Sorge und polarer Funkenschlag

In diesen Tagen wurde darüber berichtet, dass ein afrikanischer Geistlicher, dem die großherzige katholische Kirche die Gunst erwiesen hat, im Bayrischen praktizieren zu dürfen, sehr interessante Beobachtungen gemacht hat. Er war in dieses Land, das sich Deutschland nennt, mit diffusen Vorstellungen und Vorurteilen gekommen, hatte sich diesem Zerrbild allerdings nicht hingegeben, sondern sich die Mühe gemacht, seine Schäfchen eine Weile genau zu beobachten und das Land, in dem sie lebten, sorgsam zu studieren. Das verhalf diesem weisen Mann aus Afrika zu Erkenntnissen, die auch bei denen sehr hilfreich sein könnten, die eigentlich das Objekt der Studie waren.

Trotz aller Komplexität, mit der der Afrikaner konfrontiert war, hat er es vermocht, sich auf das aus seiner Sicht Wesentliche zu konzentrieren. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Deutschen in zweierlei Hinsicht getrieben sind von Stress erzeugenden Paradigmen. Das erste ist die über alles herrschende Sorge im Sinne Heideggers, der ein Doppelcharakter innewohnt, der leider zumeist nicht zusammen gedacht wird und daher besondere Unruhe erzeugt. Denn Sorge im begrifflichen Sinne beinhaltet zum einen die chronisch latente Angst, etwas Schlimmes könne passieren. Andererseits ist Sorge auch etwas sehr Strategisches, von dem die Deutschen auch einiges haben und das in der aktuellen Diskussion mit dem inflationären Begriff der Nachhaltigkeit ausgezeichnet wird. Diese Sorge bezieht sich auf den großen Raum der Perspektive und die notwendige Pflege, die damit verbunden ist.

Das zweite Phänomen, das der kluge Katholik von einem anderen Kontinent identifizierte, ist die Fähigkeit oder der Fluch der Deutschen, alles in der höchsten Form zu polarisieren oder polarisieren zu können. Doch wenn es nur Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse gibt, dann bringt auch das großen Stress mit sich. Denn die polarisierte Welt ist die der Konfrontation, der Auseinandersetzung und die des immer unbefriedigenden Konsenses. Wer vom puristisch definierten Pol der Erkenntnis ausgeht, der muss in jeder Form des Kompromisses eine Verwässerung der Wahrheit sehen. Das schmerzt und macht unzufrieden. Und auch dieses erzeugt wiederum seelisches und nervliches Ungleichgewicht.

Redlich betrachtet sollte man dem zitierten Beobachter Respekt zollen. Denn, ehrlich gesprochen, wer könnte sich der Erkenntnis, die dieser vorzüglichen Beobachtung entspricht, verweigern? Weder das Phänomen der omnipräsenten Sorge noch das der generellen Polarisierung beinhaltet einen konkreten Inhalt, eine politische Aussage oder einen zu diskutierenden Wert. Das macht die Beobachtung so wertvoll, weil ansonsten der Erkenntnis durch Positionierung sogleich eine Schranke gesetzt wäre. So aber, in der Beschreibung der Art und Weise, wie die Welt aus deutscher Sicht perzipiert, rezipiert und verarbeitet wird, lässt sich ein Weg finden, sich selbst zu erkennen oder eine andere Perspektive einzunehmen und andere Nationen und Völker, mit denen wir interagieren, besser zu verstehen.

Was aus der Negativanalyse, zu der wir als Deutsche wiederum sehr schnell neigen würden, sehr schnell als angstneurotisch und Schematisierung tituliert, etikettiert und unverarbeitet im kollektiven Gedächtnis abgelegt werden könnte, sollte vielmehr dazu führen, der Sache auf den Grund zu gehen und sich der  Perspektive einer Verbesserung zu verschreiben. Wenn wir Sorge mehr im Sinne der Pflege und strategischen Weitsicht sehen und auf der anderen Seite statt den polaren Funkenschlag zu präferieren bereit sind, die Welt das eine oder andere mal so zu akzeptieren, wie wir sie vorfinden, könnte es dazu kommen, dass nicht nur der neurotische Umgang im eigenen politischen Diskurs so etwas linderndes wie Heilung erfährt, es trüge auch dazu bei, dass wir in der Lage wären, andere Akteure dieser Welt besser zu verstehen.

 

 

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2 Gedanken zu „Sorge und polarer Funkenschlag

  1. gkazakou

    ganz besonders gefällt mir deine Formulierung … die Welt „das eine oder andere mal“ so zu akzeptieren, wie wir sie vorfinden…. Ja, das wär doch schon mal ein Schritt in die richtige Richtung (fällt mir sehr schwer).

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