Diabolische Quellen

Nicht selten gehen ökonomische Entwicklungen und lancierte politische Vorhaben Hand in Hand. Bestimmte wirtschaftliche Trends begünstigen den demokratischen Kontrollverlust und schaffen damit einen Freiraum für politische Manöver im Dienste handfester Interessen. Eines der furiosesten Beispiele für diesen Trend ist die Entwicklung des Rundfunk- und Pressewesens. Dort hat sich eine Zweiklassengesellschaft von Redakteurinnen und Redakteuren etabliert, die es in sich hat. Zum einen ist das tarifliche Portfolio vernünftig definierter Journalisten längst passé. Vorbei die Zeiten, in denen angehende Journalisten diesen Beruf von der Pike auf lernten, fest bei einem Haus angestellt waren und nach einem feststehenden Tarif bezahlt wurden.

Die aus dem Tarif und der Festanstellung erwachsene Unabhängigkeit ist dahin. Stattdessen hat sich ein Heer von so genannt freien Mitarbeitern gebildet, das nach von den Auftraggebern definierten Einzelleistungen honoriert wird. Wer nicht das liefert, was in das intendierte, meinungsbildende Schema passt, ist schlichtweg raus aus dem Spiel. Die Folge ist eine bittere Abhängigkeit, die zu dem führt, was irritierender Weise, aber nicht unbedingt falsch als Prostitution bezeichnet wird. Von einem Pressekodex kann dabei nicht mehr gesprochen werden. Es handelt sich um die Vergabe von Dirty Jobs. Wer essen will, macht mit, wer nicht mit macht, schreibt Werbebroschüren für Discounter.

Das Pendant zu dieser wirtschaftlichen und mentalen Pauperisierung bilden diejenigen, die als Galionsfiguren der Meinungsmacher fungieren und bezeichnet werden müssen. Auch sie sind nicht selten Freelancer, betreiben aber eigene Agenturen und werden als Dauerpropagandisten verpflichtet. Ihre Honorare haben eine Dimension erreicht, die alleine darauf hinweisen, dass es sich um Aufträge handelt, die nicht koscher sind. 70.000 Euro pro einstündigem, wöchentlichen Setting streichen die Protagonisten dieses Milieus ein. Sie haben das, was als journalistische Hemmschwelle bezeichnet werden muss, längst abgelegt und sind sich für keine manipulativen Sottisen zu schade. Ein Blick in die Polit-Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten illustriert, was damit gemeint ist. Von ihrem Bildungsgrad her wissen sie, was sie tun, aber es ist ihnen egal. Der Zweck heiligt die Mittel.

Vieles von dem, was so gerne von Kritikern als Lügenpresse oder Propaganda bezeichnet wird, basiert auf diesem ökonomischen Setting. Hier das Heer der rechtlosen und einem prekären Markt ausgelieferten Zulieferern und dort die Showmaster der Mystifikation, die mit rhetorischer Finesse die politische Agenda bestimmter Strategiegruppen an den Mann bringen. Letztere haben ihr Handwerk dort gelernt, wo die schillernden Strategien ausgeheckt werden. Immer häufiger sind es so genannte Think Tanks oder Denkfabriken. Einer der bekanntesten Nachrichtenjournalisten des ZDF entstammt einem solchen amerikanischen Think Tank und seine Thesen lassen sich direkt in den Papieren dieser Vereinigung nachlesen. Wer erwartet, dass sich die Auftraggeber, in diesem Fall als staatliches Monopol geschützte Institutionen wie die den öffentlich -rechtlichen angeschlossenen Rundfunk- und Fernsehanstalten ein solches Vorgehen verbitten würden, sieht sich getäuscht. Die Denkfabriken und Think Tanks sind zu ohne Umschweife autorisierten Quellen dieser Anstalten avanciert.

So verwundert es nicht, dass in Bezug auf die Berichterstattung über internationale politische Zusammenhänge mittlerweile ohne Skrupel die Denkfabriken und Think Tanks als hervorragende Quelle angegeben werden. Um es zu verdeutlichen: Es handelt sich dabei in der Mehrheit um von bestimmten Strategie- und Wirtschaftslobbys finanzierte Institute, die die Interessen im internationalen Kontext ausloten. Die Krise des Journalismus ist die legale Infiltrierung desselben durch diese Lobbys. Es geht längst nicht mehr darum, diese oder jene Interessen geleitete Information im Einzelfall zu problematisieren. Es geht um die Zerschlagung dieses Systems zugunsten der Installation eines handwerklich sauberen Journalismus. Wenn nötig als Gegeninszenierung. Da ist Kreativität gefragt!

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