Liverpool: Das Tödliche an der Besitzstandswahrung

Franz Beckenbauer hat eines dieser Erlebnisse in seiner launigen Art selbst geschildert. Beim Endspiel um die Champions League 1998, als der FC Bayer in der 87. Minute noch mit 1:0 gegen Manchester United in Führung war, machte sich Beckenbauer im Stadion Nou Camp zu Barcelona oben von der VIP-Tribüne auf den Weg zum Aufzug, um passend zum Schlusspfiff und der anschließenden Siegerehrung direkt am Feld zu sein. Als er unten aus dem Aufzug ausstieg, stand es 2:1 für Manchester. Als ihm der erste, den er sah, diese Information zukommen ließ, dachte Beckenbauer an einen schlechten Witz. Aber es war die Realität.

Gary Lineker, eine englische Stürmerlegende, der nach seiner aktiven Laufbahn immer wieder den Fußball mit köstlichen Bonmots kommentiert hat, beschrieb das Schwierige an deutschen Teams einmal mit dem Satz, man könne sich erst sicher sein, gegen sie gewonnen zu haben, wenn man bereits mit dem Mannschaftsbus auf der Autobahn sei. Wer Lineker kennt, weiß um seine Hintergründigkeit. Denn eines sollte man wissen: Mit englischen Mannschaften ist es nicht anders.

Das bereits zitierte Spiel FC Bayern gegen Manchester United bekam seine für Bayern tödliche Wende, als der damalige Trainer Ottmar Hitzfeld glaubte, kurz vor Schluss Lothar Matthäus auswechseln und auf Halten spielen zu können. Der Fehler kostete Bayern den Titel. Wiederum in einem Endspiel um den Titel der Champions League, im so genannten und beworbenen Endspiel dahoam zu München, trafen besagte Bayern 2012 auf den englischen Club FC Chelsea. Das Muster wiederholte sich. Bayern ging kurz vor Schluss mit 1:0 durch ein Müller-Tor in Führung, Trainer Heynckes wechselte eben diesen Stürmer aus, um die Defensive mit einem anderen Spieler zu stabilisieren. Auch das ging bekanntlich schief. Chelsea egalisierte in der letzten Spielsekunde durch einen Kopfball von Didier Drogba, die Verlängerung ergab nichts und München unterlag im Elfmeterschießen.

Und nun gestern. Dortmund führte bereits nach 11 Minuten mit 2:0, in der zweiten Halbzeit zwischenzeitlich mit 3:1 und dann dachte Trainer Tuchel, er könne auf Halten spielen, wechselte offensive Spieler gegen defensivere aus. Und wiederum erteilte der Fußball dem richtigen Leben eine Lehrstunde, bzw. es wurde wieder einmal deutlich, wie nah der Fußball am richtigen Leben ist. Es wurde zu einem Höllensturm Liverpools und zu einem schrecklichen Debakel für den BVB. In den sprichwörtlich letzten Minuten drehte Liverpool das Spiel und gewann mit 4:3. Tuchel kann sich damit trösten, dass andere große Trainer vor ihm auch diesen Fehler begangen haben, und zwar nicht, weil sie dumm waren, sondern weil sie einem anthropologischen Muster erlagen.

Das gestrige Spiel  in Liverpool ist eine Blaupause für den Wunsch, einen Zustand, der alles erfüllt, was man sich erhofft hat, in seinem Status Quo zu erhalten. Um einen anderen Begriff einzuführen, es ging um Besitzstandswahrung. Auf Besitzstandswahrung zu setzen bedeutet immer auch die herrschende Dynamik ignorieren zu wollen und nach etwas zu streben, was historisch immer nur begrenzt, für trügerische Augenblicke des Stillstandes, scheinbare Geltung hat. Der Kampf um das goldene Kalb herrscht immer und überall und die einzige Strategie, die solide Validität hat, ist die, die auf alle Möglichkeiten bis zur letzten Sekunde setzt. In diesem Punkt war das gestern ein rauschendes Beispiel. Wie damals in Barcelona und wie vor einigen Jahren in München. So ist das Leben, liebe Freunde. Und gestern war das richtige Leben in Liverpool.

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11 Gedanken zu „Liverpool: Das Tödliche an der Besitzstandswahrung

  1. alphachamber

    Sehr interessant, worüber Sie da schrieben. Im Krieg ist es nicht anders und Clausewitz hat diesen Effekt schon ausführlich behandelt. Selbst Napoleon fiel ihm zum Opfer.

  2. ledrakenoir

    Agree with your point here – I was at Anfield gestern abend – two wonderful teams – the LFC coach is german and if not the best one of the three best coach in the world and former BvB coach – wonderful match… 🙂

  3. guinness44

    War das Bayern Debakel nicht 1999?

    Schade für den BVB. War ein tolles Spiel und die Stimmung war selbst am Fernseher noch besser als manches Spiel im Stadion.

  4. Stefan

    Tuchel´s BvB zeichnet sich in dieser Saison dadurch aus, das sie ein Spiel leiten und und über 90 Minuten kontrollieren können. Der gestrige Abend war eine Lehrstunde für den BvB und Trainer Tuchel. Beide Mannschaften traten überraschenderweise mit einer offensiven Aufstellung an. Die beiden Tore für Dortmund entstanden aus Balleroberungen, da Liverpool viel zu hoch aufgerückt war. Nach dem 3:1 für den BvB, ab der 60.Minute, stellte Klopp massiv um. Mit Sturridge wurde aus dem Sturm eine Raute. Die offensiven Mittelfeldspieler arbeiteten nicht mehr defensiv zurück, blieben an der Mittellinie stehen. Die Folge: der BvB verlor die Kontrolle über das Zentrum im Mittelfeld und wurde immer mehr nach hinten zurück gedrückt. Liverpool ging über weite Strecken des Spieles damit volles Risiko, hatte die Hoheit über die Außenbahnen und wurde kaum noch im Aufbauspiel gestört. Die Folge: eine enorme Offensivpräsenz, die letztlich mit Toren belohnt wurde. Klopp wurde für eine schlechte Anfangsformation bestraft und ging in der 2. Halbzeit zum bekannten Klopp´schen Vollgasfußball über, der mitreißend war. Er hatte das Spiel gut gelesen und die richtigen Maßnahmen rechtzeitig daraus abgeleitet. Tuchel nicht. Die englischen Medien sprechen heute u.a. vom Wunder an der Anfield Road. So emotional und dramatisch kann Fußball sein.

  5. Lena Riess

    Als LFC Fan war das gestern ein ganz wunderbares Spiel. In der Früh gleich geschaut, ob das Geschehene real. Was die Gründe betrifft: Deine Analyse trifft meines Erachtens den Nagel auf den Kopf. Der Sprecher hatte übrigens nach 15 Minuten keinen Zweifel, dass Dortmund im Halbfinale sei!

  6. pgeofrey

    Das Spiel gestern war ein kleines Gesamtkunstwerk:
    Von den Gesängen (zweier Fangruppen mit einem Pathos) zu Anfang, über eine „echte“ Schweigeminute, dem sportlichen, torreichen Spektakel, dem friedlich-fairen Auseinandergehen: so könnten wir es gemeinsam gut machen.

  7. wol

    Dachte immer die Form 7 Beiträge sind exzellent aber sehr kopflastig. Dieser Artikel zeigt mir aber, dass ich manchmal falsch liege.

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