Leidende Hunde und einsame Wölfe

Es gibt sie wirklich und wahrscheinlich existieren mehr davon, als allgemein angenommen. Sie führen ihr Leben relativ unbeeindruckt von den Ereignissen um sie herum. Im Deutschen werden sie nicht ganz treffend Einzelgänger genannt, im Englischen existiert der Begriff des Loners, der der Sache sehr nahe kommt, aber wiederum schlecht ins Deutsche übersetzt wird. Da kommt dann nämlich wieder ein Einzelgänger, oder noch schlimmer, ein Eigenbrötler an. Dabei ist der Begriff Loner so schön.

Loner sind Menschen, die aus welchen Gründen auch immer ihre eigene Agenda haben, denen sie folgen. Nicht, dass sie dadurch dissoziativ, d.h. auf Kosten oder gegen das soziale Umfeld wirken würden. Sie respektieren in der Regel die sozialen Verhältnisse, in denen sie sich bewegen, ohne großes Tamtam. Dabei betreiben sie ein Gewerbe, das wiederum im Deutschen sehr schön beschrieben wird: Sie machen ihr Ding. Die Umschreibung wird in der Regel erst dann benutzt, wenn Beobachter nach einem wirklich langen Zeitraum so etwas identifizieren können. Ad hoc, d.h. im Alltag, fallen diejenigen, die ihr Ding machen, gar nicht so auf. Sie passen in jedes soziale Netzwerk, manchmal sogar an herausgehobener Stelle und niemand würde damit rechnen, es mit einem Loner zu tun zu haben.

Der Punkt ist, dass diese Menschen immer zu wissen scheinen, was sie wollen und tun müssen, um dorthin zu gelangen, wohin sie wollen. Alles, was sie tun, erscheint ihnen daher selbst als ein sehr logischer und folgerichtiger Schritt und setzt das eigene Handeln in ein Licht der klaren Logik, wodurch sie selbst ein hohes Maß an Vertrauen und Selbstvertrauen ableiten. Ihre innere Sicherheit, die daraus resultiert, verleiht ihnen in der sozialen Formation, in der sie sich bewegen, den Schein des Normalen. Etwas, das unaufgeregt wirkt, erweckt Ruhe und Vertrauen. Daher werden Loner in der Regel nicht als Störfaktoren erlebt.

Auch die Selbstwahrnehmung der Loner ist geprägt von der Sicherheit, die vermittelt wird durch das Ziel, dem sie folgen. Das Interessante des Loners ist die Tatsache, dass es kein Metier gibt, wo er oder sie nicht vertreten wäre. Eigenartigerweise existiert dieser Archetypus gleichsam in der Hand- wie in der Kopfarbeit, in kreativen Bereichen ebenso wie in sehr gegenständlichen. Ein Loner kann der Schriftstellerei oder dem Malen ebenso verfallen sein wie der Schuhmacherei, dem Kochen oder dem Schreinern. Loner machen ihr Ding, und indem sie es tun, beweisen sie ihre Unabhängigkeit. Sie gehen durchs Leben als beschritten sie ihre Bahnen und als beschriebe ein Kant, warum das gesetzmäßig so sein müsse.

Die Fehlerhaftigkeit in der Bezeichnung ihres Wesens resultiert aus der Tatsache, dass diejenigen, die nicht dazugehören, das Phänomen aber beschreiben möchten, fälschlicherweise von ihrer eigenen Gemütslage ausgehen, wenn sie diejenigen, die meistens allein agieren, beschreiben sollen. Das Herdentier leidet wie ein Hund, wenn das Rudel abhandenkommt. Folglich muss es sich um einsame Wölfe bei denen handeln, die das Alleinsein und das Einsame zu genießen scheinen. Der Loner als Bezeichnung ist der einzige Begriff, der es zulässt, die individualisierte Existenz ohne das Implikat des Leidens oder der Unfähigkeit in der Gemeinschaft zu leben als eine Lebensform zu beschreiben, die als Zustand der Produktivität und der Bestimmung genossen werden kann.

