Von den Schlachthöfen Chicagos zum iPad auf dem Balkon

Der erste Mai als institutionalisierter Kampftag der Arbeiterklasse war bereits Ausdruck der Stärke derer, die sich für das Recht auf Arbeit und auf die Rechte derer, die arbeiten, gleichsam einsetzten. Vor allem die europäische Arbeiterklasse in den Industriehochburgen war eine Macht, an der sich nicht mehr vorbei agieren ließ. Zumindest nicht wirtschaftlich. In den entscheidenden historischen Momenten blieb die große politische Qualität aus, die Parteien, die eng mit den Arbeitergewerkschaften liiert waren, ließen sich im Kampf der Imperialismen gegeneinander ausspielen. Aber die wirtschaftliche Macht blieb bis zu den ersten massiven Krisen des Industrialismus erhalten.

Vor allem die letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts haben die Welt der Arbeit massiv verändert. Das, was unter den Begriffen von Digitalisierung und Globalisierung verstanden wird, hat die Grundform von Lohnarbeit und Kapital nicht abgeschafft. Immer noch existieren die Besitzer von Produktionsmitteln und immer noch gibt es die Armee derer, die nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft und dieses auch tun. Was sich in exponierter Form in der Welt der Arbeit verändert hat, ist ihr Wandel vom fassbaren kollektiver Charakter zum gefühlten Individualismus und in vielen Fällen hat sich die erfahrbare Gegenständlichkeit der Arbeit verabschiedet. Es müssen nicht mehr alle, die an ein und demselben Produktionsprozess beteiligt sind, dieses in ein und demselben Gebäude verrichten. Und es wird immer schwieriger, die Komplexität des Gesamtzusammenhangs auch der Perspektive der Interessen derer, die daran beteiligt sind, zu identifizieren.

Vor allem seit der Jahrtausendwende liegen gesicherte und massenhafte Erkenntnisse darüber vor, was die digitalisierte und globalisierte Arbeit ohne eine neue Form der Interessenvertretung derer, die sie vollziehen, bewirkt. Die Möglichkeit, den tatsächlichen Anteil des Individuums am Prozess der Wertschöpfung zu ermitteln, wird immer geringer und der Prozess der Entfremdung, d.h. der Sinn- und Identitätsverlust im Prozess der Arbeit wird signifikant größer, was sich an der Explosion psychosomatischer Erkrankungen zeigt. Zudem hat die Verteilung des Reichtums eine Dimension angenommen, die vor wenigen Jahrzehnten noch dem Genre des Science Fiction zugeschrieben worden wäre. Das stehen sich die diplomierten jungen Armen in der Kreativwirtschaft und die börsennotierten ehemaligen Startups von Facebook, Paypal und Google brutal gegenüber.

Die Notwendigkeit der Organisation von Arbeit aus der Perspektive ihrer klassischen Interessen ist größer denn je. Das, was als die große Stunde des Individualismus und der Unabhängigkeit verkauft wird, entpuppt sich ökonomisch noch jedesmal als ein ungleicher Kampf um die Durchsetzung der Interessen. Die Schimäre der individuellen Freiheit im Kontext der digitalisierten Wertschöpfung ist das erste, was in einem solchen Prozess der Neuorientierung zerstört werden muss. Jede Form der Wertschöpfung hat bis dato immer noch die Möglichkeit in sich getragen, den Anteil der Arbeit am Prozess der Wertschöpfung zu quantifizieren. Zwar existieren Zeiterfassungssysteme, aber es existieren keine synchronisierten Systeme hinsichtlich der Entstehungsgeschichte und der Wertanteile von extrem arbeitsteiligen Produkten.

Die entscheidende Frage ist nicht die mangelnde technische Möglichkeit, den modernen Formen der Arbeit zu ihrem Recht zu verhelfen. Die entscheidende Frage ist das Bewusstsein derer, die sich ihrerseits als Anbieter von Arbeit in dem Wertschöpfungsprozess befinden. Fühlen sie sich wie freie Unternehmerinnen oder Unternehmer, auch wenn sie 60 Stunden in der Woche arbeiten zu einem Entgelt, das jeder tatsächlichen Relation spottet oder begreifen sie sich als Mitglieder eines Kollektivs, dass der nahezu absoluten Dominanz entgegensteht? Wann beginnen diese Menschen Apps zu programmieren, die die Interessen der Arbeit vergegenständlichen? Es sei die These erlaubt: Alle Malaisen dieser unbefriedigenden Welt resultieren aus dem Rückgang der Interessenvertretung der tatsächlich Produktiven.

