Gott Kairos und der Völkermord

Die Frage, ob es einen günstigen Zeitpunkt gibt, hängt von dem ab, worum es geht. Die griechische Mythologie brachte den Gott Kairos für diese Frage ins Spiel, der leicht lädiert, mit halbem Schopf durch die Sphäre gleitet, um daran ergriffen zu werden. Das Spiel mit dem rechten Augenblick ist vor allem im Spiel selbst bis zur Perfektion getrieben, allerdings mit einer Illusionsdichte, die kaum zu überbieten ist. Im so genannten wahren Leben ist der richtige Augenblick eine Frage von Intuition, Erfahrung und manchmal sogar nur von Glück.

Was im Leben eines Individuums so gesehen werden kann, ist im Leben eines Volkes oder einer Nation schon schwieriger. Denn trotz aller Erfahrungen und trotz eines großen Verlustes der Unmittelbarkeit sind Nationen nicht klüger als das einzelne Individuum. Hinzu kommt, dass Nationen für ihre Verfehlungen viel länger zahlen müssen als einzelne Individuen. Das kollektive Gedächtnis der Völker hat einen anderen Bezugsrahmen als der fliegengleiche Horizont eines einzelnen menschlichen Wesens.

Kairos, dieser unfrisierte Hallodri, wandert zwar auch durch die Gemächer der großen Geschichte, allerdings immer nur in der Jetzt-Zeit. Im Hier und Heute kann es passieren, dass eine Nation, vertreten durch Regierungen oder einzelne Staatsmänner oder Staatsfrauen eine Gelegenheit beim Schopfe packt, die andere vielleicht würden vorbeiziehen lassen. Die deutsche Einheit ist so ein Beispiel, das gut illustriert, wie die Hand nach Kairos Schopf griff und ihn festhielt.

Was den flüchtigen Gott aber noch nie geschert hat sind die Gelegenheiten, an denen Nationen sich ihres eigenen historischen Handelns besannen. Das interessiert den Kairos nicht, denn das liegt weit hinter ihm, da ist er längst nicht mehr zuhause. Ob und wie sich die Franzosen oder die Russen ihrer Revolutionen erinnern, ob und wie die Amerikaner über die Besiedelung des Kontinents nachdenken, ob und wie die Deutschen über den Holocaust oder die Türken über ihre Vergehen gegen das Volk der Armenier nachdenken, das interessiert Gott Kairos herzlich wenig.

Insofern ist es unsinnig, über den richtigen Zeitpunkt einer Aufarbeitung von Geschichte zu reflektieren. Aus der Geschichte, aus ihrer Geschichte lernen sollten alle Nationen. Wann sie mit bestimmten Lernprozessen beginnen, hängt immer von ihnen selbst und von jenen ab, die mit ihnen in Interaktion standen. Zu sagen, es gäbe dafür günstige und weniger günstige Zeitpunkte, das hänge von der jeweiligen diplomatischen Konstellation ab, muss eine Irritation hervorrufen, weil diese Behauptung eine These in sich trägt, die von einer eigenen Lernunwilligkeit zeugt.

Diese Lernunwilligkeit wird  hier und heute getragen von einem Nützlichkeitsdenken, das perverser eigentlich nicht sein kann. Weil die Türkei momentan dafür sorgt, dass viele Flüchtlinge aus dem Nahen Osten nicht nach Zentraleuropa kommen, soll der Völkermord des osmanischen Reiches an den Armeniern vor einhundert Jahren in Deutschland nicht öffentlich thematisiert werden dürfen. Eine solche Denkweise unterstellt, eine nationale Reflexion über den Tatbestand des Völkermordes unterläge der Wahl eines günstigen Zeitpunktes. Das ist schräg und aus dem Munde eines Deutschen ungeheuerlich. Verbrechen gegen die Menschlichkeit unterliegen in ihrer Ahndung keinen Opportunitätsprinzipien.

Diejenigen, die jetzt hinsichtlich der im Bundestag verhandelten Armenien-Resolution einer Art des Appeasements bezichtigt werden, werden weit unter der eigenen Gefahr gehandelt. Es ist kein Appeasement, über den richtigen Zeitpunkt zur Thematisierung von Völkermord zu reflektieren. Es ist ein Grad an politischer Perversion, der als Wurzel dessen bezeichnet werden kann, was eigentlich beklagt werden soll.

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2 Gedanken zu „Gott Kairos und der Völkermord

  1. alphachamber

    Wenn Kairos bei der Regierung anklopft, ist keiner zu Hause. Gäbe es einen Gott für politischen Opportunismus, ja, der wäre Dauergast in Berlin (und sicher auch in anderen Machtzentralen).
    Leider hat „der Staat“, als abstrakte Entität kein Lernvermögen, nur einzelen Personen. In diesem Sinne ist das „staatliche Gewissen“ nicht stärker als die gesitige Kapazität des Spitzenpersonals.
    Eine rationale Einstellung zu Pogromen wird es nicht geben, solange diese Massaker entweder zur moralischen Selbsterhebung, oder zu politischer Einflussnahme missbraucht werden.

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