Das größte Projekt gegen Diktatur und Menschenhass

Neulich beschwerte sich jemand bei einem Freund über die Ereignislosigkeit in seinem Leben. Ihm ginge die Monotonie, so wie er das Ablaufen seiner Routinen erlebte, als eine kaum zu ertragende Langeweile auf die Nerven. Es werde Zeit, so der sich Beschwerende, dass etwas passiere, sonst drehe er noch komplett durch. Der besagte Freund, dem er sein überdrüssiges Herz ausschüttete, hörte sich alles mit einem milden Lächeln an. Eigentlich, so der Freund, sähe er das auch so. Alles ginge seinen Gang, alles liefe so wie immer, aber er genieße das wie ein rares Gut. Wie das?, so antwortete der Klageführer, wir haben doch eigentlich ein ähnliches Temperament, wieso leidest du nicht und freust dich sogar an der Ereignislosigkeit? Ja, antwortete da der Freund, für mich ist der geregelte Ablauf der Routinen ein Ausdruck tiefen Friedens. Das ist für mich ein hohes Gut und daher erlebe ich es als ein großes Glück.

Was klingt wie ein Bruchstück aus Bertolt Brechts Geschichten vom Herrn Keuner war eine tatsächliche Unterhaltung vor wenigen Tagen. Es ist keine Überraschung, wenn deutlich wird, dass der eine, sich über die Langeweile Beklagende ein gebürtiger Deutscher war und der andere aus Serbien stammte. So verschieden kann die Sicht der Dinge sein. Was die einen als Ödnis betrachten, sehen die anderen als Segen und was die einen als willkommene Action begrüßen, fürchten die anderen als Bedrohung.

Die besondere Herausforderung, der sich die Menschen zunehmend stellen müssen, besteht vor allem darin, dass wir es zunehmend mit einem Phänomen der Gleichzeitigkeit zu tun haben. Durch die enger aneinander rückende Welt sind die Zustände von Frieden und Krieg, von Stabilität und Unruhe, von Reichtum und Armut, von Ordnung und Chaos und von Erklärungsnot und Sinn zu ganz selbstverständlich nebeneinander existierenden Nachbarn geworden.

Die Koexistenz sich scheinbar widersprechender Zustände anzuerkennen wäre schon ein erster Schritt, um damit zurechtzukommen. Was allerdings gegenwärtig beobachtet werden muss, ist der massenhafte Versuch, die Illusion des existenziellen Purismus aufrecht zu halten. Entweder Krieg oder Frieden, entweder Ordnung oder Chaos, entweder Stabilität oder Unruhe, das sind die Muster, die in der Lage sind, immer mehr Menschen zu mobilisieren und je nach individueller Perzeption in großem Stile zu spalten.

Anzuerkennen, dass sich alles in einem vagen Zustand befindet, bedeutet, sich mit der Perspektive auseinandersetzen zu müssen, dass vieles passieren kann und das in alle Richtungen. Es setzt voraus, sich darauf eingestellt zu haben, ohne vorher feststehendes Regiebuch existieren zu müssen und sich eine eigene Ordnung herzustellen, die die existenzielle Grundversorgung ermöglicht. Das ist nicht nur anstrengend, sondern es erfordert auch ein gewisses Instrumentarium, ohne dass eine Orientierung in unbestimmten, weil durchwachsenen Zeiten nicht möglich ist.

Das, was in den Wissenschaften so gerne als Ambiguitätstoleranz, als Akzeptanz verschiedener, nebeneinander existierender Unwägbarkeiten beschrieben wird, lässt sich nicht erwerben wie eine Lizenz. Zwei Dinge sind unabdingbar, die das Ergebnis einer gelungenen Sozialisation sind: Selbstvertrauen und eine eigene Vorstellung von Ordnung. Liegt beides vor, so kann an einem Plan gearbeitet werden, um letztendlich das zu erwerben, was vielleicht am treffendsten als innerer Kompass bezeichnet werden kann. Eine innere Orientierung in stürmischen Zeiten, flankiert von Selbstachtung und Werten, gestützt von vernünftiger Disziplin. Die Vermittlung all dessen, ein gewaltiges Projekt, ist das größte seiner Art im Kampf gegen jede Art von Diktatur und Menschenhass.

