Die Glocke im Nebel

Bestimmte Bilder, die in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen, setzen sich immer wieder im Kollektivgedächtnis fest und schaffen die Grundlage für eine praktische Fortführung des Erlebten. Etwas für die Gesellschaft Bewegendes passiert und die Art und Weise, wie die Protagonisten damit umgehen, setzt sich als Bild in den Köpfen fest. Dies geschieht vor allem dann, wenn die Handelnden selbst ein Bild bemühen, um ihr Vorgehen zu erklären. Wenn aus der Gesellschaft kein Gegenentwurf kommt, hat das Bild der Regierenden eine gute Chance, als Paradigma in gesellschaftliches Handeln überzugehen.

Eines der grandiosesten, aber vom Aspekt aufgeklärten Handelns niederschmetterndsten Beispiele für ein geschaffenes Bild zur Illustration eines politischen Handlings war der Slogan „Wir fahren auf Sicht“ während und nach der Weltfinanzkrise 2008. Wenn bis in unsere Tage ein Schwarzwälder wie der Bundesfinanzminister ein Bild aus der Seefahrt bemüht, sollte genau, ganz genau hingeschaut werden. Aber das Publikum kann beruhigt werden: Das Bild war richtig, das Konzept hingegen grundfalsch. Kein Konzept für die notwendigen staatlichen Interventionen zu haben als die Rettung derer, die die Krise verursacht haben, gleicht tatsächlich dem nächsten Bild, das sich dem kollektiven Gedächtnis aufdrängt. Es ist das des Kurses auf den Eisberg.

Aber, und da schlagen die Realitäten tatsächlich hohe Wellen, die neoliberalistische Libertinage der Bundesregierung wurde von einem Gros bis heute nicht als empörend empfunden und so setzte sich das Bild des Auf-Sicht-Fahrens nicht nur als durchaus probate Metapher, sondern auch als potenzielles Konzept in den Köpfen vieler fest, die in anderen Kontexten mit Direktionsrechten ausgestattet sind und Verantwortung tragen. An diesem Sachverhalt lässt sich exzellent der Zusammenhang zwischen politischem Handeln und wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebenswelten ablesen. Wenn es nicht gelingt, unheilvolle politische Konzepte aufzuhalten, dann perpetuieren sie sich in den anderen Lebenswelten rasend.

So ist es nicht verwunderlich, wenn aktuell das Konzept des Auf-Sicht-Fahrens in allen möglichen Gesellschaftssphären en vogue ist. Auch im Projektmanagement ist das ein durchaus respektabler Ansatz geworden, der allerdings in seiner Wirkung mehr Negatives als Positives zeitigen wird. Etwas, das im Prozess der wachsenden und beschleunigten Professionalisierung aller Lebenswelten vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre, die Durchführung von Projekten ohne deutliche Nennung von Zielen, eine Projektführung, die mitnichten den Sinn ihres Agierens zu kommunizieren gedenkt und lediglich mit Negativszenarien droht, legt sich wie ein trüber Nebel über die Welt der handwerklich durchaus gestaltbaren Problemlösung. Dass vor allem diese Formen des Projektmanagements ihrerseits Ressourcen fressen bis zum Unwohlsein, scheint niemanden zu bekümmern. Dass diese Art des Projektmanagements keine positiven Ergebnisse erzielen wird, ist gewiss, sie in der Welt der Wirtschaft oder Verwaltung zu stoppen ist allerdings schwieriger als in der Politik.

Um die Verheerungen, die momentan im Arbeitsleben durch die Metapher des Auf-Sicht-Fahrens aufhalten zu können, bedarf es eines paradigmatischen Aktes, der nur im Feld der Politik vonstattengehen kann. Solange eine Regierung mit einem Slogan, der die vermeintliche Konzeptlosigkeit beschreibt, denn eine hidden agenda ist immer zu vermuten, ohne heftigen Gegenwind durchkommt, erhöht sich die Chance einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung. Das ist der positive Aspekt der Betrachtung: Die Politik hat immer noch immenses Gewicht, was die gesellschaftliche Vorstellungskraft anbetrifft. Erfährt die herrschende Politik allerdings keine vehemente Opposition, und das ist die negative Botschaft, so perpetuiert sich das Denken bis an den eigenen Arbeitsplatz und vor die eigene Haustür. Wenn die letzte Hoffnung die Glocke im Nebel ist, kann es bereits zu spät sein.

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