiefe Staat, Die Unterwanderung der Demokratie durch Geheimdienste, politische Komplizen und den rechten Mob. Heyne Verlag, 2016, 364 Seiten, Kenntnisreiche, sachliche Analyse. Gut recherchiert. Auch wenn der Titel dies nahe legen könnte, nichts Verschwörungstheoretisches.

    1. gkazakou

      also durchaus nicht nur in den neuen Bundesländern, und durchaus nicht nur von Leuten, die arbeitslos geworden sind. „Aus der Mitte der Gesellschaft“ kommen die Täter – wie .schon einmal. danke für den Link.

  4. alphachamber

    Von „hier draussen“ erkennt man kaum noch WER genau das deutsche Volk ist. Für die einen ist das alleine schon etwas Gutes, für die anderen genau der Grund ihrer Agitation.
    Jede Form des Jacobinertums sollte abgelehnt werden, ob brauner Mob oder Antifa.
    Die Frage ist dann auch, ob die Gesteuerten mehr Symphatien verdienen, als diejenigen die Steuern.
    Wahlen entscheiden auch nicht mehr, wer DAS Volk ist – weil der deutsche Parlamentarismus dies geschickt verhindert, zusammen mit Jahrzehntelanger gezielter Fragmentierung der Gesellschaft. Für eine kurze Zeit verschafft der Zustand dieser heuchlerischen Politik eine Verschnaufpause, um sich hinter dem Trockeneis-Nebel auf der Bühne zwischen links und rechts zu bewegen. Auf lange Sicht hin mag es die Deutschen weniger regierbar machen. Demokratie ist nicht Selbstzweck – „she has to deliver the goods“.

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  6. Bludgeon

    Dissenz. Du machst es dir zu einfach. Wo gibt es die harmonischeren Gesellschaften? Beispiele?
    Kennedy war erfolgreich? Die abgekoppelten Schwarzen-Ghettos haben immernoch dasselbe Problem wie in den 50ern. Guck dir mal Beyonces neues Video „Formation“ an. Und belies dich über den immerhin nicht ganz kleinen Skandal, denn es und ihr diesjähriger Super Bowl Auftritt auslösten.
    Sachsen: Wenn Bildung fehlt und die gebildete Minderheit jahrzehntelang das Land verlässt, bleibt der Mob unter sich. Wieso ist das dann ein Wunder, was da geschieht? Mob handelt seit Jahrtausenden gleich – ist also eigentlich berechenbar.
    Thierse hat 2001 gewarnt: „Der Osten steht auf der Kippe.“ Kurzes Buhei – und keine Maßnahmen.

  7. Uwe peters

    So dumm können „die“ Sachsen wohl nicht sein, wenn ich mir die Pisauntersuchung anschaue.
    „Ohne harte Hand ist dem Rassimus nicht beizukommen.“
    Weimar ist ein gutes Beispiel für die harte Hand und besonders das „Ermächtigungsgesetzt“ von Herrn Ebert zum Schutz der Republik von 21.7.1922. Herr Hitler hat dieses Gesetzt dann auch übernommen.
    Wenn irgendein besoffenes Subjekt ein Hakenkreuz in den Schnee pinkelt, dann ist das Geschrei groß.
    Wenn die „Antifa“ ganze Autoreihen abfackelt, dann fällt das unter …?
    Lieber mal durchatmen und recherchieren bevor sie nach der harten Hand rufen.

      1. Uwe peters

        Welches „Recht“ meinen Sie.Es gibt da sehr viele, „damit endlich Ruh herrscht“.
        Das Menschenrecht der UNO ? Das Menschenrecht mit der Kairoer Erklärung ? Das Recht der BRD zu illegalem Grenzübertritt ?
        Das Schengener Abkommen etc. pp ?

      2. Gerhard Mersmann Autor

        Hören Sie auf, Sätze zu unterstellen, die Sie hier nicht lesen. Für Sachbeschädigung, Körperverletzung, Brandstiftung, Nötigung, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Volksverhetzung reicht immer noch das StGB, sollten Sie an einer Auseinandersetzung interessiert sein, gerne, auf Ihre unsinnigen Interventionen werde ich allerdings nicht mehr reagieren.

  8. Uwe peters

    Es hat mir einen Heidenspass gemacht, sie mit einer konkreten Frage zu so einer qualifizierten Antwort wie „hiesige Gesetze“ geführt zu haben.
    mfG
    dann lieber verwirrt

  9. Uwe peters

    Dieses Gesetz füge ich noch hinzu:
    §14, §95 AufenthG
    z.B.:
    Die unerlaubte Einreise und der unerlaubte Aufenthalt im Bundesgebiet sind nach § 95 des Aufenthaltsgesetzes (AufenthG) strafbar, weil diese Taten die „Steuerung und Begrenzung des Zuzugs von Ausländern unter Berücksichtigung der Aufnahme- und Integrationsfähigkeit sowie der wirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Interessen“ (vgl. § 1 AufenthG) als Grundlage des gesamten deutschen Aufenthaltsrechts unterlaufen und vereiteln. Wer sich in Deutschland ohne den erforderlichen Aufenthaltstitel aufhält, ist zudem ausreisepflichtig und hat das Bundesgebiet zu verlassen (§ 50 Abs. 1, 2 AufenthG).
    Mein Anliegen bei den Kommentaren war es darauf hinzuweisen, warum Sie plötzlich reflexartig Sachsen als die Wurzel des Übels darstellen und von allen anderen Vorkommnissen schweigen.
    Der Rechtsbegriff und die Anwendung des Rechts (sei es z.B. hier die Unschuldsvermutung etc.) scheinen mir bei ihnen sehr „stimmungsabhängig“ zu sein.
    Über kulturelle und philosophische Rechtstheorien (Hobbes, Hegel ,Marx, etc.) kann ich mich, bedingt durch mein niedriges Bildungsniveau leider nicht äußern.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Mein lieber Herr Peters, jetzt ist es schon sachlicher, auch wenn ich wieder entdecke, dass Sie Behauptungen meinem Text zuweisen, die einfach nicht richtig sind. Von der Wurzel allen Übels habe ich nichts verlauten lassen, ich bin sogar der Meinung, dass es alles viel zu komplex ist, um von einer Wurzel zu sprechen. Ich hatte die massiven Gesetzesverstöße in Sachsen im Fokus. Die werden auch nicht akzeptabler, wenn andernorts ebenfalls welche existieren. Was uns alle beunruhigen sollte ist die Tatsache, dass die Handlungsfähigkeit der Exekutivorgane angeschlagen ist. Eine der Lehren aus der Vergangenheit sollte meines Erachtens sein, dass niemand der Versuchung erliegen sollte, das Recht relativieren zu wollen.
      Gruß G.M.

  10. monologe

    Ah, es kocht auch hier über. Überall nur sinnloser Streit, Abqualifizierung, Denunziation, Propaganda. Geht es denn wirklich nur um „Straftaten“? Geht es nicht vielmehr um unser Leben miteinander, dem Interesse aneinander, um Umgangskultur – angefangen bei jener der Parteien im Bundestag bis in die Fußballstadien, um Revolte, um Aufreizung, Selbstgerechtigkeit, Defizit, Ignoranz, geistiges Elend, Verdrängung, Hochmut, Sozialdarwinismus, ein Gemisch, das schon lange, lange kocht. Es ist faul im Staate Dänemark. Aber ich z.B. freu mich, dass Leute in Deutschland wieder Deutsch lernen. Ist das schön?

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