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8 Gedanken zu „Das größte Projekt gegen Diktatur und Menschenhass

  1. almabu

    Die unterschiedliche Wahrnehmung von Ereignissen rührt auch von der unterschiedlichen Sensibilität und damit der unterschiedlichen Einordnung von Ereignissen her. Scheinbar identische Dinge werden von unterschiedlichen Individuen als Schwarz, Weiss und Grau wahrgenommen. Entsprechend unterschiedlich fällt die Bewertung und damit die Reaktion auf Ereignisse aus. Mein persönlicher Eindruck ist, daß viele Menschen Schwierigkeiten bei der Erkennung und Einordnung von sehr langsam ablaufenden Veränderungen haben. Zum Zeitpunkt der Wahrnehmung ist dann z.T. viel Zeit verstrichen und das Ereignis kann sogar Erschrecken auslösen, weil man es nicht kommen sah. Selbstvertrauen ist der Unsicherheit zwar immer vorzuziehen, ist aber ebenfalls oft nicht objektiv begründet. Man riskiert dann halt mehr und fühlt sich dabei (oft grundlos!) besser als ein unsicherer Zeitgenosse…

  2. Nitya

    Ein Catuṣkoṭi (Tetralemma) ist eine logische Figur bestehend aus vier Sätzen, welche einem Objekt eine Eigenschaft:

    • zusprechen
    • absprechen
    • sowohl zu- als auch absprechen
    • weder zu-, noch absprechen.

    Nagarjuna (2. Jahrhundert): Eine Aussage kann:

    • wahr (und nur wahr) sein
    • falsch (und nur falsch) sein
    • sowohl wahr als auch falsch sein
    • weder wahr noch falsch sein

    Hat sich bis jetzt noch nicht so richtig herumgesprochen.

    1. gkazakou

      … und wenn man alle vier Positionen durchschritten hat – „ja“, „nein“, „sowohl-als auch“ und „weder.-noch“ – , dann geht man durch ein Tor, das auf eine höhere Ebene führt, wo die alten Dilemmata sich als obsolet herausstellen. Es treten neue Dilemmata „höherer Ordnung“ ins Blickfeld, die ebenfalls abgeschritten werden müssen. Usf. Das ist nicht nur eine logische, sondern auch eine lebenspraktische Spirale.

      1. Nitya

        Ursprünglich ist ein Dilemma ja nicht, was man heute darunter versteht, es beschreibt vielmehr einfach zwei unterschiedliche Annahmen. Dies kann im Entscheidungsfall möglicherweise zu einem scheinbar unlösbaren Problem werden. Und dies wiederum kann im Extremfall dazu führen, dass sich jemand eine Kugel durch den Kopf jagt. Es kann aber auch zu so etwas werden, was die Zen-Buddhisten ein Kōan nennen. In diesem Fall wird erkannt, dass der Verstand das von ihm selbst geschaffene Problem niemals mithilfe des logischen Verstandes selbst wird lösen können, und es geschieht im Idealfall ein Sprung, der über die Begrenztheit des Verstandes hinausführt. Und mit einem Mal wird gesehen, dass es da nie ein wirkliches Problem gab, und das Ganze entlädt sich – In schā’a llāh – in einem schallenden Gelächter.

  3. vfalle

    Ja, die Welt ist bunt und es gibt viele unterschiedliche Perspektiven, wenn Menschen bereit sind sie zu erkennen.
    Der Kernsatz des Beitrags lautet für mich daher:
    „Die Koexistenz sich scheinbar widersprechender Zustände anzuerkennen wäre schon ein erster Schritt, um damit zurechtzukommen.“
    Danke dafür.

  4. fredo0

    „“Die Koexistenz sich scheinbar widersprechender Zustände anzuerkennen wäre schon ein erster Schritt, um damit zurechtzukommen.”“
    Ein erster Schritt ist nix zu schreitendes … und niemand könnte da etwas anerkennen …
    leider …
    Das Tetralemma wird niemals verstanden … damit wäre es ja „zum stehen“ gekommen .
    Genau so ist jegliches Denken eines „um zu“ , wie im zitierten Satz genutzt , stets wieder „fixiert“ .
    Das Tetralemma ist auch kein Hinweis auf eine höhere Ordnung , also eine Art Wahrheit dann im Transzendenten.
    Es ist schlicht eine vollumfängliche Bankrotterklärung überhaupt irgendetwas verstehen ( also „zum stehen“ bringen ) zu können.
    Und … ( dies ist der lehrreiche Aspekt det janzen ) zu bemerken , dass Leben trotzdem funktioniert !!! und zwar bestens …
    Es ist also ein höchst pragmatischer Hinweis , dieses Tetralemma , auch wenn es für den einordnenden Verstand ein Dilemma oder gar eine cognitive Katastrophe ist , so ist es doch ein höchst vitaler Hinweis auf ein Leben , dass „sich doch bewegt“ …

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