Die Globalisierung stößt das Tor nach Europa auf

Es ist einfach. Und es ist plausibel. Dennoch tut sich ein ganzer Kontinent furchtbar schwer damit. Als alles noch so war, wie es scheinbar immer war, da war die Welt Europas noch in Ordnung. Als die Züge in die weite Welt von Europa ausgingen und sie in die entlegensten Winkel dieser Welt führten, um danach wieder zurückzukehren, wenn möglich wie in dem berühmten Refrain beschrieben, schwer mit den Schätzen des Orients beladen. Die Entdeckung der Welt war die Kolonisierung derselben von Europa aus. Die Europäer bereisten die Welt und kehrten bereichert nach Europa zurück. Das gefiel. Und so hätte es bleiben können. Zumindest aus Sicht der Europäer. Aber so ist es nicht geblieben. Deshalb herrscht jetzt Chaos. In Europa.

Man kann das ja auch einmal anders sehen. Aus Sicht der fälschlich als Indianer bezeichneten Ureinwohner Amerikas, aus Sicht der Aborigines oder Papua, aus Sicht der Zulu. Für sie war das, was als Periode der langanhaltenden Globalisierung in die Geschichte eingegangen ist, keine Reise in die weite Welt, sondern eine Heimsuchung. Sie kamen von irgendwo, diese Langnasen, sie ergriffen Besitz von ihrem Land und sie gingen nicht mehr fort. Die, die heimgesucht wurden, hatten sich zu arrangieren mit den Neuen, die anders sprachen, die andere Sitten hatten und die sich nicht anpassten an die Umgangsformen ihrer Gastgeber.

Nun, spätestens im 21. Jahrhundert, ist aus der globalen Kolonisation endlich eine Globalisierung geworden. Die Reiseströme sind keine Einbahnstraßen mehr. Vorbei die Standorte, von wo die Reise ausgeht und wohin sie, bereichert, wieder führt. Sondern es geht drunter und drüber, auch Europa ist ein Ziel geworden, massenhaft, von Menschen, die andere Sprachen sprechen, andere Sitten haben und nur bedingt gewillt sind, die Umgangsformen derer anzunehmen, als deren Gäste sie sich vielleicht fühlen. Willkommen! Die Welt hat das Tor der Globalisierung nach Europa aufgestoßen!

Historiker, Ethnologen, Anthropologen und Sozialwissenschaftler hatten die von Europa ausgehende technische Modernisierung der Welt und die Reaktion auf sie in den heimgesuchten Kulturen so vortrefflich beschrieben. Die Ängste, die vorhanden seien gegenüber dem Neuen, die psychische Überforderung der großen, ungebildeten Massen und ihre Neigung, dem Reflex eines anachronistischen Fundamentalismus zu folgen. Das war alles so logisch abgeleitet, und wer, mit einem aufgeklärten Hintergrund, wollte diesem Deutungsmuster nicht folgen?

Ach Europa, wie es einmal so schön hieß, wie menschlich bist du doch geworden, angesichts der tatsächlichen Durchsetzung der Globalisierung. Jetzt, wo du auch heimgesucht wirst von Besuchern aus anderen Teilen der Welt, da sind politische Muster auf deiner Landkarte identifizierbar, die doch nur in den unterentwickelten Regionen dieser Welt bekannt waren. Da wären, sofern sie unbestechlich wären, die Urteile der Historiker, Ethnologen, Anthropologen und Sozialwissenschaftler gefragt, die erklären könnten, warum die hier psychisch überforderten, ungebildeten Massen plötzlich wie die Wilden irgendwelchen atavistischen Predigern folgten, die einem anachronistischen Fundamentalismus huldigten.

Ja, der europäische Fundamentalismus, welcher auf die weltwirtschaftliche Modernisierungswelle im XX. Jahrhundert folgte, lief unter der Maske des Faschismus durch die Nacht. Der Durchbruch der Globalisierung nach Europa verursacht gerade wieder einen Fundamentalismus, der, analog zu seinem Vorläufer, die Tatsachen der neuen Geschichte mit den Ordnungsprinzipien der gerade zerstörten Welt bändigen will. Illusionärer geht es nicht. Menschlich verständlich ist es schon. Aber es führt trotzdem nicht weiter.

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9 Gedanken zu „Die Globalisierung stößt das Tor nach Europa auf

  1. almabu

    Wenn die wirtschaftsgesteuerte, kapitalistische Politik die Welt als globales Dorf betrachtet, in dem Rohstoffe, Energie und Kapital vollkommen selbstverständlich als grenzenlos verfügbar betrachtet werden und Importe und Exporte ebenso unbegrenzt eingesetzt werden, dann wird es einen nicht wirklich wundern, daß bei diesem gnadenlosen Verdrängungswettbewerb, gerne auch von (stets gerechtfertigten, „gerechten“) Kriegen begleitet, irgendwann die Verlierer dieses aggressiven Wirtschaftssystems, bevor sie verhungern oder Kriegen zum Opfer fallen, in diesem globalen Dorf die Seite wechseln, schlicht um zu Überleben. Sie haben keine Alternative in „unserem“ System. Wenn der Meeresspiegel um 20m anstiege, dann würden Milliarden Menschen zu Flüchtlingen, darunter Millionen im eigenen Land. Wer wollte die, wie, aufhalten? Der Mensch ist grundsätzlich mobil und war viel länger unterwegs als sesshaft in seiner langen Geschichte. Unsere Grenzen sind ein „neumodisches Zeug“ aus den letzten ein-, zweitausend Jahren. Sie würden im Ernstfall weder den „Wirtschaftsnomaden“, noch den Flüchtling der einen Krieg flieht um sein Leben zu retten, nachhaltig aufhalten. Wir können dieser Problematik auch nicht durch Weglaufen unsererseits entfliehen, denn das globale Dorf ist, wie sein Name schon sagt, ein Globus, eine Kugel, die uns unfehlbar an den Ausgangspunkt zurück führt, wenn wir nur lange genug vor der Realität fliehen…

  2. Martina Ramsauer

    Dieser interessante Beitrag erinnert mich sehr an das Buch,Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad, das über die so kultivierten Europäer erzählt, die tief in den Dschungel des Congo vorgestossen sind! Danke.

