Drei Hasen und ein Fasan

Dass sich nicht nur in der Wahrnehmung von Politik etwas ändert, sondern tatsächliche Veränderungen größeren Ausmaßes vor den Gesellschaften Europas stehen, ist sicherlich keine gewagte These. Für die Länder im Osten Europas ist das sogar schon eher eine Beschreibung der jüngsten Vergangenheit, der Süden durchlebt einen drastischen Wandel seit Jahren und nur das Zentrum und der Westen haben sich, abgesehen von kräftigen wirtschaftlichen Veränderungen, politisch in einem relativ stabilen Zustand befunden. Damit scheint es jetzt vorbei zu sein. Die Ungleichzeitigkeit von Veränderungen ist übrigens eine Erklärung dafür, warum sich der Osten gegen die neuen, anstehenden Veränderungen zuweilen harsch abschottet, denn dramatischer als dort konnte sich der Begriff von Politik nicht wandeln als dort und dramatischer die Wirtschaft sich nicht ändern. Dass dort der Wunsch nach Stabilität nun teilweise radikale Züge trägt, sollte nicht verwundern.

Vor allem hier in Deutschland, mit einem Osten, der diese Entwicklungen, abgefedert durch das Modell Deutschland AG, durchlebt hat und einem Westen, der die Saturiertheit der föderalen Behaglichkeit in seinem Politikverständnis mit sich trägt, braut sich auf der einen Seite eine Ahnung von dem zusammen, was alles zur Disposition stehen könnte. Auf der anderen Seite suggerieren die Mächtigen der wabernden Masse eine Beständigkeit, an die viele tatsächlich auch glauben wollen. Die wird es mit Sicherheit nicht mehr geben.

Nicht, dass es darum ginge, Ängste schüren zu wollen. Aber es geht darum, den Realitäten ins Auge zu sehen und sich nichts vormachen zu dürfen. Im Grunde geht es um zwei Konstanten von Politik, die nicht mehr greifen werden und die einen inneren Zusammenhang zu den Verhältnissen haben, die der Politik zugrunde liegen. Die erste Feststellung ist die, dass sich globale Entwicklungen sehr schnell als Bewegungen im eigenen Territorium abspielen und die zweite ist die, dass die gegenwärtige Doktrin des Wirtschaftsliberalismus mit verantwortlich ist für die Verheerungen, die woanders bereits wirken und deren Wirkung hier noch kommen wird. Das strahlende Ideal dieser Doktrin begründet viele Kriege mit der Maxime auf unbegrenzten Ressourcenzugriff und sie ist Garant für die Verarmung der großen Masse zugunsten derer, die sich jeder gesellschaftlichen Solidarität und dem Fiskus entziehen.

Die Androhung, dass sich das Wesen von Politik dramatisch ändern könnte, muss nicht Furcht einflößen. Ganz im Gegenteil. Es handelt sich um eine Chance, den destruktiven Kräften den Kampf anzusagen. Denn es hilft kein Lamento über die Entwicklung, seien es Flüchtlingszahlen, vor denen der Respekt immer größer wird, sei es das Abfallen in Armut, das immer mehr Menschen betrifft oder sei es die Vergiftung der Umwelt, die nicht nachlässt, ohne das Verursacherprinzip zu thematisieren. In diesem Kontext erweist sich konkret die Politik der Bundesrepublik als ein System der Kollaboration mit den beschriebenen Kräften. Das ist die Grundlage. Auf dieser Erkenntnis müssen die anstehenden Veränderungen fußen.

Es ist interessant, zu beobachten, wie sich unsere Gesellschaft in diesem Augenblick in einer gänzlich anderen Dimension spaltet. Das ist der Teil, der sich an dem Wunsch nach Konstanz und Abgeschottetheit berauscht und hofft, dass alles so bleibt, wie es ist. Und es existiert der Teil, der sich sehr engagiert mit den anstehenden Veränderungen auseinandersetzt. Bei denen, die das alles nicht wahrhaben wollen, nimmt das Nicht-Wahrnehmen bereits groteske Züge an. Es erinnert fast an den letzten König der Franzosen, der am Tag, als die Bastille gestürmt wurde auf die Jagd ging und abends in sein Tagebuch schrieb: Drei Hasen und ein Fasan.

