Stiefel leckend oder an der Gurgel

Churchill war nicht nur ein überaus begabter Literat und der Staatsmann, der Großbritannien durch den II. Weltkrieg führte. Bereits als blutjunger Offizier schrieb er seine Eindrücke als Begleiter der britischen Kolonialarmee in Ostafrika auf. Unter dem Titel Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi demonstrierte er, was exakte Beobachtung und politische Weitsicht zu bewirken vermögen. Noch heute, nahezu 130 Jahre später, ist es für alle, die sich seriös mit dieser Region auseinandersetzen wollen, ein Muss, Churchills Werk zu lesen. Der Mann, der vielleicht als der zivilisierte Gegenentwurf zu Hitler und Stalin gelten konnte, dem etwas Patriarchalisch-Chevalereskes anhaftete, der Tee als Damengetränk abtat und seine Zigarren mit Whiskey befeuchtete, hatte trotz aller inszenierter Theatralik einen immer scharfen Blick. Das müssen Menschen haben, deren Gabe das Schreiben zu sein scheint und darüber müssen Politiker verfügen, wenn sie es zu mehr als einer episodenhaften Erscheinung bringen wollen. Churchill bekam für seine Darstellung des II. Weltkrieges den Literaturnobelpreis 1953 und saß auf dem Sofa der Siegermächte nach Ende dieses Krieges.

In Zeiten der Polarisierung sind die Urteile über die übrigen Spieler am Tisch zumeist sehr plakativ. Darunter leidet zum einen die Präzision und das Detail, zum anderen profitiert, so die Urteilenden nicht von schräger Propaganda oder illustren Interessen geleitet sind, die Akzentuierung des Wesens von der plakativen Vereinfachung. Churchills Urteile aus dieser Zeit sind legendär. Und auch wenn vieles nicht den heutigen Maßstäben dessen entspricht, was sich die unheilige Inquisition der political correctness so alles ausgedacht hat, so oder gerade deshalb sind viele dieser Urteile von einer Beobachtungsschärfe, die nach dem zeitlichen Abstand doch in hohem Maße verblüffen.

Das Zitat, was vieles von dem, was die gegenwärtige politische Landschaft in Deutschland betrifft, in wunderbarerweise beschreibt, aber kaum den Charme eines Kompliments haben dürfte, ist die Charakterisierung der Deutschen als Wesen, die einem entweder die Stiefel lecken oder die man ansonsten an der Gurgel hat. Bei aller Skepsis gegenüber der Charakterisierung von Nationen und deren Eigenschaften, was allerdings wiederum ein Ergebnis von Individualisierung und Diversitätsverblendung gelten kann, einen wahren Kern hat Churchill mit dieser Bemerkung genannt.

Die politischen Auseinandersetzungen in Deutschland werden entweder in Rahmen einer Systemimmanenz geführt, die einen servilen, zuweilen jämmerlichen Eindruck hinterlassen oder sie werden von einer Hysterie begleitet, die alles negiert, was sich ihr in den Weg stellt und eine Destruktivität verbreitet, die keinerlei Auseinandersetzung mit Andersdenkenden mehr duldet. Diese Polarisierung hat seit Bestehen dieser Nation immer zu anderen Wegen geführt als in benachbarten, vergleichbaren Gesellschaften. Das, was im Guten wie im Bösen immer wieder gleich einer Fata Morgana im gesellschaftlichen Diskurs auftaucht als die Notwendigkeit eines deutschen Sonderweges, resultiert aus dieser psychischen Anomalie von gleichzeitigem Wunsch nach Unterwerfung und Ausbruch oder Rebellion. Da ist es nicht mehr weit zum legendären kleinen Mann, der immer litt, doch nie gewann, und träumt im Bett vom Attentat…

Worunter die deutschen Auseinandersetzungen um die Zukunft bis dato immer gescheitert sind, um als konstruktive Leistungen Aufmerksamkeit zu erfahren, das ist der aus dieser Bipolarität resultierende Mangel an Zivilisation. Die gegenwärtige Entwicklung dokumentiert diese Feststellung wieder einmal in einer beängstigenden Weise. Die Systemimmanenz lähmt bis zur Kläglichkeit und das Rebellische stirbt in Egozentrik. Wie schön wäre da ein bisschen mehr Pragmatismus und Selbstvertrauen und reichlich weniger Hysterie.

 

 

 

 

Advertisements

4 Gedanken zu „Stiefel leckend oder an der Gurgel

  1. almabu

    Als zweiundachtzigmillionster Teil dieser Bipolaren bemühe ich mich seit ich denken kann – und nicht ganz ohne Erfolg wie ich finde – um den letzten Satz dieses Beitrages 😉

  2. Nitya

    Wilhelm Reichs „Hör zu, kleiner Mann!“
    Kopfhörer wären nützlich, Englischkenntnis und ziemlich viel Zeit.

  3. gkazakou

    Nun werden „die Deutschen“ ja zum Glück mal wieder tüchtig mit anderen Völkern und Rassen aufgemischt – höchste Zeit! Zu lange ist es schon her, dass die kleinen und großen Nazis daran gingen, sich aller Beimischungen zu entledigungen – wobei das herauskam, was leider herauskam ….Hoffentlich wird die neue Mischung so interessant und geistig produktiv wie es die deutsch-jüdische war.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.