  3. gkazakou

    Der Anfangsgedanke wirft, mehr noch als die Schlussfolgerungen über „Fundamentalismus“, ein Schlaglicht auf die Tiefenschichten der europäischen Ängste. Es ist die Angst vor der Umkehrung dessen, was man angerichtet hat, vor dem karmischen Ausgleich.
    Man stelle sich vor: eine relativ kleine Gruppe von Nigerianern (oder Arabern, Kongolesen, Indern, Chinesen) erobert das Land der Deutschen, bezieht ihre Schlösser und Villen und zwingt die verelendeten Bewohner, ihnen die Fußböden zu schrubben, in ihren Feldern nach Rüben und ihren Bergwerken nach Kohle und Diamanten zu buddeln, sich zu ihrer Religion zu bekehren, ihre Kinder zu Sexdiensten zu missbrauchen, sie zu entwurzeln und sie als Sklaven in fremde Länder zu verschleppen, sie in jeder nur denkbaren Weise zu quälen und zu erniedrigen und umzubringen … und ihnen nach Jahrhunderten der Qual schulterklopfend zu gestatten, Schreiben und Lesen zu lernen….
    Genau dies haben die Europäer den Völkern der Welt angetan, wo immer sie konnten.

  4. alphachamber

    Wieder ein sehr interessanter Beitrag und – mMn – von elementarer Wichtigkeit, besonders auch von meiner Warte hier, wo die Kolonialisierung weitergeht.
    Sie haben die Türe aufgestoßen, da fällt es schwer sich kurz zu fassen. Neben anderen, dürfen wir auf Folgendes hinweisen:

    1.) „…Aber so ist es nicht geblieben. Deshalb herrscht jetzt Chaos. In Europa.“
    Eine etwas kühne Folgerung, generell.

    2.) Seit es Völker gibt, gibt es Unterdrückte und Unterdrücker. Diese Dynamik ist keine europäische „Erfindung“. Es spielte sich lange zuvor in Südamerika und in Asien ab.
    In langen Epochen, wurden die späteren, klassischen Kolonialisten vom Osten her und namentlich vom Islam selbst beherrscht. Früher galt: kriegerische Überlegenheit schlägt Kultur, später galt/gilt: Technologie schlägt Kultur. In diesem Sinne läuft es weiter und einige Völker werden sich im Aufstieg und andere im Niedergang befinden. Entscheident hierfür ist die Zeitspanne der Betrachtung.

    3.) Die meisten de-kolonialisierten Gebiete hatten ihre Chance nach dem WK II. – „and they blew it!“. China, Vietnam, Korea, z.B. und einige S.-Amerikanische Länder, dagegen, haben ihre wohl ergriffen, Afrikaner kannten Kriege und Landnahmen bevor Ankunft der Weißen. Das Einzige was in Indien überhaupt noch funktioniert ist das, was die Engländer zurückließen. Frankreich unter Napoleon kolonialisierte Europa, u. a. die schwachen deutschen Staaten, zwiebelte sie bis aufs Blut, hinterließ aber einiges Gutes (z.B. den Code Civil und in Indochina die Baquette 🙂 )

    4.) Es ist ein Unterschied, ob ganze Völker gegenseitige globale Wanderungen unternehmen, aus Eroberungstrieb oder weitflächigen Umweltseinflüssen, eben bis zur Bildung der europäischen Staaten, wobei sich dann als überlegen über alle anderen erwiesen, oder ob gefestigte, erfolgreiche Staaten von außen planmäßig destabilisiert werden durch gesteuerte Asylantenströme. Deutschland – und nicht mal Europa, ist doch nicht die einzige, Lebenserhaltenden Alternativen für Nordafrikansche und nahöstliche Völker.
    Es handelt sich hier nicht um „Heimsuchung auferstandener, ungerächter kolonialer Geister“ – nein, dafür kann man sich bei den unsichtbaren Drahtziehern des weltweiten military-industrial-financial complex und seinen „Vereinten Nationen“ bedanken.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Meine Herren! Der Text ist durchaus auch polemisch konzipiert und fokussiert große Teile der momentanen europäischen Befindlichkeit. Deshalb reklamiert er auch nicht, die Weltgeschichte in Gänze wiederzugeben noch ist die Rede von den ungebildeten Massen eine These, sondern die Wiedergabe durchaus etablierter Sichtweisen innerhalb der europäischen Eliten, zu Kolonialzeiten wie heute.
      Beste Grüße am Tag der Erleuchtung!

  5. aschicklgruber

    Rousseau mit den edlen Wilden hat ähnlich argumentiert.

    Wer sind die ungebildeten Massen ?
    „Die Ängste, die vorhanden seien gegenüber dem Neuen, die psychische Überforderung der großen, ungebildeten Massen und ihre Neigung, dem Reflex eines anachronistischen Fundamentalismus zu folgen.“

    Das „Böse“ hat seinen Ursprung nicht in Europa sondern überall auf der Welt.
    alphachamber hat es präzise auf den Punkt gebracht:
    „Es handelt sich hier nicht um „Heimsuchung auferstandener, ungerächter kolonialer Geister“ – nein, dafür kann man sich bei den unsichtbaren Drahtziehern des weltweiten military-industrial-financial complex und seinen „Vereinten Nationen“ bedanken.“

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