Ungeheurlichkeit, zur Sprache gefunden

Maxim Biller. Biographie

Ein heute kaum noch erhältlicher Roman über den spanischen Bürgerkrieg von dem vergessenen deutschen Autor Karl Otten trug einen Titel, der die Situation hervorragend trifft: Torquemadas Schatten. Torquemada, der Großmeister der spanischen Inquisition, wurde schon damals bemüht, um die schrecklichen Zustände eines historisch überkommenen Moralismus, die Herrschaft des Dogmas und die mit ihr verbundene Zensur und Selbstzensur zu beschreiben. Torquemada warf bereits vor dem endgültigen Sieg des spanischen Faschismus seine Schatten und insofern handelt es sich um eine Metapher, die auch zeitgenössische Phänomene durchaus gut illustrieren kann.

Ein beklemmendes Beispiel dafür ist die nahezu inquisitorische Kritik an Maxim Billers neuem Roman Biographie. Es ist anzunehmen, dass Biller mit dieser Geschichte zweier unzertrennlicher Freunde aus einem jüdischen Nest in der Ukraine, die es in ihrer beider Biographie durch Städte wie Prag, Hamburg, Berlin, Tel Aviv und andere Hotspots dieser Welt treibt, auch der gegenwärtigen Befindlichkeit im moralinsauren Deutschland einen Schock versetzen wollte. Aber das, so die These, ist in dem 900-Seiten-Werk wohl nur eine billigend in Kauf genommene Mitwirkung. Zentral geht es um die nicht auflösbare, in alle Lebensbereiche strahlende Traumatisierung jüdischer Familien durch die Höllenfahrt des 20. Jahrhunderts in Zentraleuropa.

Der nicht enden wollende, weil für beide existenziell substanzielle Dialog um den Ausweg, die Flucht, die brachiale Abwendung von dem Geschehenen, ohne es vergessen zu wollen, ist sprachlich zu einem Projekt geworden, das in der deutschen Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht. Das mag genau das sein, was viele Rezensenten aus dem wohl saturierten, aber blutarmen Feuilleton so echauffiert. Vom ersten bis zum letzten Satz entfacht Maxim Biller in diesem Roman ein sprachlich-metaphorisches Feuerwerk, wie es keiner der viel gefeierten Nachwuchstalente der deutschen Gegenwartsliteratur in der Lage wären zu zünden. Wer so schreibt, der hat die Vehemenz der Katastrophe mit der Muttermilch eingeflößt bekommen, vom Holocaust, vom Krieg, vom Kommunismus, vom Zusammenbruch, und alles immer wieder gespiegelt durch die Ereignisse in und um den Staat Israel, von Yom Kippur bis Intifada. Da bleibt das Gestelze der political correctness notgedrungen auf der Strecke.

Der Erzählfaden von Biographie ist die Biographie dieser beiden Brüder, die keine sind, die sich aber verstehen, weil sie die Aporien ihres Lebens als ein Faktum akzeptieren, das sie nicht ertragen, mit dem sie aber umzugehen haben. In dieser Welt der teilweise erfolgreichen, teilweise schon im Ansatz zum Scheitern verurteilten Eskapismen hat der bildungsbürgerliche Diskurs keine Chance. Dort, wo es ums nackte Überleben geht, spielen alle Phantasien, die vor dem Zusammenbruch das menschliche Hirn durchschießen, die zentrale Rolle: Sexuelles, Martialisches, Befremdliches. Wer diesen Zusammenhang nicht sieht, den zwischen historisch einzigartigem Trauma und dieser hastigen Art, zu konfrontieren, zu verdrängen und zu fliehen, der hat das Instrumentarium, diesen Roman verstehen zu können, aus der Hand gegeben oder gar nicht erst erworben.

Ungewöhnlich für eine Rezension, aber aufgrund der Ungeheuerlichkeit an Ignoranz erlaubt, sei darauf hingewiesen, dass der Ethikrat der vereinigten Feuilletons durch den nahezu kollektiven Verriss von Maxim Billers Biographie sich nicht nur zu einer Analogie von Torquemadas Schatten mausert, sondern auch in einer ungewohnten Breite die eigene Ignoranz dokumentiert. Wer Geschichte, vor allem das Desaster des 20. Jahrhunderts, aus der Perspektive europäischer Juden als etwas betrachtet, das hinter uns liegt und die Tischsitten des Bürgertums einfordert, der hat im wahren Sinne des Wortes nichts verstanden. Wer es lernen will zu verstehen, der lese Maxim Biller.

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3 Gedanken zu „Ungeheurlichkeit, zur Sprache gefunden

  1. Bludgeon

    So isses. besonders die letzten beiden Sätze.
    Und wenns schon in der jüdischen Variante schiefgeht, warten wir auf die Sudetenvariante noch viel-viel länger.

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