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7 Gedanken zu „Von den Schlachthöfen Chicagos zum iPad auf dem Balkon

  1. lawgunsandfreedom

    Bin gespannt, ob die Menschen irgendwann mal das Prinzip „Eigentum am Selbst“ (Self Ownership) begreifen. Ich fürchte nur, es ist viel bequemer, sich in einem Kollektiv oder einer Peer-Group zu verschanzen und auf die „Anderen“ oder „Die da oben“ zu schimpfen.

    Das Beispiel hier ist zwar sehr extrem, beschreibt aber „Self Ownership“ sehr schön.

  2. Pingback: Zudem hat die Verteilung des Reichtums eine Dimension angenommen, … | Red Skies over Paradise

  3. vfalle

    Tatsächlich wird es immer schwerer Zusammenhänge in der globalisiserten und digitalisierten Welt zu erkennen. Vielleicht ist das ja auch so gewollt. Denn das macht es einfacher, Dinge zu konsumieren die andere Menschen unter prekären Verhältnissen herstellen. Nach dem Motto: Was ich nicht sehe, weiß ich nicht und was ich nicht weiß, muss mich nicht kümmern.

    Befürworter der Digitalisierung gehen übrigens davon aus, dass die neuen Technologien kaum mehr Arbeitsplätze vernichten als neue Arbeitsplätze dadurch geschaffen werden. Die Prognose beruht allerdings auf positiven wirtschaftlichen Weiterentwicklungen. Darin ist nicht eingerechnet, dass Deutschland durch den glänzenden Export (insbesondere nach China) zuletzt eine Sonderkonjunktur erlebte, die nun zu Ende geht. Nicht eingerechnet ist auch, dass China nun als Wettbewerber auftritt und die anderen beiden BRIC-Staaten (Brasilien, Indien, China) das wegbrechende Geschäft kaum kompensieren können.

    In einem Management-Seminar zum Thema „Krisen erfolgreich vermeiden“ hörte ich sinngemäß folgender Satz: „Wer lange keine Krisen erlebt hat, verliert das Gespür für die Alarmsignale.“ Das gilt nach meiner Ansicht nicht nur für Top-Manager, sondern auch für einfache Arbeiter und deren Interessenvertreter.

  4. gkazakou

    mit Hammer und Sichel zu demonstrieren in einer Welt, in der die einen nicht einmal die einfachsten Arbeitsgeräte besitzen und die anderen nicht mehr wissen, wie man sie handhabt, scheint mir ziemlich out of the time zu sein. Eine kämpferische Zusammenfassung der Arbeiterinteressen würde voraussetzen, dass die internationale Arbeitsteilung und Ausbeutung zurückgeht.

  5. Uwe Peters

    Sie zeigen Sie hier einen youtube-Mitschnitt vom sogenannten Schwarzen Block aus Hamburg. Ich kenne viele dieser Autonomen z.T. persönlich und bin der Meinung, dass es sich hier um „Linksfaschisten“ gepaart mit Menschen des kurdischen Kulturvereins (http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/1999/erste7184.html) handelt.
    Das ist seit ca.25 Jahren Tradition in Hamburg. Anschließend gab es „Wundenlecken“ und div. Aufsätze über das „Schweinesystem“. Wenn man älter wird, so wie ich, dann schmunzelt man und schämt sich auch für solche Aktionen.
    Den Begriff der Entfremdung gibt es, so glaube ich, schon seit dem Ende der Subsistenz- und Tauschwirtschaft.
    Die Explosion der Zahl der psychosomatischen Erkrankungen ist auch auf den Diagnosekatalog „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme 10. Revision, German Modification, Version 2016“ zurückzuführen.
    Hier werden schon kleinste „Abweichungen“ von der Norm als Krankheit definiert.
    http://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article122691776/So-wird-die-Diagnose-psychisch-krank-gestellt.html
    http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/neuer-diagnosekatalog-dsm-gesund-oder-psychisch-krank-1.1676865
    Da fast sämtliche Leistungen von den Krankenkassen finanziert werden, ist es halt ein gutes Geschäft und spricht sich schnell herum.Ein Beispiel: Was man früher Trauer nach einem Todesfall nannte ist heute eine temporäre Depression und behandlungbedürtig incl. einer längeren Krankschreibung.
    Dann erscheint mir die Begründung der Entfremdung (Sinnsuche ?) und der der Ruf nach dem Klassenkampf doch in einem etwas anderem Licht.

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