Advertisements

6 Gedanken zu „Drei Hasen und ein Fasan

  1. alphachamber

    Gute Überlegungen. Ein System, in dem es einfacher ist an die Börse zu gehen, als ein Cafe zu eröffnen, ist für uns allerdings kein Wirtschafts“liberalismus“. Ich denke, jedoch, was Sie Ihrem Kontext damit meinen. Die Regierungen würden uns alle gerne zwischenzeitlich auf die Jagd schicken 🙂
    Das haben wir vor fast 3 Jahren veröffentlicht:
    https://huaxinghui.wordpress.com/2013/01/25/ein-wurstchen-fur-die-dobermanner/
    Es scheint heute mehr zu stimmen als damals.

  2. Bludgeon

    Huch, wo kommt denn dein Optimismus her? Wenn ich das unfähige Personal sehe, was unverändert das eben eingeflüsterte Lobby-Sprech ans Volk zu bringen versucht oder die schon 3fach widerlegten Rosstäuschertricks der diversen Utopisten vom linken und vom rechten Rand —-phhhhhhhhhhhh—
    Kanzler Schäuble?
    Kanzler Gabriel?
    Kanzler Meuthen?
    Kanzler Hofereiter?
    Kanzler Bartsch?

  3. Reactionär

    Die Leute, die in Dresden auf die Straße gehen, wollen nicht zurück in die BRD. Im Gegenteil wollen sie diese schnellstens loswerden, sehnen Veränderung herbei. Das sind jene, die, wie schon in der DDR, als erste begreifen was sich zusammenbraut, wenn der Mainstream weitermacht wie bisher. Die haben auch keine Angst. Die haben sie überwunden. Ohne Furcht beschimpft, verleumdet, ausgegrenzt und angegriffen zu werden. Genauso hat es 1989 in Leipzig begonnen.

    Alles Neue ist zunächst destruktiv, zerstörerisch. Im Sinne von Hegels ›Negation der Negation‹. Zuerst muss man das Gegenwärtige entschieden verneinen, um hernach zu sehen, was man hinüberretten will, in die kommende Zeit. Die zieht herauf, denn wir erleben die Umwertung aller Werte. Wieder einmal. Endlich.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Sehr verklärend! Wenn ich richtig informiert bin, war Leipzig das Zentrum und das, was die Menschen dort nicht mehr wollten, war sehr konkret. Was ich aus Dresden höre, sind doch virtuelle Mächte, gegen die man sich auflehnt. Wo ist denn da die Überfemdung? Und welche Perspektive eröffnet die Abschottung?

      1. Reactionär

        Es geht doch in Dresden nicht um Überfremdung. Das ist nur eine Parole hinter der sich aufgestauter Frust formiert.

        Es geht gegen die Paradigmen der westdeutschen Republik in Gänze. Wider der Arroganz der herrschenden Eliten, die meinen, sie könnten mit Pfennigen Leute beruhigen, deren Schicksal völlig andere Bedürfnisse hervorbrachte. Fragen sie die Beteiligten, statt der Lügenpresse zu glauben.

        Die Menschen hier haben nie eine ›gute alte Zeit‹ erlebt. In der DDR Geborene schon gar nicht. Denen, die nach der Wende kamen, widerfuhr die Tristesse der Sozialingenieure, die ihnen Geld, nur keine Perspektive boten. Hier will sich niemand an etwas festklammern, außer vielleicht an die vage Hoffnung einer endlich besseren Zukunft. Ohne die politischen Prototypen der BRD, die sich als ideologische Varianzen Honeckers entpuppten.

        Man kann mitnichten eine Zeit verklären, die man durchlitten hat. Das ist eine typisch westdeutsche Sicht.

        Die Leute, die in der Mitte ihres Lebens von dem Umsturz erwischt wurden, verloren ihre Identität. Über Nacht krempelten sich die Eingeweide der Gesellschaft um. Keiner arbeitete Ende 1990 mehr an dem Platz, den er sich in der Ostzone hart erkämpft hatte. Manche haben es geschafft. Andere stürzten ins Bodenlose, die meisten haben sich einfach verschlechtert. Nicht vom Wohlstand her, vielmehr in ihrer sozialen Stellung. Da wurde nichts ›abgefedert‹. Das traf jeden mit brutaler Wucht, die im Herbst 89 für niemanden vorhersehbar war.

        Der Ostdeutsche hat keine Angst vor Veränderung. Er hat die Totale durchlebt und die Klügeren unter ihnen haben begriffen, dass dies nur ein Anfang ist. Dass man sie vorantreiben muss, bis der bräsige Wessi begreift, dass nichts bleiben kann, wie es ist.

        Natürlich werden Parolen skandiert, die das Establishment zur Hochglut erhitzen. Provokation ist das Ziel, nicht der Sinn der Proteste.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.