Annäherung an eine Philosophie des Hörens

KAH/BA. The Sixth Sense

In einer Welt, die ohne große Vorbehalte mit dem Adjektiv technokratisch bezeichnet werden kann, ist die Beschreibung des sechsten Sinns ein Unterfangen, das allenfalls in philosophischen Kategorien mit Begriffen wie Vor-Schein seriös thematisiert werden kann. Ansonsten unterliegt der Versuch, sich dem sechsten Sinn zu nähern, dem schnellen Verdacht, sich gehörig in den falschen Sphären verirrt zu haben. Das tonale Pendant der Philosophie könnte der letzte Ausweg sein, sich dieser Kategorie zu nähern. Und wenn es sich um ein anerkanntes epistemologisches Experimentierfeld handeln könnte, dann ist es der Jazz. Dort wäre es alles andere als verwegen, sich auf den Weg zum sechsten Sinn zu gegeben.

Der in Graz lebende Musiker und Musiklehrer Heinrich von Kalnein (saxophones/ alto flute) hat, zusammen mit Christian Bakanic (accordion/ grand piano/ Fender Rhodes) und Gregor Hilbe (drums/ live electronics/ loops) diesen Versuch auf dem Album The Sixth Sense unternommen. Mit insgesamt neun Aufnahmen hat sich das Trio auf verschiedenen Wegen dem Thema genähert. Die verschiedenen Zugänge vermitteln der Hörerschaft eine Ahnung davon, worum es sich handelt.

Aufkommende Ängste, dass es sich dabei um ein völlig verkopftes, schlecht hörbares Experiment handelt, sind zwar verständlich, aber ganz und gar nicht angebracht. Goerg, der Opener, kommt aus einem kurzen, schrillen Off schnell zu einer infantilen Melodielinie des Bebop, die allerdings in eine in das Konzept eines zeitgenössischen Fusion eingebettet ist.

The Sixth Sense, das Folgestück, in dem Flötensequenzen sich in den Akkordeonläufen spiegeln, wird getrieben von einer an einen strammen Ritt erinnernde perkussive Untermalung und vermittelt die Aporie des Unterfangens. Der sechste Sinn scheint auf unter dem Eindruck des Getriebenseins aus den Alltagsroutinen. Die lyrische melodische Reflexion lässt sich nicht abhalten von den harten Bedingungen des zeitlosen Treibens. Wake-Up Call greift genau diese Idee auf und nimmt das Tempo heraus, und verfremdet das im Thema angedeutete Aufscheuchen durch das genaue Gegenteil: durch stoisch wiederholte Akkorde auf dem Klavier haben haben Flöte und Saxophon die Möglichkeit, sich in der Erprobung der Vorahnung zu verlieren.

Dass in der Folge Titel wie Kammermusik 6 und Kammermusik 4 auftauchen, unterbrochen von Pfeil, lässt die Spekulation offen, dass die Vorgeschichte mit ihren Traditionen bei der Vorahnung eines durchaus produktive Rolle haben können. The Sun ist das Stück, in dem die Frage nach der unbändigen Energie gestellt wird, die erforderlich ist, um in das Jenseits der Erkenntnis zu gelangen. Good Night And Good Luck ist die Aufforderung, sich der Reise des Experimentellen anzuschließen, allerdings mit der Beigabe, dass sie sich nur aus dem Willen des Individuums selbst beschreiten lässt. Lampedusa A.K.A. At Last verweist nicht umsonst auf eine entlegene Insel, die, bevor sie durch die schrecklichen Ereignisse der Zeitgeschichte in den Fokus geriet, für das Marginale der Zivilisation steht, eine Grenzzone zwischen Realität und einer Ahnung der Sinne.

The Sixth Sense ist ein sehr gut hörbares, musikalisch ansprechendes Experiment, dem es gelingt, an eine Philosophie des Hörens heranzuführen und dennoch Genuss zu vermitteln. Eine Seltenheit!

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