Oft spürt übrigens die Gemeinschaft erst, was sie an Lonern hat, wenn einer von ihnen geht. Und sollten sich einmal zwei Loner treffen und zueinander passen, dann wäre auch ein Kant mit seinem Vokabular am Ende.

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14 Gedanken zu „Leidende Hunde und einsame Wölfe

  1. Nitya

    Loner sind zwangsläufig Anarchisten. Oder umgekehrt? Anarchisten sind zwangsläufig Loner? Anarchisten, die sich für was auch imme vereinen, sind in aller Regel keine Anarchisten. Jedenfalls ist mir noch nie ein wirklicher Anarchist begegnet,der kein Loner wäre. Ansonsten fallen mir noch die alten Taoisten ein. Lauter Loner, die ihr Alleinsein in vollen Zügen genießen konnten. Und ja, das war nie gegen andere gerichtet.

    1. lawgunsandfreedom

      Loner sind oft Individualanarchisten. Es gibt auch Kollektiv-Anarchisten (linke wie rechte), die aber niemals Loner sind, sondern Herdentiere – die linken Syndikalisten sind gerne auch mal gewalttätig.

      Der wohl unbekannteste, aber einflußreichste Vorreiter des Individual-Anarchismus dürfte Max Stirner mit „Der Einzige und sein Eigentum“ sein.
      https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Stirner

      1. Nitya

        Wenn ein Anarchist jemand ist, der weder herrschen will noch beherrscht werden, wie das mal John Henry Mackay formliert hat, dann hab ich Mühe, Kollektiv-Anarchisten als Anarchisten zu bezeichnen. „Herdentiere“ pflegen in der Regel ihre Individualität weitgehend einer kollektiven Idee unterzuordnen. Es gibt wundervolle Ausnahmen, z.B. im Jazz, wenn Menschen zusammen improvisieren und einfach Spaß an der reude haben.

  2. pgeofrey

    War glaube ich auch ein Loner:

    „Viel Sonnen kreisen im öden Räume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte, – mir schweigen sie.
    Oh diess ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes, erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.
    Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen: kalt gegen Sonnen, – also wandelt jede Sonne.
    Einem Sturme gleich fliegen die Sonnen ihre Bahnen, das ist ihr Wandeln. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.“

    F. Nietzsche, „Also sprach Zarathustra“ Das Nachtlied

  3. gkazakou

    Wie klingt die weibliche Form: Lonerin? Mir scheint, als Herausforderung an Männer, dem ein Ende zu setzen. Es sei denn, sie hat schon ausgedient.

  4. Bludgeon

    Man könnt’es auch Sozialphobie nennen. Und: Nein – Loner sind mitnichten Anarchisten – sehr viele von ihnen funktionieren ein Leben lang in dem Rad, in das sie hineingeboren wurden.
    Idealist – bis hin zur Lebensuntüchtigkeit – passt da eher.
    Friedrich Schiller, Karl Marx, Karl May, F.Nietzsche, Arno Schmidt …

  5. Nitya

    „mitnichten“ klingt ja sehr hart.

    Raoul Schindler hat mal die soziodynische Rangordnung entwickelt mit den Alphas, den Betas, den Omegas und dem Gegner (G), die er in jeder menschlichen Gemeinschaft glaubte gefunden zu haben. Ein bisschen erinnerte das an einen Eingeborebnenstamm mit dem Häuptling und den normalen Stammesmitgliedern und dem Schwarzen Schaf, das ständig ausgegrent wurde. Beta steht dabei für den Medizinmann. Und da war der Loner zu finden. Er ist irgendwie noch Teil der Gemeinschaft und ist es doch nicht mehr. Er geht seine eigenen Wege und ist wohl das, was man einen Outlow nennen könnte.

    „Idealist – bis hin zur Lebensuntüchtigkeit“ vielleicht aus der Sicht einiger Gammas, ja.

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